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Sämtliche Texte unterliegen meinem Copyright, wenn nicht anders vermerkt.

Genre: Love
Hauptpersonen: Tom, Bill & Camryn
Sicht: Camryn
Rating: PG12
Kapitel: 30
Copyright/Disclaimer: siehe "About"
Warnung: -


Fallen Angel
Why don’t you realize you’re able to fly?

Kapitel 1 – Schwanzgesteuert
„Was ist eigentlich dein Problem? Was mache ich falsch?“ „Nichts! Es gibt kein Problem! Du machst dir nur selbst welche!“ Tom sieht mich an. In seinem Blickt liegt nichts als Unverständnis. „Ach, es ist also kein Problem, dass du mit anderen Mädchen ins Bett gehst?!“ Ja, das tut er. Er ist mein Freund. Ich liebe ihn. Und er betrügt mich. Mit irgend so ner Tussi aus seiner Klasse. Ich hab die beiden erwischt. Aber das Schlimmste ist eigentlich, dass er keinerlei Reue zeigt. „Nein. Ich liebe diese Mädchen doch nicht!“ Ich spüre, wie mir erneut die Tränen in die Augen schießen. Ich wische sie weg. Ich bin es leid, zu weinen. Nicht schon wieder. „Es… es gibt MEHRERE??“ Ich wusste, dass er mich betrügt. Und ich wusste auch, dass es nicht nur einmal war. Aber ich dachte, es war jedes Mal das eine Mädchen. Es tut so weh. Ich habe immer das Gute in ihm gesucht. Und er enttäuscht mich immer und immer wieder.

„Das ist doch vollkommen gleichgültig! DU bist meine Freundin! Das mit ihnen ist nur Spaß, reiner Zeitvertreib!“ Für mich ist es nicht gleichgültig. Ich kann es nicht fassen, wie er darüber redet. Wie kalt. Am liebsten hätte ich mir die Ohren zugehalten, aber das geht nicht. Eine Träne bahnt sich den Weg meine Wange hinab. Ich kann das alles nicht begreifen. Tom ist mein Leben. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll.

Soll ich ihn verlassen? Soll das wirklich das Ende sein? Ich will das nicht. Ich setze mich auf die Bettkante und stütze den Kopf in die Hände, bemüht, nicht zu schluchzen. Mein ganzes Leben ist ruiniert. Ein Haufen aus Schutt und Asche. Kann ich jemals wieder glücklich sein? Inzwischen weiß ich nichtmal mehr, was Glück überhaupt ist.

„Was machst du für ein Drama daraus? Es sind doch nur Mädchen! Und ich bin DEIN Freund, was soll das also? Du liebst mich doch. Außerdem wärst du ohne mich ein Nichts, und das weißt du auch ganz genau. Du hast keine Freunde. Warum wohl? Weil du immer und aus allem ein Problem machst! Aber du machst es dir jedes Mal selbst schwer! Und mir auch!“

So macht er das immer. Er demütigt mich, macht mir ein schlechtes Gewissen und zwingt mich damit dazu, zu bleiben. Ich kann nicht mehr. Ich gebe ihm Recht, obwohl ich weiß, dass er falsch liegt mit dem was er sagt. Aber eins weiß er ganz genau. Ich bin abhängig von ihm. Ohne ihn kann ich nicht leben. Und ich habe keine Freunde. Ich habe mich immer als Außenseiter gefühlt, und als ich dann hierher nach Magdeburg gezogen bin, habe ich Tom kennen gelernt. Es war das große Glück für mich. Er war perfekt. Lieb, zurückhaltend, süß – so lange bis er mich als Freundin hatte. Seither behandelt er mich wie Dreck. Das geht jetzt schon fast 2 Jahre so. Und die Wunden werden immer tiefer. Mit jedem Mal.

„Alles okay, Süße?“ Gott wie ich das hasse. Diese Show. Aber wenn ich das sage, wird er wieder wütend und dann ist alles noch schlimmer. „Ja… alles klar“ Ich zwinge mich zu einem Lächeln. Er bemerkt nichtmal, wie falsch es ist. „Dann ist ja gut“ Er beugt sich vor, um mich zu küssen. Es fühlt sich kalt an. Viel zu kalt. Kalte, glatte Routine. Schon vor mehr als einem Jahr hat es sich falsch angefühlt, seine Lippen auf meinen zu spüren, seine Zunge. Inzwischen ist es mir egal. Es gibt keine richtige Verliebtheit mehr in meinem Leben, kaum noch schöne Momente. Und doch weiß ich, dass ich ihn liebe. Es ist richtig so.

Als er seine Hand unter meine Bluse schiebt, wehre ich mich nicht. Ich will es zwar eigentlich nicht, aber ich will auch nicht schon wieder streiten. Ich bin es leid. Willenlos lasse ich mich ausziehen, und kurz darauf schlafen wir miteinander. Ich habe Schmerzen dabei, doch es ist mir egal. Ich will nur endlich wieder geliebt werden.

Kapitel 2 – Gefühllos
Als ich aufwache, weiß ich zuerst nicht, wo ich bin. Doch dann kehrt mit einem Mal die Erinnerung zurück. Tom. Ich. Wir. Wieder einmal stelle ich fest, wie falsch sich dieses >wir< anhört. Aber es bringt ja doch nichts. Tom ist schon weg. Keine Ahnung, wohin er gegangen ist. Ich stehe auf und mache das Radio an. Es läuft „Everytime“ von Britney Spears.

Everytime I try to fly, I fall
Without my wings I feel so small
I guess I need you, Baby

Ja, so ist es. Ich brauche ihn. Und das wird sich wohl nie ändern. Resigniert seufze ich, schnappe ein paar meiner Klamotten und gehe ins Bad. Ich bin vorübergehend hier eingezogen, weil meine Eltern für 4 Wochen weggefahren sind. Ich wollte nicht mit, denn ich bin ihnen ohnehin egal. Unter der Woche sind sie den ganzen Tag arbeiten, manchmal auch samstags. Sie reden nie viel mit mir, haben noch nie zugehört, wenn ich Probleme hatte. Und dass ich erst 14 bin und schon seit 2 Jahren jedes Wochenende bei meinem Freund schlafe, ist ihnen auch egal. War es schon immer.

Naja, und da Tom ja schon immer so wundervoll rücksichtsvoll war und ich Angst hatte, ihn zu verlieren, habe ich eben schon im zarten Alter von 12 Jahren das erste Mal mit einem Jungen geschlafen. Und das, obwohl ich sowas von noch nicht bereit dazu war. Dementsprechend war es auch alles andere als schön für mich mit ihm zu schlafen – das ist es bis heute nicht. Und >miteinander schlafen< ist so oder so der falsche Ausdruck dafür. Man müsste es um einiges derber ausdrücken, aber das lasse ich wohl lieber bleiben.

Manchmal habe ich sogar Angst vor Tom. Aber er würde mich nie anrühren. Oft wünschte ich, er würde es tun. Mich schlagen. Denn dann hätte ich einen Grund, ihn endlich zu verlassen. Wenn ich mich einfach so von ihm trennen würde, würde er mir vorwerfen, dass ich mir das alles nur einbilde. Und ich würde ihm sofort glauben. Weil ich es glauben will.

Als ich aus der Dusche komme, ziehe ich mich an, föhne mein schulterlanges dunkles Haar und lege etwas Make-Up auf. Für mich. Damit ich mich endlich wieder hübsch finden kann. Und für Tom. Damit er mich hübsch findet. Mich liebt.

***

Ich stelle ein paar Kerzen auf, neben dem Bett. Ich habe sie vorhin erst besorgt, will, dass alles perfekt ist. Heute werden wir uns einen schönen Abend vor dem Fernseher machen. Tom und ich. Vielleicht ist ja doch noch nicht alles verloren. So, alles fertig. Ich habe sogar ein besonderes Parfum aufgelegt. Es duftet so weiblich. Ich mag es. Hoffentlich mag er es auch.

Endlich kommt er zur Tür rein. Auch wenn er mich so oft verletzt, ich habe ihn vermisst. Ich gehe auf ihn zu, küsse seine Wange. „Hallo Schatz“ „Hey“ Er pflanzt sich aufs Bett. Als ich die Kerzen anzünde, fragt er nur verständnislos: „Was genau soll das werden?“ „Wir machen uns einen schönen Abend!“ Ich lächle und starte den Film, den ich für uns ausgesucht habe – das Haus am See. Eine Schnulze, aber vielleicht bringt ihn das ja zumindest ein bisschen in die richtige Stimmung. Ich setze mich neben ihn aufs Bett und schmiege mich an ihn. „Na gut“, seufzt er und legt einen Arm um mich. Ich liebe diese Momente. Ich lebe nur für sie. In seinen Armen zu liegen ist für mich das einzige Richtige. Was soll auch sonst das Richtige für mich sein?

Vorsichtig küsse ich seine Wange, dann den Mundwinkel. Er dreht den Kopf zu mir – und küsst mich. Es fühlt sich noch immer komisch an, aber nicht ganz so schlimm wie sonst.

„Ich liebe dich“, flüstere ich zärtlich in sein Ohr. Ein erwartungsvolles Kribbeln breitet sich in mir aus. Doch er gibt nur ein „Mhm…“ von sich. Und dann dreht er sich wieder zum Fernseher. Ich könnte schreien. Er hat es mal wieder geschafft, alles kaputt zu machen. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte.

Kapitel 3 – all I need of hell

Ich stehe auf, gehe aus dem Zimmer. Ich ertrage das nicht. Wir sind kaum 5 Minuten zusammen und schon verletzt er mich. Ehe ich mich entsinne, bin ich im Gästezimmer. Ich setze mich auf das unbenutzte Bett. Keine Ahnung, wieso ich ausgerechnet in dieses Zimmer gegangen bin, aber es ist wohl das einzige, in dem ich wirklich meine Ruhe zum Nachdenken habe.

Oder auch nicht. Die Tür geht auf. Tom kommt ins Zimmer. Der hat mir gerade noch gefehlt. „Was ist los? Was hast du denn jetzt schon wieder?!“, fragt er ungeduldig. Er setzt sich zu mir aufs Bett.

Ich sehe ihn an. Seine Dreads, die inzwischen viel länger sind als am Anfang. Seine braunen Augen, die mich gelangweilt ansehen. Seine Lippen, die mir vorkommen, als wären sie aus Eis. Ich weiß nicht warum, aber für einen Moment habe ich das Gefühl, eine Illusion vor mir zuhaben. Ein Trugbild.

„Liebst du mich?“ Ach du Scheiße. Ich habe keine Ahnung, wo das auf einmal herkam, es ist mir einfach rausgerutscht. Aber es ist die Frage, die schon so lange in mir brennt. Und ich will eine Antwort. Jetzt.

„Jaja, schon“, erwidert er schnell. Es kling halbherzig. Ich glaube ihm nicht. „Wirklich?“ Stille. Unerträglich lange Stille. Er sagt nichts, schaut mich auch nicht an. Doch dann seufzt er leise und antwortet. „Nein. Vermutlich nicht.“ Nein. Bitte mach, dass das nicht wahr ist. Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Ich sehe vor mir, wie eine riesige Mauer zerbröckelt, einfach in ihre Einzelteile zerfällt. Mein Leben. Wie kann er mir das nur antun? Ich dachte, er liebt mich. Ich war so überzeugt davon. Weil ich ihn auch liebe. Über alles. Und jetzt ist alles vorbei.

„Dann ist das wohl unser Ende, was...?!“, höre ich ihn sagen. „Nein, Tom. Es war schon lange vorbei.“ E sieht mir in die Augen. Lange. Unerträglich lange. Ich verbrenne förmlich unter seinem Blick. Doch er ist leer. Emotionslos. Und das verletzt mich unglaublich. Aber ich werde das nicht mehr zulassen. Dass er mich verletzt. Nicht mehr. „Lass mich alleine“, sage ich entschlossen. Das scheint ihn zu überraschen. Jedenfalls hört er auf mich. Er steht auf und verlässt den Raum. Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss.

Erst jetzt kann ich weinen. Ich weine aus Schmerz, aber auch aus Erleichterung. Schmerz, weil er mich so verletzt hat. Weil er mich verlassen hat. Weil er mich nicht liebt. Wir werden nie wieder ein Paar sein, uns nie wieder küssen. Wir werden uns nie wieder gegenseitig spüren können. Aber andererseits bin ich auch unheimlich erleichtert. Es ist vorbei. Er hat mir jetzt nichts mehr zu sagen. Ich werde mich nie wieder seinetwegen quälen müssen, mich nie wieder von ihm unterdrücken lassen. Ich kann nun endlich tun, was ich will. Und nicht nur das, was er will. Spontan fällt mir ein Gedicht von Emily Dickinson ein.

Parting is all we know of heaven
And all we need of hell

Zum ersten Mal verstehe ich wirklich, was sie damit meinte. Früher habe ich es nie verstanden. Es ist, als ob sie das Gedicht nur für meine Situation geschrieben hätte. Ich kann es noch immer nicht fassen. Wir haben uns wirklich getrennt. Tom und ich. Das >Wir< existiert nicht mehr. Wir werden nie wieder zusammen sein. Nie wieder. Der Gedanke treibt mir erneut die Tränen in die Augen. Es ist zu spät. Zu spät, um noch irgendwas zu ändern. Zu spät, um wieder geliebt zu werden.

Ich kann nicht anders als hemmungslos zu schluchzen. Aber das muss ja nicht jeder mitbekommen. Am wenigsten Tom. Ich verberge mein Gesicht im Kopfkissen. Ich will Tom nicht sehen, will nicht mit ihm reden. Aber ich muss noch 3 Wochen hier verbringen. Ich kann nirgendwo anders hin. Außer vielleicht auf die Straße. Und das ist definitiv keine Option für mich. Dann verschanze ich mich lieber für 3 Wochen hier in diesem Zimmer.

Gefangen. In der Hölle. So kommt es mir vor.

Kapitel 4 – Rettung
Als ich aufwache, habe ich Kopfschmerzen. Wie spät ist es? Keine Ahnung, wie lange ich geschlafen habe. Ich habe noch nicht einmal bemerkt, dass ich eingeschlafen bin. Jemand sitzt auf der Bettkante. Hoffentlich nicht Tom. Ich blinzle, hebe den Kopf. Glück gehabt. Es ist nicht Tom, sondern… „Bill?!“ Er zuckt zusammen. Anscheinend habe ich ihn erschreckt. „Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken“ „Kein Problem… ich hab gar nicht bemerkt, dass du aufgewacht bist“ Aufgewacht? Moment mal. Wie lange sitzt der eigentlich schon da? „Was…“ Ich blicke ihn verwirrt an. „Naja… ich habe gemeint, jemanden weinen zu hören, aber als ich dann rein kam, hast du geschlafen… und ich hab mich nicht getraut, dich zu wecken…“ Er lächelt mich fast schon entschuldigend an. Soll das heißen, er sitzt schon hier, seit ich eingeschlafen bin? Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Das dürften jetzt so ungefähr 2 Stunden sein. Wow. Ganz schön geduldig, der Junge. Womit hab ich denn das verdient?

Ich muss zugeben, es tut mir gut, dass jemand da ist. Ohne Tom fühle ich mich so einsam. Das war schon immer so. Ich setze mich auf, reibe meine Augen. Dann rutsche ich ein Stück nach hinten, so dass ich den Rücken an die Wand lehnen kann. Bill tut es mir gleich und setzt sich neben mich. Ich drehe den Kopf, damit ich ihn ansehen kann.

„Möchtest du… reden?“ Er sieht mir in die Augen. Die ganze Zeit, selbst als er noch auf meine Antwort wartet, schaut er mich an, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Aufmerksam. Ich glaube, ich kenne keinen Menschen, der beständigeren Augenkontakt halten kann. „Worüber?“, frage ich gespielt unwissend. Ich will rausbekommen, wie viel Tom ihm erzählt hat. „Naja… normalerweise weint man nicht einfach so, oder?“ Und wieder dieser Augenkontakt. Plötzlich wird alles um mich unscharf, ich sehe nur noch seine Augen. Es sind dieselben wie die von Tom, nur liegt in ihnen etwas unbeschreiblich Warmes, Beruhigendes. Bis jetzt ist mir das noch nie so aufgefallen. Obwohl ich Bill schon genauso lang kenne wie Tom und immer gut mit ihm ausgekommen bin. Außer wenn Tom Streit mit ihm hatte, dann habe ich mich gezwungen gefühlt, zu Tom zu halten. Aber ich glaube auch, dass Bill mir das nie ernsthaft übel genommen hat. Meine Kopfschmerzen holen mich zurück in die Realität. Autsch. „Weißt du, ich kann es verstehen, wenn du nicht reden willst, aber meistens hilft sowas…“ „Ich… ich will schon reden, ich war eben nur… in Gedanken.. tut mir Leid“, antworte ich zerknirscht. Er hat Recht, es hilft wirklich meistens. Obwohl ich in dem Fall nicht daran glaube, dass irgendwas hilft. Aber versuchen muss ich es zumindest. Und ich spüre, dass ich Bill vertrauen kann. Warum, weiß ich auch nicht genau. Ist nur so ein Gefühl.

„Ich… also Tom…“, setze ich an. „Was ist mit Tom?“, fragt er vorsichtig und legt einen Arm um meine Schulter. Es ist nicht das erste Mal das er das tut, aber diesmal fühlt es sich anders an. Irgendwie seltsam. „Er… er hat Schluss gemacht“ Oh nein, nicht schon wieder. Ich spüre, wie mir die Tränen die Wangen hinab rinnen. Mein armer Kopf. „Verdammt… dann hatte ich doch Recht… ich wünschte, ich hätte falsch gelegen“ „Falsch gelegen mit was?“ Ich versuche, die Schluchzer so gut es geht zu unterdrücken. Gott, muss ich mich jämmerlich anhören. „Ich hab es… kommen sehen… ich weiß wie Tom ist und ich hab gesehen wie er dich behandelt hat… tut mir echt leid“ Er drückt mich kurz an sich. „Warum hast du’s mir nicht gesagt? Wo du es doch gewusst hast?“ Ich verstehe das nicht. Er hat es die ganze Zeit gewusst und mir nichts davon erzählt. Warum? Ich hebe den Kopf, um ihn richtig ansehen zu können. Für einen Moment glaube ich, den Anflug eines Lächelns in seinem Gesicht zu sehen. „Das hättest du doch vollkommen falsch aufgefasst… und geglaubt hättest du mir auf keinen Fall…“ „Ich weiß“ Er hat Recht mit dem, was er sagt. Ich wäre vermutlich sogar sauer auf Bill gewesen, anstatt auf ihn zu hören.

„Ich liebe ihn“, sage ich leise. Und dann lasse ich den Tränen freien Lauf. Vorhin war es mir noch peinlich, aber jetzt ist mir alles egal. Und ich vertraue Bill. Irgendwie. „Ich weiß… aber er hat deine Liebe nicht verdient, das weißt du hoffentlich…?“ Ja, das weiß ich. Aber abstellen kann ich meine Liebe deswegen auch nicht. „Sieh mal, ich sag sowas echt nicht gerne, aber du darfst ihm nicht dein Herz überlassen, wenn du weißt, dass er es immer wieder brechen wird. Und das tust du.“ Er hat schon wieder Recht. Warum hat er nur immer Recht? Ich hasse das. Vor allem wenn er etwas sagt, das mir nicht gefällt. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Ich weiß nur, was ich jetzt brauche.

„Halt mich“. Kaum habe ich das gesagt, schließt er mich schon in seine Arme. Ich lege meinen Kopf an seine Schulter, kann einfach nicht aufhören zu weinen. Ewigkeiten sitzen wir einfach nur so da. Er lässt mich nicht los. Er weiß, wie sehr ich jetzt jemanden brauche, der mich festhält. Irgendwann merke ich, wie erschöpft ich bin. Sekunden später bin ich eingeschlafen, den Kopf noch immer an seiner Schulter.

Kapitel 5 – Regeneration
Ich schlage die Augen auf. Zuerst sehe ich nur weiß. Alles blendet. Ich blinzle. Einmal. Zweimal. Schon besser. Mein Kopf tut auch nicht mehr so weh wie gestern Abend. Gestern Abend… mit einem Schlag kehrt die gesamte Erinnerung zurück. Schmerz. Verzweiflung. Und irgendwoher Sicherheit. Das kam dann wohl von Bill. Es war gut, dass er da war. War. Gutes Stichwort. Wo ist er jetzt überhaupt? Vermutlich schlafen gegangen. Er konnte ja nicht die ganze Nacht bei mir bleiben. Wieso sollte er auch?! Er hätte keinerlei Grund dazu.

Ich setze mich auf, schlage die Bettdecke zurück. Da hat mich wohl jemand zugedeckt. Ich lächle und werfe einen Blick auf den Wecker, der auf dem Nachttisch steht. 08:34. Vor dem Wecker liegt ein kleiner gelber Zettel. Ich nehme ihn vom Tisch und beginne zu lesen.

Ich bin schlafen gegangen.
Ich hoffe, es geht dir besser,
wenn du aufwachst.
Wenn ich wach bin,
schaue ich vorbei!
Mach dir keine Gedanken…
Bill

Süß. Gott, was denke ich denn da? So langsam werde ich echt verrückt. Und das nur wegen Tom. Dieses Schwein. Aber ich werde nicht schon wieder weinen. Nein, diesmal halte ich meine Tränen zurück. Außerdem muss ich ihm noch nicht mal begegnen, was mich ungemein beruhigt. Bill kommt schließlich nachher zu mir hoch. Und dann können wir reden. Zumindest, wenn er nicht schon genervt ist von mir und meinen Problemen. Aber das ist er sicher nicht. Er ist so lieb… womit habe ich das verdient? Ich weiß es nicht. Im Moment wünschte ich nur, dass er schon da wäre.

Als hätte ich durch meine Gedanken irgendetwas ausgelöst, klopft es plötzlich zaghaft an die Tür und Sekunden später schleicht Bill ins Zimmer. „Hey“ „Hey… ich wusste nicht, ob du noch schläfst, aber ich dachte, ich seh mal nach dir“ Er lächelt mich an. Unsicher irgendwie. Ich erwidere sein Lächeln. „Lieb von dir… ähm, setz dich doch…“ Ich deute neben mir aufs Bett. Na hoffentlich heule ich nicht wieder so viel wie gestern.

„Ich muss mich noch bei dir bedanken… wegen gestern“ Ich beäuge meine Zehenspitzen. „Ach komm schon, das ist doch kein Problem… wirklich nicht… ich hasse es, wenn es jemandem schlecht geht“ Erst zögere ich, weiß nicht, wie ich mit der Situation umgehen soll, doch dann umarme ich ihn kurz. Er erwidert die Umarmung mit einer Seelenruhe, die mich total umhaut. Er strahlt so eine Wärme aus. Es tut gut.

Allerdings glaube ich, schon zu müffeln und deshalb sage ich: „Du… ich glaube, ich sollt mal kurz duschen gehen, ja? Ich bin in 10 Minuten wieder da!“ „Okay“, sagt er, als er mich langsam loslässt.

Ich begebe mich in Richtung Bad. Ein Glück dass es hier ein Gästezimmer mit Bad gibt und ich nicht nach unten muss. Gähnend schaue ich in den großen Wandspiegel. „Waaah!!!“ Ups. Hab ich das eben laut gesagt? Oh Gott ich seh wirklich schlimm aus. Meine Haare stehen in alle Richtungen ab und der Kajal von gestern ist in meinem ganzen Gesicht verschmiert. „Alles okay bei dir?“, ruft Bill aus dem Nebenzimmer. „Jaja… ich habe nur bemerkt wie schräg ich aussehe“ Ich verziehe das Gesicht. Na toll, noch besser… Ich glaub ich seh lieber mal zu, dass ich schnell unter die Dusche komme… scheiße, ich hab meine Sachen noch nicht von unten geholt. Aber ich will auch nicht nach unten gehen. Tom schläft bestimmt noch. Und wenn ich ins Zimmer komme, wacht er garantiert auf. Ich will ihn nicht sehen. Es ist mir zwar unangenehm, aber da bleibt wohl nur eine Möglichkeit. „Bill?!“, rufe ich deutlich hörbar. „Hm?“, kommt es zurück. „Könntest du mir nen Gefallen tun?“ „Was für einen?“ „Könntest du mir meine Sachen von unten holen?“ „Klar“ Uff. Gerettet. „Danke! Ich hüpf dann schon mal unter die Dusche, ja?!“ „Okay!“ Huch. Irgendwie klingt das nach Ehepaar.

Als ich aus der Dusche steige, fühle ich mich schon um einiges besser. Ich wische die restliche Schminke aus meinem Gesicht und kämme meine Haare mit einer Bürste, die ich im Badschränkchen finde. Hoffentlich ist das okay. Ich schaue in den Spiegel. Irgendwie fühle ich mich noch immer hässlich. Ungeliebt. Mein Köper gefällt mir nicht mehr, seit ich weiß, dass Tom mich nicht liebt. Eigentlich schon, seit ich es ahne. Und das ist verdammt lange. Naja. Auch egal. Erstmal anziehen.

Oh verdammt. Ich bin ja so dämlich. Meine gesamte Unterwäsche ist noch in meiner Tasche. Und die steht im Nebenzimmer. Bei Bill.

Kapitel 6 – Herzchenunterwäsche
Scheiße. Und jetzt? Ich kann wohl schlecht splitterfasernackt ins Nebenzimmer rennen, so gut kenne ich Bill nun doch nicht. Und selbst wenn… Tom war der Einzige, der mich nackt sehen durfte… mal ganz davon abgesehen, dass Bill einen mittelschweren Schock bekommen würde. In die alten Sachen will ich nicht schlüpfen, sonst komme ich mir wieder so dreckig vor. Und das nicht nur wegen dem Sauberkeitszustand der Kleider. Tom hat mich verlassen, als ich diese Sachen anhatte. Und Bill hat mich getröstet, als ich sie anhatte. Es ist zwar nicht so, dass Letzteres schlimm war, aber irgendwie habe ich Schuldgefühle Tom gegenüber. Es kommt mir vor, als würde ich ihn hintergehen, wenn ich mich bei seinem Bruder ausheule.

Also muss ein anderer Plan her wegen den Klamotten. Ich könnte mir auch einfach das Handtuch umschlingen und Bill bitten, sich umzudrehen. Aber auch wenn ich weiß, dass er es tun würde, habe ich Angst, dass er sich wieder umdreht, ohne dass ich es erlaube. Ich will nicht, dass er mich nackt sieht. Bei Tom war es egal, er hat eh nicht bemerkt, wie ich aussehe. Er hat nicht bemerkt, wie hübsch ich am Anfang war und wie hässlich am Ende. Hässlich. Ja, das ist das Wort, das beschreibt, wie ich mich fühle. Was ich von meinem Körper halte. Und außer mir muss das niemand sehen.

Möglichkeit 3 wäre, Bill zu bitten, mir doch schnell was zum Anziehen aus der Tasche zu holen und zur Tür rein zu geben. Ich müsste nicht rauskommen und könnte mich hinter der Tür verstecken. Allerdings würde er den gesamten Inhalt meiner Tasche sehen. Und das wäre mir unter Umständen ziemlich peinlich. Ich meine, in dieser Tasche befindet sich ein Berg von sündhaft teurer Unterwäsche, die andere wohl eher Reizwäsche nennen würden. Alles nur für Tom. Und er hat nie irgendwas dazu gesagt, nicht ein Wort. Ihm ging es immer nur darum, meine Unterwäsche so schnell wie möglich loszuwerden. Und ich hätte alles dafür gegeben, dass er auch nur einmal gesagt hätte, ich wäre hübsch oder etwas in der Art.

Wenn ich es mir recht überlege, ist Möglichkeit 3 wohl doch die beste. Ich schnappe mir das Handtuch, das ich achtlos auf den Boden geworfen habe, und wickle es um mich. Dann öffne ich die Tür einen Spalt weit und stecke den Kopf hinaus. Bill sitzt auf dem Bett und starrt ins Leere. Ich räuspere mich. „Hm?!“, macht er überrascht und dreht den Kopf in meine Richtung. „Ähm… könntest du mir kurz was zum Anziehen aussuchen? Zumindest mal n Satz Unterwäsche“ Er lächelt und meint „Klar“ „Danke“ So schnell wie möglich schließe ich die Tür.

Puh… was war denn das eben? Dieses Lächeln… für einen Moment wurde mir ganz komisch… aber das kann keinen richtigen Grund haben. Nicht nach all dem. Es ist einfach nur der Kummer, der mich seit gestern beherrscht. Energisch schüttle ich den Kopf.

Jetzt fang nicht an zu spinnen.

Klopf, klopf. Hä? Was soll ich denn jetzt bitte mit einem Klop,Klopf-Witz? Klopf, klopf. Moment mal. Das ist ja gar kein Witz… es hat ernsthaft geklopft. Und zwar an der Badtür. Bill. Wieder öffne ich die Tür nur einen Spalt breit, sorgsam darauf achtend, dass mein Körper dahinter versteckt bleibt. „Alles okay bei dir?“ „Äh.. ja… alles klar…“ Nervös fahre ich mir mit der Hand durchs Haar. Verdammt. Jetzt wäre beinahe mein Handtuch runtergerutscht. „Gut“ Er reicht mir etwas mehr oder weniger zusammengelegtes, rosanes. Das dürfte wohl die Unterwäsche sein. „Danke“ „Kein Problem… ich warte dann hier auf dich, ja?!“ Er deutet auf das Gästezimmer hinter ihm. „Okay“ Zack. Tür zu.

War das jetzt zu laut? Irgendwie bin ich echt daneben heute. Ich inspiziere das rosa Bündel, der Bill mir gegeben hat. Eine weiße Panty mit rosa Herzen. Und ein rosa BH mit weißen Herzen. Wohl die harmloseste und unschuldigste Unterwäsche, die ich besitze. Ich habe sie immer nur getragen, wenn ich ganz sicher war, Tom an dem Tag nicht zu treffen. Er hätte mich ausgelacht, hätte er es gesehen. Und er hätte es gesehen. Und sei es in einem Besucherklo im McDonalds.

So, fertig. Immerhin habe ich jetzt Unterwäsche an. Ist ja im Prinzip nicht viel anders als ein Bikini, sehen lassen will ich mich so allerdings trotzdem nicht. Aber Bill kann sich ja schließlich auch umdrehen. Ich schlinge erneut das Handtuch um meinen Körper und verlasse das Badezimmer.

Kapitel 7 – hanging out
Bill sitzt wieder auf dem Bett, die Arme um die Beine geschlungen und den Kopf an die Wand gelehnt. Trotz dem Handtuch und der Unterwäsche fühle ich mich total unsicher, als er mich ansieht. Tief durchatmen. „Ähm… könntest du dich… umdrehen?“ Er zuckt die Schultern „Na klar“ Er steht auf, geht ums Bett herum und dreht sich zur Tür. Perfekt. Ich suche schnell ein paar Sachen aus meiner Tasche zusammen, und beeile mich, sie anzuziehen. Jeans, T-Shirt. Socken. Naja, eigentlich hätte er sich umdrehen können beim Sockenanziehen. Aber er tut es nicht. Er dreht sich kein einziges Mal um, versucht es nicht mal. Andere hätten es jetzt fünfmal versucht, und sei es nur, um mich zu ärgern. „Du kannst wieder gucken“ Als er sich wieder umgedreht hat, lächelt er mich an und sagt: „So. Und was machen wir jetzt?“ „Ach.. ich weiß auch nicht…“ ich lasse mich aufs Bett fallen. Er folgt mir. Das wird hier schon zur Gewohnheit, zusammen auf dem Bett rumzuhocken. Naja. Ich hab ja kein Problem damit. „Was weißt du nicht?“ „Was wir machen sollen... was ICH machen soll…“ „Du kannst ihn nich vergessen, hm?“ Besser hätte ich es nicht ausdrücken können. Ich nicke. „Hey, das ist jetzt grade mal einen Tag her, du kannst nicht erwarten, dass es einfach gut ist… sowas kann dauern… aber ich versprech dir, es geht vorbei“ Schön wär’s. Ich sehe ihm in die Augen. Er scheint mich zu durchleuchten. „Du glaubst mir nicht“ Genau das meinte ich. Betreten senke ich den Kopf. Doch er nimmt mein Kinn in die Hand und drückt es vorsichtig nach oben. Und wieder bin ich gezwungen, ihm in die Augen zu sehen. „Schau mal… du fühlst dich heute doch schon besser als gestern, oder?“ „Ja, schon“ Eigentlich habe ich mich schon gestern Abend besser gefühlt, nachdem ich mich bei Bill ausgeheult hatte. Aber so kann das ja nicht jeden Tag gehen.

Gestern war ich wohl traurig. Heute bin ich deprimiert. Na toll, immerhin bin ich schon im nächsten Stadium. Kann ja nur noch besser werden. Vielleicht auch schlimmer. Was soll’s. Bills Stimme holt mich aus meinen Gedanken. „Sollen wir irgendwas machen? Einen Film gucken oder so?“ Klingt ja ganz okay. Ich nicke. Doch im nächsten Moment kommt mir ein anderer Gedanke. Was, wenn ich Tom begegne? Hier oben gibt es keinen Fernseher. Bill hat in seinem Zimmer einen, aber das liegt genau neben Tom’s. „Aber… was, wenn…“ „Er ist nicht da“ Als hätte er meine Gedanken gelesen. Unglaublich. „Und falls doch.. ich beschütz dich, okay?“ Er beschützt mich? Das find ich gut. Ich lächle. Zaghaft vermutlich. Aber im Moment kann ich einfach nicht anders. „Na komm“ Er schnappt meine Hand und zieht mich hinter sich her.

***

Wir laufen durch den Gang zu Bills Zimmer. Ich muss mich bemühen, nicht auszurasten, solche Angst habe ich davor, Tom zu begegnen. Bill hält noch immer meine Hand. Ich fühle mich sicherer so, aber gleichzeitig macht es mich unsicher. Unlogisch, ich weiß. Ich verstehe es ja selbst nicht. Vermutlich habe ich Angst, dass Tom falsche Schlüsse zieht, wenn er uns so sieht. Aber eigentlich kann es mir egal sein, wenn er mich für eine Schlampe hält. Ich war schließlich nichts anderes als eine Schlampe für ihn. Seine Schlampe. Ich könnte kotzen bei dem Gedanke an ihn. Nichts mehr als Verachtung. Und trotzdem muss ich dauernd an ihn denken.

Endlich sind wir in Bills Zimmer angekommen. Ich sehe mich um. Ziemlich ordentlich, das muss man ihm lassen. Und ziemlich groß. Mitten im Raum steht ein Bett, das fast zweimal so breit scheint wie ein normales. Es ist aber nur besonders breit, kein Doppelbett. Interessant. Gegenüber vom Bett steht ein Fernseher. Sieht teuer aus. Der Rest des Zimmers ist belagert von allen möglichen Regalen, Schränken und einem Schreibtisch. Unter dem Fernseher ist eine Art Regal, in dem Bill nach irgendetwas zu suchen scheint. Jedenfalls kniet er davor und wühlt darin rum. Als er fertig ist, hat er einen ganzen Stapel DVDs in der Hand, die er mit Schwung aufs Bett wirft. Die Hälfte fällt auf der anderen Seite wieder runter. Unwillkürlich muss ich lachen. Ich glaube, es ist das erste Mal seit der Trennung. „Ups“, meint Bill, lacht aber auch. Wir sammeln die DVDs wieder auf und legen sie auf einen Stapel. „Also… was schaun wir?“ „Keine Ahnung… was ist denn dein Lieblingsfilm?“ „>Barfuß<… aber das is ne Schnulze, ich denk mal, das kannst du im Moment wohl kaum gebrauchen, oder?“ „Nein… nicht wirklich“ Er deutet neben sich aufs Bett. Ich setze mich neben ihn. Er schiebt mir den Stapel rüber „Such du aus“ „Okay“

Nach einer Weile entscheide ich mich für >Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich<. Der soll lustig sein. Genau das, was ich jetzt brauche. „Hey, gute Wahl, der ist super“, meint Bill und legt die DVD ein.

Kapitel 8 – Stimmungswandel
„Iiihhh! Wie eklig!!“, keift Bill. Ich lache. Wir schauen noch immer diesen Film. Die Mutter hat eben die Vorhaut des Sohnes in den Suppentopf geschmissen. Ich könnte mich kranklachen. Und dass Bill sich so ekelt und rumkreischt wie ein Weib, macht die ganze Sache noch lustiger. In der letzten Stunde habe ich glaube ich mehr gelacht als sonst in einem ganzen Jahr. Klingt hart, könnte aber hinkommen. Okay, als Kleinkind habe ich natürlich noch mehr gelacht, aber damals habe ich das alles ja auch noch nicht verstanden. Diese gestörte Welt. Ich verstehe sie heute noch nicht. Aber trotzdem, es gibt Dinge, die sind es wert, darüber zu lachen. So wie dieser Film.

Ich kann gar nicht mehr aufhören zu lachen. Und ich will auch nicht. Es tut einfach zu gut. „Alles okay?!“ Bill schaut mich an als ob ich den Verstand verloren hätte. Habe ich vielleicht auch. Egal. „Wieso?“ presse ich zwischen zwei Lachkrämpfen hervor. „Weil sowas ganz einfach nicht witzig ist!“ Sein Blick.. ich muss noch mehr lachen. Er sieht einfach zu süß aus wenn er verwirrt ist. Hä? Ich glaube mein Hirn kriegt zu wenig Sauerstoff. Süß. Pff…

„Hör endlich auf zu lachen!“ Er klingt schon fast verzweifelt. „Ne… ich will nich!“ Frech lache ich ihn an. Und auf einmal lächelt auch er. Nur beunruhigt mich irgendwas an seinem Lächeln. Es ist irgendwie… fies. „So… du willst also nicht aufhören zu lachen?“ Unter einem erneuten Lachkrampf schüttle ich den Kopf. „Na gut.. dann helfe ich dir!“ Und ehe ich mich wehren kann, beginnt er, mich auf fieseste Art durchzukitzeln. Seine Hände scheinen überall zu sein. So langsam bekomme ich keine Luft mehr. Ich sträube mich mit Händen und Füßen. Aber ich komme nicht gegen ihn an. Während ich immer weniger Lust zum Grinsen habe, wird sein Grinsen immer breiter. Wie gemein. Inzwischen liegen wir irgendwie so kreuz und quer über dem Bett, halb nebeneinander, halb übereinander. Puh. Nur gut dass er so leicht ist. Sonst würde ich längst keine Luft mehr bekommen. Naja, das tue ich auch so nicht. Ich will ihn gerade darauf aufmerksam machen, als ich eine Stimme höre, die mir durch und durch geht. Tom.

„Was macht IHR denn da?“ Hastig wälzt Bill sich von mir runter. Oder eben den Teil der auf mir lag. „Äh… nichts, ich hab ihr nur geholfen.“ Er grinst. „Stimmt’s?!“ „Äh ja…“ Ich bemühe, mich zu lächeln. Aber Toms Visage reicht schon, um das zu verhindern. Und dann noch dieser Gesichtsausdruck. Was fand ich eigentlich 2 Jahre lang an ihm? Ich glaube ich bin eindeutig geheilt in der Richtung. Er sieht so gleich aus wie Bill und doch so anders. Eigentlich ähneln sich die beiden nur äußerlich, und das auch nicht wirklich, wenn man mal genau hinsieht. In diesem Moment möchte ich mich einfach nur übergeben. Tom sieht mir mit einer Boshaftigkeit in die Augen, dass ich eine Gänsehaut bekomme. Dann sagt er: „Du hilfst ihr also?! Ja, das sehe ich. Aber es war ja schon immer so, dass du meine abgelegten Mädels bekommen hast.“ Jetzt sieht er Bill an. Autsch. Der hat gesessen. Bill starrt genauso eiskalt zurück. Naja nicht ganz. Aber fast. „Schade nur, dass ich nicht mit ihr zusammen bin“ presst er zwischen den Zähnen hervor, als müsste er sich bemühen, nicht loszuschreien. Tom schüttelt nur den Kopf und zieht ab. Peng. Tür zu.

Bill sieht mich betreten an. „Tut mir leid… ich hätte abschließen sollen“ „Schon okay… ich leb noch“ Aber Moment mal. Was hat Bill eben zu Tom gesagt? Schade nur, dass wir nicht zusammen sind?! Nein, das hat er nicht wörtlich gemeint. Das war bestimmt so gemeint von wegen >schade dass ich dich enttäuschen muss aber…< Ja, so war’s. Was denke ich denn schon wieder? Ich seufze und lasse mich wieder nach hinten fallen. Nur ist da schon was. Verwundert drehe ich den Kopf. Huch. Direkt neben meinem Kopf befindet sich Bills. Und er scheint immer näher zu kommen.

Kapitel 9 – in letzter Sekunde
Oh Gott. Was passiert hier? Um Himmels Willen, stopp es! Will er mich küssen? Das kann nicht sein, Will ich ihn küssen? Eigentlich nicht. Scheiße. Ich will gerade irgendetwas sagen, um ihn daran zu hindern, das zu tun, was er scheint tun zu wollen. Irgendwas. Egal was. Aber der Part wird mir abgenommen. Bill schreckt hoch und sagt schnell: „Ich… äh… tut mir leid“ Er springt auf. „Ich… ich muss weg“ Und damit verschwindet er ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer. Ich will ihm nachgehen, aber ich weiß, dass es falsch ist. Es würde ihn stören, das spüre ich. Was ist nur los mit ihm? Warum ist er heute so seltsam? Das war doch gestern noch nicht so.
Und jetzt ist er weg. Ich sitze allein und verlassen in seinem Zimmer. Wann kommt er zurück? Er ist aus dem Haus gegangen, das weiß ich. Ich habe das Knallen der Haustür schließlich deutlich genug vernommen. Super. So langsam bekomme ich Hunger. Wo ist Tom? Bevor ich runter gehe und mir etwas zu essen hole muss ich zuerst sicher gehen, dass er nicht in der Nähe ist. Das würde ich nicht ertragen. Dazu bin ich zu verwirrt. Es sind immer dieselben Fragen, die in meinem Kopf herumschwirren: Was? Warum? Aber ich kann sie nicht beantworten. Wie denn auch?
Leise schleiche ich den Gang entlang. Toms Zimmertür steht ein kleines Stückchen offen. Ich spähe hinein, bedacht, nicht gesehen zu werden. Tom sitzt am Schreibtisch, hat die Gitarre auf dem Schoß. Gut so. Das dauert. Eilig laufe ich nach unten und schmiere mir 2 Toasts. Ich hab Simone noch nicht einmal gefragt, ob ich überhaupt hier bleiben darf. Ich könnte sie verstehen wenn sie mich rauswerfen würde. Aber ich weiß, dass sie es nicht tun wird. Dazu ist sie viel zu lieb und warmherzig.
Ich beeile mich, wieder nach oben zu kommen. Am besten ich bleibe in Bills Zimmer, falls er zurückkommt. Er ist zwar eben abgehauen, aber bei ihm fühle ich mich trotz allem am sichersten. Bestimmt war das eben ein Ausrutscher und er ist genauso verwirrt wie ich. Als ich fertig bin mit Essen, ist Bill immer noch nicht wieder da. Hoffentlich kommt er bald wieder.
Eigentlich ist sowas zwar verboten, aber ich schaue mich ein wenig in seinem Zimmer um. Naja. Genau genommen durchwühle ich mehr oder weniger sämtliche Schubladen. Asche auf mein Haupt. Im Prinzip jedoch sowieso langweilig. Das einzig einigermaßen Interessante ist ein Päckchen Kondome in der Nachttischschublade. Erstaunt mich irgendwie. Aber wieso eigentlich? Bill ist auch nicht jünger als Tom. Oder so. Und wer Kondome besitzt muss ja nicht gleich ein Flittchen sein. Naja, männliches Flittchen oder sowas in der Art. Das ist er sicher nicht.
Ich öffne die letzte Schublade. Gott, muss mir langweilig sein. Ein Stapel Blätter liegt darin. Leere Blätter. Nein, halt, nur umgedreht. Da steht was. Ich decke das oberste der Blätter um. Ein Gedicht.

Warum kann ich dir nicht sagen, dass ich dich liebe?
Warum kann ich dir nicht sagen, wie viel du mir bedeutest?
Du scheinst so nah
Und doch so fern
Ich kann dich schon förmlich spüren
Und im nächsten Moment ist da nichts mehr
Nur Sehnsucht
Sehnsucht nach dir


Hm. Irgendwie schön. Aber für wen hat er es geschrieben? Das würde mich mal interessieren. Vielleicht erzählt er mir mal was von seinen Gedichten und ich kann fragen, ob ich sie sehen darf. So ganz nebenbei. Ich will das Papier gerade zurücklegen, als ich die Tür hinter mit aufgehen höre.

Kapitel 10 – Erwischt
„Die sind für Jenny“ Bill. Verdammt. Ich habe ihn nicht kommen gehört, erst als es schon zu spät war. Oh, oh. Das gibt Ärger. Und woher weiß er überhaupt welche Seite ich in der Hand habe? Ist etwa der ganze Stapel für diese Jenny? Wow. Er muss sie vergöttern. „Ich… es tut mir leid…“ Betreten senke ich den Blick. „Ich hätte nicht in deinen Sachen rumwühlen dürfen“ Ich glaube, ich habe mich noch nie so schuldig gefühlt. So ertappt. Ich schäme mich so dafür. Was geht es mich schon an? Das ist seine Sache. Und viel zu privat um es einfach mal eben zu lesen.

„Weißt du, ich bin dir nicht böse“, sagt Bill leise. „Aber du hättest mich fragen können“ „Ja, du hast Recht. Tut mir ja auch leid. Allerdings warst du auch weg, zum Thema fragen und so…“ „Jetzt bin ich vermutlich an der Reihe, mich zu entschuldigen. Ich hätte nicht einfach abhauen sollen“ Er sieht mich an. Hundeblick. Das einzige was mir dazu einfällt. „Okay… ich würde sagen wir sind quitt, oder?“ „Okay“

Uff. Das ist ja grade nochmal gut gegangen. Normalerweise bin ich nachtragend, aber in diesem Fall habe ich ja auch einen Fehler gemacht. Und meiner war verdammt nochmal größer. Ich setze mich zu Bill aufs Bett. So langsam zähle ich nicht mehr mit, wie oft ich das mache. Eine Weile lang sagen wir gar nichts. Stille. Wie ich das hasse. Ich habe immer so ein unangenehmes Gefühl dabei. Und eine bestimmt Frage lässt mich aus unerfindlichen Gründen noch immer nicht los.

„Wer ist Jenny?“ Hab ich das jetzt laut gesagt? Ups. „Sie… sie war mal meine Freundin…“ „War?“ „Ja… bis vor einem Jahr oder so…“ „Und du hast Gedichte für sie geschrieben? Das finde ich total… romantisch“ Naja. So ist es. Ich frage mich, ob ich schon zu weit gegangen bin, aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Es wäre komisch, jetzt einfach die Klappe zu halten. Kein Wort mehr darüber verlieren. Und wer weiß. Vielleicht hängt er noch immer an ihr. Und vielleicht braucht er auch mal jemandem, mit dem er reden kann.

„Romantisch? Nein, das war es nicht. Weißt du… es waren nie glückliche Gedichte, und das beschreibt wohl auch unsere Beziehung…“ „Wieso wart ihr nicht glücklich?“ „Ich weiß es nicht… wir haben einfach nicht zusammengepasst… ich war immer der Verträumte, der Romantiker und so… und sie war das Partygirl, immer auf der Achse… sie hatte einfach keine Geduld mit meinem ewigen Rumgelümmle…“

A-ha. Irgendwie scheint Bill echt das krasse Gegenteil von Tom zu sein. Aber wirklich. Tom träumt nicht. Er ist immer realistisch, Knallhart. Und Romantik? Was ist das überhaupt? Nein, nicht schon wieder an ihn denken…

„Aber was ich dich eigentlich fragen wollte…“ Bill sieht mich an. „Hm?“ Fragend blicke ich zurück. „Hättest du Lust heute Abend mit in die Tanzschule zu kommen?“ Ach du Scheiße. „Tanzschule?!“ Als er meinen geschockten Gesichtsausdruck sieht, lacht er und meint: „Da muss man nich richtig tanzen… also das is mehr so discomäßig… weil manche aus meiner Clique ja noch nicht in nen richtigen Club dürfen…“ „Ach so…“ Erleichtert atme ich auf. „Hört sich ja an als könnte ich in Jeans und Top gehen“, grinse ich. „Du gehst mit?“ „Ne, ich zieh mich nur so an, als ob“ Ich knuffe ihn in die Seite. „Hey!! Was soll das?“ „Nichts! Ich will dich nur ärgern“ Freches Grinsen von meiner Seite. Fette Kitzelattacke von seiner. So weit waren wir heute schon mal. Nur dass er diesmal komplett auf mir draufhockt. „Runter! Du sitzt auf meinem Magen!“, beschwere ich mich lautstark. Hoffentlich hat das niemand gehört. Das hört sich ja an als würden wir hier irgendwelche Stellungen aus dem Kamasutra ausprobieren. „Na gut… du musst dich sowieso umziehen… wir gehn nämlich in…“ er wirft einen Blick auf die Uhr „…20 Minuten!“

Kapitel 11 – Neue Bekanntschaften
„Bist du jetzt dann fertig oder was?!“ Ungeduldig trommelt Bill gegen die Tür zum Badezimmer. „Wir müssen gehen! Die anderen warten schon auf uns!“ Die anderen? Ich frage mich, wie viele das wohl sind. Erneutes Trommeln gegen die Tür. Armes Holz. Aber ich hab ja heute meinen sozialen Tag. Also öffne ich die Tür.„Wow“ Wow? War das jetzt positiv oder negativ? „Sind die Klamotten okay so?“ Vorsichtig schaue ich an mir runter. Ich habe mich für eine dunkle Jeans mit Glitzersteinen auf den Taschen und ein türkises Top im Tunika-Style entschieden. „Okay? Machst du Witze? Steht dir total gut!“ Verlegen lächle ich und blicke zu Boden. Er ist so lieb zu mir. Immer. „Aber ich bin außer der Wimperntusche noch gar nicht geschminkt!“, jammere ich. Das er mir das auch nicht früher sagen konnte. „Na und? Du bist auch so hübsch genug!“ Genug? Genug für was? Und hat er wirklich gesagt >hübsch ***

„Das da vorn sind sie!“ Bill deutet auf eine kleine Gruppe, die überwiegend aus Mädchen zu bestehen scheint. Nur ein Junge und vier Mädchen. Der Arme. Die Mädels lachen und tuscheln, der Junge steht nur daneben und schaut verständnislos. Wir befinden uns vor dieser Tanzschule. Irgendwie fühle ich mich komisch. Dieses Grüppchen scheint so vertraut und jetzt soll ich da einfach reinplatzen? Hi, ich bin die Neue, ich komm jetzt öfter. Na super. Ob ich wirklich öfter komme, weiß ich ja noch gar nicht. Und die Neue? Die neue was? Ich seufze.

„Na komm schon“, höre ich Bill sagen. Einen Augenblick später fühle ich seine Hand auf meinem Rücken und er bugsiert mich zu seinem Schnatterhaufen. Augenblicklich hören die Mädchen auf zu kichern, mustern mich von oben bis unten. Irgendwie fühle ich mich nackt. Ich hasse es, wenn mich jemand so genau ansieht. Ich fühle mich dann so… durchschaut. Dabei habe ich nichts verbrochen oder so. Manchmal bin ich schon komisch drauf irgendwie.

„Hi“, sagen Bill und ich gleichzeitig. Ich muss grinsen. Wie peinlich. „Hey“ Schon wieder im Chor. Nur diesmal die Mädels. Der Junge mit den blonden Haaren grinst und sagt: „Hallo“

„Du bist also Camryn?!“, stellt eines der Mädchen fest. Sie hat lange schwarze Haare und grüne Augen mit sowas wie einem Graustich. Sie ist mindestens 2 Jahre älter als ich. „Ja… die bin ich“ Sie lächelt mich an. Unsicher erwidere ich das Lächeln. „Ich bin Jenny“ Oh. Okay… jetzt bin ich etwas verwirrt. Bill ist gut befreundet mit seiner Ex? Wo gibt’s denn sowas? Naja. Vielleicht ist es ja gar nicht die Jenny. Ich werfe Bill einen schnellen Blick zu. Der nickt nur. Anscheinend ist sie es doch. Und ehe ich weiß wie mir geschieht, umarmt sie mich auch noch. Ups. Jetzt nur nicht zu geschockt aussehen. Ich lächle sie an. Sie scheint ja wirklich nett zu sein. Ich meine, wir kennen uns kaum und sie umarmt mich einfach mal schnell. Komisch.

„Ähm… ja, und das ist Vanessa, unser Küken“ grinst Bill und ein braunhaariges Mädchen mit Brille reicht mir die Hand. „Hey“ „Hi“ Sie ist mir irgendwie auf Anhieb sympathisch. „Danke für das >Küken<, Mister“, sagt sie in einem gespielt empörten Tonfall und tut so, als wollte sie Bill, der neben mir steht, eine Ohrfeige verpassen. Und der zuckt auch noch zusammen, was sie total zum Lachen bringt. Ohne dass ich es will, muss ich mitlachen. „Haha“, mault Bill und zwickt mich in die Seite. Wieso denn mich? Die hat doch angefangen! „Äh… ja… und das hier ist Theresa…“ „Nenn mich Tessa“ Tessa. Gut. Endlich mal eine die nicht einen halben Meter größer ist als ich. Sie scheint sogar gleich groß zu sein wie ich. Und ich bin ziemlich klein, finde ich. Zumindest neben Bill wirke ich total mickrig. Tessa hat grüne Augen, die schon fast zu leuchten scheinen und braunblondes, schulterlanges Haar, das sie offen trägt. Eigentlich würde ich noch gerne >Hi< sagen, aber Bill unterbricht mich. „Und das, meine Damen und Herren, ist unsere Kronprinzessin!“ Er lacht. Das Mädchen auf das er gedeutet hat auch. Kronprinzessin. Irgendwie sieht sie gar nicht danach aus. Sie ist zwar auffallend hübsch, aber irgendwie so das Gegenteil dieser Barbies, die man normalerweise Prinzessin nennt. Miss Kronprinzessin hat schwarze Haare und grüne Augen. Schon wieder grüne Augen. Ist das hier der Club der grünen Augen? Naja, nicht ganz. Diese Vanessa hat blaue Augen. „Eigentlich heiße ich Laura“ sagt die dritte Grünäugige, auch Prinzessin genannt. „Naja ich weiß das mit dem Spitzname ist etwas komisch aber naja…“ Sie grinst mich an. Hm. Zurückgrinsen, Camryn. „Und jetzt kommt der Rest vom Schützenfest“ vernehme ich eine tiefe Stimme. Der Junge. Er reicht mir die Hand. Huch, ganz schön große Hände. Und ein Händedruck – autsch. Ich verziehe das Gesicht. „Sorry“, grinst er „ich bin Hans Georg“ Als er meinen verblüfften Blick sieht, lacht er los „Ne, war’n Joke… ich bin Ben“ „Ach so“ Komischer Typ. Aber irgendwie lustig. Und ganz süß.

„Also… gehn wir rein?“

Kapitel 12 – Panic at the Disco
Loosen up my buttons, babe
Uh-hu
But you keep frontin’

Irgendwie groovt dieser Song... obwohl ich den Text nicht mag. Laura – oder PrinCha, wie sie kurz genannt wird -, Vanessa und Theresa scheinen sich prächtig auf der Tanzfläche zu amüsieren, Freestyle und so. Sogar Ben geht voll ab zu dem Sound. Irgendwie traue ich mich nicht, einfach mitzumachen, ich schaffe es nicht so einfach, aus mir raus zu gehen. Nicht nach jahrelanger Unterdrückung und Selbsthass. Also bin ich erstmal hier bei Bill und Jenny geblieben, wir haben es uns auf einer kleinen Couch in einer gemütlichen Ecke bequem gemacht. Auf die Frage, ob sie denn nicht auch tanzen wolle, hat sie nur gesagt: „Hey, ich kann dich doch nicht mit dem Psycho hier alleine lassen!“ Und ich habe gelacht.

Sie ist wirklich nett. Auch wenn sie Bills Ex ist, ich mag sie trotzdem. Ich meine, warum auch nicht? Ich habe schließlich nichts mit ihm oder so. Aber trotz allem – irgendwas stimmt nicht. Die beiden waren mal zusammen, er hat sie nach seinen Gedichten zu urteilen sehr geliebt, und jetzt gehen sie miteinander um, als wäre nie etwas gewesen und sie wären einfach nur die besten Kumpels. Es gibt keine Kälte, keine seltsame Distanz oder so. Zumindest nicht dass ich es mitbekommen hätte. Die beiden albern die ganze Zeit herum, reißen Witze und lachen miteinander. Empfindet er vielleicht noch etwas für sie? Wäre möglich. Und sie? Keine Ahnung. Eigentlich geht es mich auch nichts an.

Jedenfalls ist Bill jetzt auf die Toilette gegangen und ich sitze hier allein mit Jenny. Stille. „Du…?!“ Uff. Endlich sagt sie mal etwas. Schweigen kann ja so peinlich sein. „Ja?“ „Darf ich dich mal was fragen?“ Oh Gott. Was kommt denn jetzt? „Ja… frag nur“, entgegne ich etwas skeptisch. Jetzt bin ich ja mal gespannt. „Ähm… bist du…“ Noch bevor sie zuende reden kann, wird sie auch schon von jemandem unterbrochen. Bill. „Jenny? Kann ich kurz mit dir reden?“ Was soll das denn jetzt? Hat der sein Taktgefühl zuhause vergessen? Erst reinplatzen und dann auch noch dazwischenlabern. Genervt verdrehen wir die Augen. Wie auf Kommando. Frauen. „Tut mir leid… aber es ist wichtig“ Bill schaut so betreten, dass ich lachen muss. Auch Jenny scheint ihm nicht wirklich böse zu sein. „Wir reden nachher, okay?“, sagt sie zu mir gewandt. „Okay“ Ich lasse sie vorbei und schaue ihr nach, als sie mit Bill nach draußen verschwindet. Was die wohl zu besprechen haben? Als die beiden weg sind, schaue ich mich von meinem Platz aus nach den anderen um, kann sie aber nirgends entdecken. Naja. Dann warte ich eben hier, bis Bill und Jenny zurück sind. So lange wird das ja wohl nicht dauern.

Plötzlich sticht mir etwas ins Auge. Dunkelblonde Dreadlocks. Oh nein. Ist Tom etwa hier? Das kann nicht sein. Das will ich nicht. Auf einmal fällt mir das Atmen verdammt schwer, meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich will ihn nicht sehen. Ich will nicht dass er mich sieht. Ich bin allein. Wehrlos. Verzweifelt schnappe ich nach Luft. Ich spüre, wie Tränen meine heißen Wangen hinunter rinnen. Ich zittere, kann kaum noch atmen. Ich bemerke, wie sich jemand neben mich setzt, doch ich wage es nicht, ihn anzusehen. Ich starre noch immer wie gebannt auf die Stelle, an der ich ihn gesehen habe. Da. Er kommt wieder. Ich kann meinen Blick nicht von ihm abwenden, weine noch immer. Warum, weiß ich nicht so genau. Ich mustere ihn. Es ist nicht Tom. Nur irgendein Typ mit blonden Dreads. Ich merke, wie die Angst in mir so langsam schrumpft. Schon besser. So langsam kehre ich zurück ins Hier und Jetzt. Bill sitzt neben mir, ich liege in seinen Armen. Seine Wange ist an meine geschmiegt und er wiegt mich sanft hin und her. „Shhh…“ Erst jetzt bemerke ich, wie heftig ich schluchze. Ich vergrabe mein Gesicht in seiner Halsbeuge, versuche, mich zu beruhigen. Tief durchatmen. Bill streicht mir langsam über den Kopf, redet auf mich ein. Ich kriege nicht mit, was er sagt, es ist mir auch egal. Ich bin nur froh, dass er hier ist. Er beruhigt mich, gibt mir Sicherheit.

Nach einer Weile fühle ich mich schon besser, ich weine nicht mehr und das unkontrollierte Zittern hat auch aufgehört. „Wie geht’s dir?“ „Schon besser…“ „Sollen wir lieber heimgehen?“ „Nein, schon okay… ich will dir nicht komplett den Abend verderben“ „Nein, das ist schon okay… wenn du möchtest, dann gehen wir“ Doch ich schüttle nur den Kopf.

„Okay… willst du… tanzen?“ Verwundert hebe ich den Kopf „Tanzen?“ „Ja“, sagt er wie selbstverständlich. „Ähm… okay…!“




Kapitel 13 – Tonight
Vorsichtig löst Bill sich von mir und sagt leise: „Na dann… komm mit“ Er nimmt meine Hand und ich will gerade losgehen, als er mich zurückhält. „Wart mal kurz“ Er legt seine Hand an meine Wange und streicht mit dem Daumen darüber. Als er meinen fragenden Blick bemerkt, sagt er: „Ich… da war was… Wimperntusche oder so“ Er nimmt seine Hand wieder weg und zieht mich zur Tanzfläche.

She never took the train alone
She hated being on her own

Jetzt werden so langsam die Schmusesongs gespielt, woraus ich schließe, dass es schon relativ spät sein muss. Die Tanzfläche ist aber trotzdem noch ziemlich voll, überall eng umschlungene und knutschende Pärchen. Doch das stört mich komischerweise nicht im Geringsten.

She always took the my by the hands
And said she needs me

Bill legt die Hände an meine Hüfte. Beide. Aha. Anscheinend hat er keine Ahnung vom Tanzen. Was soll’s, hier tanzt so oder so keiner wirklich. Ich platziere meine Hände an seiner Brust. „Darf ich?“ Er sieht mir in die Augen. Obwohl ich nicht weiß, welcher Sache ich eigentlich zustimme, nicke ich. Er zieht mich näher zu sich.

She never wanted love to fail
She always hoped that it was real

Wir bewegen uns im Takt der Musik. Tanzen kann man das wohl nicht nennen. Auch egal. Es ist ein schönes Gefühl, und das ist alles was zählt.

She’d look me in the eyes
And said she “believe me”

Ich liebe diesen Song. Obwohl ich ihn erst ein- oder zweimal im Radio gehört habe, er hat mir sofort gefallen. Und Bill… ich weiß es nicht. Ich kenne ihn nun schon so lange, aber ich wusste nie, was für ein wunderbarer Mensch er ist. Ich bin ihm so dankbar. Für alles.

But then the night becomes a day
And there’s nothing left to say

Wird das irgendwann so sein? Werden Bill und ich uns nichts mehr zu sagen haben? Wird unsere Freundschaft eines Tages zerbrechen? Ich weiß, dass ich das nicht aushalten würde. Ich will ihn nicht verlieren. Er ist zu wichtig für mich. Dabei sind wir erst seit kurzem befreundet. Eigentlich erst… seit 2 Tagen. Aber wieso mache ich mir überhaupt Gedanken sowas? Es gibt keinen Grund dazu.

Oh tonight
You killed me with your smile

Ich schaue hoch. Bill sieht mir in die Augen. Lange. Und unglaublich tief. Ich spüre eine gewisse Spannung zwischen uns, aber ich habe keine Lust und keine Kraft mehr, darüber nachzudenken. Nicht jetzt. Dazu bin ich viel zu erschöpft. Ich lasse meinen Kopf an seine Schulter sinken. Weiter hoch komme ich ja auch gar nicht. „Was ist?“ „Nichts… ich bin nur müde“, nuschle ich. „Gehn wir“ Täusche ich mich, oder schwingt in seiner Stimme etwas Enttäuschtes mit?“ Fange ich jetzt total an zu spinnen oder was? „Wo sind überhaupt die anderen?“ „Die sind schon vorhin gegangen“ Soll das heißen, ich habe seinen Abend… verlängert? Nicht - wie ich zuerst dachte - verkürzt? Verwirrt schüttle ich den Kopf. „Äh… okay… gehn wir…“ Noch immer irritiert lasse ich mich von ihm zur Tür schieben.

Kapitel 14 – Boxershorts
„Und was, wenn wir Tom begegnen? Ich habe schon Panik bekommen, als ich nur einen gesehen habe, der so aussah wie er!“ Wir stehen vor der Haustür. Bill zückt seinen Schlüssel. „Hey, ich bin doch bei dir! Und Tom ist sowieso noch nicht da… der kommt immer viel später nach Hause…“ Er wirft mir einen aufmunternden Blick zu. Ich folge ihm ins Haus. „Und außerdem… du schläfst bei mir, okay? Ich meine natürlich nur, wenn’s dir nichts ausmacht und so…“ Ausmachen? Offen gestanden bin ich sogar froh darüber. Ich halte es nicht aus, alleine in diesem verlassenen Gästezimmer zu sein. „Nein… find ich gut“ Ich kenne mich in diesem Haus ja schließlich auch gut genug aus, um zu wissen, dass Bill auch sowas wie eine Couch hat zwischen seinen ganzen Regalen und Schränkchen.

***

„Hier sind deine Sachen!“ Bill stellt meine Tasche neben dem Bett ab. Ich will sie zur Couch mitnehmen, aber Bill hält mich zurück. „Stop! Du schläfst natürlich im Bett, was dachtest du denn? Ich geh auf die Couch!“ Ich sehe ihn an. „Was? Es ist zwar nicht ganz frisch bezogen, aber auch weder verschwitzt, vollgesabbert… noch sonstwas!“ Er grinst und verschwindet im Badezimmer. Okay. Dann schlafe ich eben im Bett. Auch gut. Ich streife schnell das längste Nachthemd, das ich dabei habe, über und warte.

Die Tür geht auf. Bill kommt zurück. Er trägt nur Boxershorts. Hoppla. Bemüht, ihn nicht zu sehr anzustarren, sage ich: „Ich geh dann auch mal ins Bad“

***

Die Badezimmertür knallt hinter mir zu. Ups. Was war denn das? Für einen Moment hat er mich völlig aus der Fassung gebracht. Er sieht in halbnacktem Zustand so anders auch als Tom. Kein Kommentar zu den Details. Ich putze noch schnell meine Zähne und klettere ins Bett. Es riecht nach Bill. Und ich kann nicht abstreiten, dass es verdammt gut riecht.

~*~
„Nein! Lass mich! Ich will nicht!“ Es ist hell. Er kniet über mir. Ich habe Angst. Ich liege unter ihm, versuche, mich frei zu strampeln. Doch ich habe keine Chance. Er will es. Und er wird es auch bekommen. Das weiß ich. Er macht sich an meiner Hose zu schaffen. „Lass das!“ Ich versuche, seine Hand wegzuschieben. Doch er ist stärker. „Komm schon Süße, nun stell dich nicht so an…“ „Nein Tom, ich will nicht! Ich will schon lange nicht mehr!“ Für den Bruchteil einer Sekunde denke ich an Flucht, doch es ist zu spät. Er hat es geschafft.
„Neeeeeeeiiiin!!!“
~*~

„Camryn… hey… aufwachen!“ Ich schlage die Augen auf. Es ist dunkel. Bill sitzt neben meinem Bett. Inzwischen hat er ein Shirt und irgendwelche Shorts an, wie ich bemerke. „Was ist los, Kleine? Was hast du geträumt?“ Er streichelt behutsam meine Wange. „Ich… Tom… er“ Bei dem Gedanken daran fröstle ich. „Schon gut… es passiert dir nichts, okay? Schlaf weiter“ Er haucht mir einen vorsichtigen Kuss auf die Wange und steht auf. Diese Berührung eben… es war schön. Als ich seine Lippen auf meiner Haut gespürt habe, hat sich für einen Moment alles richtig angefühlt. Ich weiß nicht, wie ich es beschreien soll. Ich weiß nur, dass ich jetzt nicht allein sein will. „Bill?“ „Hm?“ Er dreht sich wieder um. „Kannst du… kannst du bei mir bleiben bis ich eingeschlafen bin?“ Es kommt mir zwar lächerlich und kindisch vor, aber es würde mir vermutlich helfen. Zu wissen, nicht allein zu sein. Beschützt. „Ja… ist okay“, antwortet Bill leise und setzt sich auf die Bettkante. Er nimmt meine Hand. „Keine Sorge, ich lass nicht los“ Und er lässt auch nicht los.

Kapitel 15 – Schadenfreude ist die schönste von allen
- 1 WOCHE SPÄTER -

„Und… was machen wir heute?“ Bill blickt mich erwartungsvoll an. Seit diesem Alptraum ist eine ganze Woche vergangen. Und seit jener Nacht hat Bill mich nie wieder so zärtlich berührt oder geküsst. Mittlerweile bin ich mir nicht einmal mehr sicher, ob es wirklich passiert ist. Ob er mich wirklich geküsst hat. Aber warum denke ich überhaupt darüber nach? Es war nur ein kleiner, freundschaftlicher Kuss. Ein Bussi. Mehr nicht.

„Ähm… weiß nicht… wir wollten mal zusammen shoppen gehen!“ „Hey, gute Idee! Das machen wir!“ „Gut! Wann gehn wir?“ „Mhm…“ Er wirft einen Blick auf die Uhr. „In einer Dreiviertelstunde fährt ein Bus!“ „Ich geh mich umziehen!“, rufe ich schnell, um als erste ins Badezimmer zu dürfen. Es kann schon nerven wenn man sich eins teilen muss. Aber das ist auch das einzige Nervige. Ich glaube ich war noch nie in meinem Leben so glücklich. Bill und ich verstehen uns super, es macht einfach Spaß, mit ihm abzuhängen. Zu lachen. Oder einfach nur aneinandergekuschelt auf dem Bett zu sitzen und zu reden. Auch seine Clique ist toll. Vor allem mit Laura habe ich mich mit der Zeit schon etwas angefreundet. Am Anfang fand ich sie zwar ein bisschen seltsam, aber jetzt liebe ich ihre Verrücktheit. Man kann über ihre Witze und ihre Art einfach am besten lachen. Und auch die anderen sind total nett. Inzwischen habe ich herausgefunden, dass Ben ein Auge auf die Kronprinzessin geworfen hat und sich nur nicht traut, es ihr zu sagen oder zu zeigen. Aber das wird schon noch. Sie hat uns schließlich alle zu ihrer Geburtstagsparty am nächsten Mittwoch eingeladen. Mal sehen, was da so passiert.

Als ich fertig gewaschen, angezogen und geschminkt aus dem Badezimmer komme, meint Bill nur: „Na endlich… ich dachte schon du seist unterm Wasserhahn ersoffen oder so“ „Und… hättest du mich gerettet?“ „Aber klar doch“ Er grinst und öffnet die Badezimmertür. „Dich doch immer“ Und weg ist er.

***

„Bist du dir auch sicher, dass wir hier richtig sind?“ „Jaah… ganz sicher…“ Genervt verdreht er die Augen. Aha. Also mir kommt das alles etwas seltsam vor. Wir sind hier nicht in der Stadt, sondern im abgelegensten Industriegebiet weit und breit. „Ich hab dir doch gesagt ich will in ein Einkaufszentrum. Schau, da vorne ist es doch schon!“ Er deutet geradeaus. Stimmt. Ein paar Meter vor uns befindet sich ein Riesengebäude, ganz in weiß. Im Vergleich zum Rest hier sieht es richtig gut aus. Überall Reklametafeln und blinkende Lichter. Gefällt mir irgendwie. Wir betreten das Gebäude. Händchenhaltend laufen wir erstmal quer durch an sämtlichen Schaufenstern vorbei. Man könnte meinen, wir sind ein Paar. Aber das sind wir nicht. Wir sind einfach nur beste Freunde. Ich meine, Mädchen halten untereinander auch immer Händchen und verteilen Küsschen und sonstwas. Warum soll man das also nicht auch mit einem Freund des anderen Geschlechts machen? Bill scheint jedenfalls kein Problem damit zu haben. Und mir tut seine Nähe im Moment unglaublich gut.

„So… wo willst du zuerst hin?“ „Mhm… New Yorker?“ „Okay“ Ich will gerade losgehen, als er mich zurückhält. Mal wieder. „Was ist?“ „Da…“ Er deutet auf die Mitte der Einkaufsstraße. Da steht ein Brunnen. Und davor… oh nein. Tom. Ich spüre wie Bill den Druck auf meine Hand verstärkt. Jetzt bloß nicht ausrasten. Aber Moment mal. Was macht er da überhaupt? Vor ihm steht ein Mädchen, nicht älter als 13. Gräbt er die etwa an? Ich glaub’s ja nicht. Armes Mädchen. Unmittelbar trete ich ein paar Schritte auf die beiden zu. Bill folgt mir.

„Hey, jetzt tu doch nicht so! Ich find dich halt süß, na und?!“ Widerling. „Schön! Ich dich aber nicht!“, giftet sie ihn an. Hoppla, die scheint ja ganz schön geladen zu sein. „Wirklich nicht?“ Er macht einen Schritt auf sie zu – und grapscht ihr an den Hintern. Empört schnappe ich nach Luft das kann ja wohl nicht wahr sein. Dieses Schwein. Ich überlege mir einzuschreiten. Doch dazu kommt es nicht. Einen Augenblick später holt sie aus und knallt ihm eine. Peng. Die hat gesessen. „Kinderf*cker“ Der auch. Sie dreht sich auf dem Absatz um und stürmt davon. Tom steht da wie angewurzelt und schaut, als hätte ihn der Blitz getroffen. Geschieht ihm Recht. Ich lache in mich hinein. „Komm, gehn wir!“, sage ich zu Bill und ziehe ihn hinter mir her. Ich habe zwar keine Angst mehr, aber ich will trotzdem nicht mit Tom reden.

Kapitel 16 – Shopping Dolls
Unser Einkauf bei New Yorker dauert eine ganze Weile. Bei den T-Shirts muss Bill mich beraten, ich kann mich mal wieder nicht entscheiden. Letztendlich nehme ich dann ein schlichtes schwarzes Polo-Shirt und ein rotes mit der Aufschrift „no pictures please“. Außerdem kaufe ich neue Unterwäsche, bei der ich mich dann aber doch lieber selbst berate. Wir sind zwar Freunde, aber dazu fühle ich mich noch immer nicht hübsch genug, obwohl ich mir inzwischen schon viel besser gefalle als in der Zeit mit Tom. Klar hab ich auch so meine Makel, aber ich betrachte mich längst nicht mehr so kritisch wie früher. Vielleicht, weil Bill mir schon so oft gesagt hat, dass ich doch gar nicht hässlich bin und mir nichts einreden soll. Bei dem Gedanken daran lächle ich.

Wir gehen gemeinsam zur Kasse und bezahlen unsere Sachen. Gerade als wir den Laden verlassen haben, entdecke ich das Mädchen von vorhin. „Hey du!“ „Ähm… hallo“, sagt sie etwas schüchtern „Sorry dass ich dich einfach so anquatsche“ „Kein Problem“ „Du hast es dem Kerl vorhin ganz schön gegeben!“ Ich grinse sie an. Sie lacht. „Ja… der hat mich extrem genervt! So ein Arsch!“ Ihr Blick fällt auf Bill. „Ach du Scheiße. Seid ihr irgendwie verwandt oder so?!“ „Ähm… ja, wir sind Brüder“, erwidert Bill mit einem Grinsen. „Oh. Bist du jetzt sauer auf mich?“, fragt sie wieder etwas verlegen. „Nein, ich bin eher sauer, so einen Bruder zu haben“ Er lacht. „Ich bin Bill!“ Er schüttelt ihre Hand „Sharon… aber nenn mich ruhig Cherry“ Sie lächelt ihn an. Nein, sie strahlt ihn förmlich an. Ich spüre, wie sich Eifersucht in mir breitmacht. //Hey, das ist mein Bill, klar?!// Mein Bill? Eifersucht? Hä? Moment mal. Das ging mir jetzt alles zu schnell. Klappe, innere Stimme. Du hast sie wohl nicht mehr alle.

Cherry streckt mir ihre Hand entgegen. „Hi. Ich bin Camryn“, ich drücke kurz ihre Hand. Eigentlich ist sie mir ja ganz sympathisch. Könnte auch damit zusammenhängen, dass sie Tom eine gescheuert hat. „Sagt mal… ist es okay wenn ich mit euch mitkomme? Ich bin allein hier und so…“ „Aber klar… komm nur mit!“ Ich weiß eigentlich gar nicht, wieso ich das jetzt gesagt habe. Aber es kann ja auch nicht schaden, mal neue Leute kennen zu lernen. Bill scheint derselben Ansicht zu sein, denn er lächelt Cherry an – Klappe halten, innere Stimme – und fragt: „Was hast du denn noch zu erledigen?“ Es sieht irgendwie witzig aus, wie er nach unten schauen muss, um mit ihr zu reden. Einen Moment später wird mir jedoch bewusst, dass sie mindestens so groß ist wie ich, wenn nicht sogar etwas größer. Es ist wohl einfach diese niedliche Ausstrahlung. Sie hat dunkelbraunes gelocktes Haar und braune Augen, was ihr ein puppenartiges Aussehen verschafft. Sie sieht unschuldig aus, aber wie man vorhin bemerkt hat, hat sie es anscheinend faustdick hinter den Ohren.

„Hm… keine Ahnung… gehn wir erstmal zu Pimkie oder so?“ „Von mir aus“ „Okay… find ich gut“, presse ich heraus, mühsam den irren Drang unterdrückend, sie zu erwürgen. Ich Gestörte.

***

„Hattest du das auch schon mal? Mein Nagelbett brennt förmlich, aber man sieht gar nichts!“ Cherry hält mir einen ihrer perfekt manikürten Fingernagel vor die Nase. „Das ist echt schlimm, sag ich dir!“ Oh mein Gott. Seit 5 Minuten labert sie an einem Stück und mehr oder weniger ohne Punkt und Komma. Wow. Das Mädchen ist unglaublich. „Jedenfalls muss ich unbedingt noch zu Müller!“ „Okay…“, antworte ich langsam. Ich werfe Bill einen Blick zu. Der verdreht nur die Augen. Uff. Ich lache. „Was denn?“ „Nichts…“ //Und wenn, würde es dich nichts angehen// „Darf ich euch beide mal was fragen?“ „Klar…“, sagt Bill gedehnt. „Seid ihr zusammen? Ich meine, im Grunde genommen geht’s mich ja gar nichts an, aber bei euch weiß man nicht so recht… seid ihr das glücklich verliebte Pärchen oder das Mädchen mit dem schwulen Kumpel oder vielleicht etwas ganz anderes?“ Was zur Hölle labert die eigentlich für einen Mist daher? Und was meint sie mit schwul? Will sie Bill etwa als schwul bezeichnen? Grrr. „Nein, wir sind nicht zusammen. Und Bill ist auch nicht schwul, klar?!“ „Jaja… schon gut…“ Sie grinst. //Schlange.// Die meint doch nicht dass sie Chancen bei ihm hat? Die hat sie nicht. Oder?

„Wir sind nur Freunde“ Irgendwie klingt Bill fertig. Ist das wegen Cherry oder hat es einen anderen Grund? Ich weiß es nicht. Ich werde ihn später danach fragen. „Ja… Freunde…“ wiederhole ich nachdenklich. Stirnrunzelnd schaut Bill mich an. Vermutlich fragt er sich, ob ich allmählich anfange zu spinnen. Hinten anstellen, das frage ich mich schon selbst. Kopfschüttelnd folge ich Cherry in Richtung Müller.

Kapitel 17 – pretty in pink
“Und... gehn wir dann heim? In 20 Minuten fährt ein Bus!“ „Mh… du, ich will noch was erledigen, ja? Aber fahr ruhig schon mal heim!“ „Nee, ich bleib dann natürlich auch!“ „Nein, du gehst!“, sage ich bestimmt. Bill schaut mich verwirrt an. „Ich zeig’s dir, wenn ich heimkomme, okay?“ Sein Gesichtsausdruck bleibt skeptisch. „Nun schau nicht so! Vertrau mir einfach!“ Er zögert. Doch dann sagt er: „Na gut… wenn du das meinst…“ „Ja. Das mein ich.“ „Okay, dann geh ich jetzt“ Er umarmt mich kurz, dreht sich um und läuft in Richtung Ausgang. Ich schaue ihm nach. Irgendwie bin ich komisch drauf heute. Cherry musste schon vor einer halben Stunde gehen. Endlich. Und jetzt bin ich allein. Es war zwar eben eine spontane Entscheidung, aber ich bin mir sicher, es war die richtige. Ich betrete den Friseursalon.

***

„Hallo! Ich bin wieder da!“, rufe ich, als ich den Hausflur betrete. Ich habe Glück, dass ich einen Schlüssel bekommen habe für die Zeit in der ich hier wohne. „Jemand da?“ Stille. Ich ziehe meine Jacke aus und hänge sie an die Garderobe. „Camryn?“, ruft es von oben. Bill. Es hätte auch Tom sein können, der antwortet, aber das wäre mir auch egal gewesen. Denke ich zumindest. Aber da er im Moment vermutlich sowieso in seinem Zimmer sitzt und im Selbstmitleid badet, muss ich mir über sowas keine Gedanken machen. Prüfend betrachte ich mich im Spiegel, der neben der Garderobe hängt. Blonder Stufenschnitt. Gefällt mir. Ich zupfe noch schnell ein paar Strähnen zurecht und gehe nach oben. Ich klopfe an Bills Zimmertür. Naja, mittlerweile ist es ja auch mehr oder weniger mein Zimmer. „Komm rein“, ertönt es von innen. Ich öffne die Tür und betrete den Raum. Bill sitzt am Schreibtisch und kritzelt irgendwas auf ein Blatt Papier. „Hey“, sagt er ohne aufzusehen. „Hey“, antworte ich, in der Erwartung, dass er sich umdreht. Doch er tut es nicht. Ich stehe noch eine Weile so da, dann wird es mir zu dumm. „Sag mal, willst du mich heute noch anschauen oder soll ich bis morgen hier stehen bleiben?!“

Er dreht den Kopf und sein Stirnrunzeln weicht den vor Erstaunen geweiteten Augen. „Ach du Scheiße.“ „Was denn… so schlimm?“ Er scheint sich wieder zu fangen, lächelt mich an. „Nein, das war nur ein Ausdruck der… Überraschung“ Er steht auf und läuft auf mich zu, betrachtet mich einmal von allen Seiten, um mir dann meinen Kopf in beide Hände zu nehmen, mir einen Kuss auf die Stirn zu drücken und zu sagen: „Du siehst super aus!“ Seltsam, der Junge. Aber über das Kompliment freue ich mich natürlich ungemein. Ich lächle. „Danke“ „Na wenn’s doch stimmt“ Er grinst und geht – rückwärts, wohlgemerkt - zurück zum Schreibtisch. Er nimmt das Papier, zerknüllt es und wirft es in den Papierkorb. „Was war das?“ „Ach, nichts… bloß sinnloses Gekritzel…“ Hm. Irgendwie glaube ich ihm nicht so recht. Aber ist ja auch nicht meine Sache. Ich gehe zum Bett und werfe meine Tüten einfach daneben. Auspacken kann ich später. Ich lasse mich aufs Bett fallen. „Was hältst du von Cherry?“ „Hm…“ Bill legt sich neben mich und starrt an die Decke. „Sie ist ja ganz nett und so, aber weißt du… ich mag stille Mädchen lieber…“ Er schaut mich von der Seite an und der Ansatz eines Lächelns erscheint auf seinem Gesicht. Hä? Was will er damit schon wieder andeuten? Ich fasse mit der Hand an die Stelle, an der seine Lippen meine Stirn berührt haben. „Was hast du?“ „Nichts… nur Kopfschmerzen…“, lüge ich. Ich will meine Verwirrung nicht zugeben. Meine Unsicherheit. Irgendwie ist heute alles so anders, so komisch. Das ändert sich immer so. Einmal sind wir einfach Freunde, lachen miteinander, reden… aber manchmal ist da etwas zwischen uns, etwas Undefinierbares. Und ich habe keine Ahnung, ob ich das nun gut finden soll oder nicht. Vielleicht ist es auch einfach nur Einbildung. Vielleicht spinne ich wirklich so langsam.

Kapitel 18 – just believe in the words I say, baby
Mittwochmorgen. Heute Abend geht’s auf PrinCha’s Party. Und ich hab noch keine Ahnung, was ich anziehen soll. „Biiiilll?!“ „Was denn?“ Er steckt den Kopf zur Badezimmertür rein. Irgendwie wirkt er überrascht. Ahhh! Kein Wunder – ich steh hier nur in Unterwäsche und vor mir liegt ein Haufen unzusammengelegter Klamotten. Oh mein Gott. „Was hast du denn?!“, fragt er mich besorgt und macht die Tür hinter sich zu. Argh. Etwas mehr Taktgefühl bitte. „Ähm… schau mich an… oder nein, lass es lieber! Also ich meine, ich steh hier in Unterwäsche vor dir und so, und…“, stammle ich. „Was und…? Du hast mich doch gerufen?!“ „Ja, aber ich hab nicht dran gedacht, dass ich…! Und jetzt…“, setze ich verzweifelt an, weiß aber nicht, was ich sagen soll und vor allem wie. „Okay… ich kann auch wieder verschwinden“ „Nein, das ist es nicht…“ ich schlinge die Arme um meinen Oberkörper „Ich bin quasi nackt… und außer Tom hat mich so noch nie jemand gesehen… und ich hab auch… Angst, mich so jemandem zu zeigen, verstehst du?“ Mein Gesicht ist noch immer dem Spiegel zugewandt, ich spreche mit seinem Spiegelbild. „Nein, ehrlich gesagt nicht.“ Er macht einen Schritt auf mich zu und umschlingt mich mit seinen Armen. „Jetzt schau mal“, sagt er, während er meine Hände nimmt. „Schau dich mal an… du bist…“ „…hässlich“ Ein leises Lächeln umspielt seine Mundwinkel „Schwachsinn. Was ich sagen wollte, war… verdammt hübsch“ Er legt den Kopf auf meine Schulter. „Und das sage ich nicht nur, weil ich dich trösten will oder sowas. Ich mein’s ernst“ Wirklich? Kann ich solchen Worten wirklich Glauben schenken? Ich hoffe es. Ich atme tief durch. Langsam drehe ich mich um, er richtet sich wieder auf. Ich lege meinen Kopf an seine Schulter, lehne mich an ihn. Ich kann das was ich sagen will, nicht in Worte fassen, aber ich hoffe, er versteht es auch so. Er seufzt leise. Ich glaube, er versteht mich.

~Bill’s Sicht~
Ich seufze leise. Ich kann es ihr nicht sagen. Ich kann ihr nicht sagen, was mein Herz ihr sagen will, was mein Herz mir sagt. Sie ist so verletzt, so zerbrechlich. Ich kann nicht ihr Leben zerstören. Ich bin ihr bester Freund, und wenn sie es wüsste, dann würde sie sich vielleicht von mir entfernen. Ich kann es ihr nicht sagen. Es macht mich wahnsinnig, aber ich muss es ihr verschweigen. Dass sie alles für mich ist. Dass ich sie liebe. Sie ist die Ex meines Bruders, das kann ich ihr nicht antun. Wenn etwas schief geht zwischen und, habe ich verloren. Wir beide haben dann verloren. Ich weiß, dass ich mit dem Feuer spiele Jedes Mal, wenn ich sie küsse. Jedes Mal, wenn ich sie berühre. Jedes Mal, wenn ich ihr sage, wie schön sie ist. Aber ich kann nicht mit ansehen, wie sie sich selbst fertig macht. Aber wenn sie wüsste, was ich für sie empfinde, würde sie vielleicht denken, sie sei schuld daran. Sie hätte es provoziert. Doch das hat sie nicht. Nicht so. Sie hat mich einfach… verzaubert.

Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Einerseits würde ich am liebsten die nächsten fünf Stunden so stehen bleiben, und andererseits sagt mir irgendetwas, dass ich so schnell wie möglich hier weg muss. Raus. Weg von Bill, weg von dem Schmerz und der Liebe. Liebe, die ich gar nicht verdient habe. Und mit Liebe meine ich nicht die Liebe, die man normalerweise meint, sonder Freundschaft und Geborgenheit, Trost und all das. Ich habe mich so klein gefühlt, so unbedeutend. Doch seit Bill bei mir ist, oder ich bei ihm, fühle ich mich soviel größer und besser. Er gibt mir mein Selbstwertgefühl zurück, das sein eigener Bruder mir genommen hat. Dafür bin ich ihm dankbar. Aber irgendetwas läuft falsch. Mit mir. Mit ihm. Mit uns. Ich komme nicht darauf, was es ist, aber es ist komisch. Ich bin komisch. Aber es wird Zeit, dass alles wieder in die richtige Bahn gerät. Zeit, wieder normal zu werden. Genieße dein Leben, bevor es vorbei ist. Woher das jetzt auch immer kommt – es stimmt. Ich sollte mir nicht immer so viele Gedanken machen.

Kapitel 19 – Party all night
„Hey!! Alles Liebe zum Geburtstag!“ „Danke!“ Kaum bin ich über die Türschwelle getreten, als mir auch schon ein Schwall von Lärm entgegenschwappt. Wow. Mein Trommelfell. Musik. Viel zu laute Musik. Oh Gott, was denke ich denn schon wieder? Ich bin vollkommen neben der Spur. Mal wieder. „Hey, Camryn!“ Ben steht vor mir. Beinahe wäre ich gegen ihn gelaufen. „Hey!“ „Hallo!“ Huch. Ich hab gar nicht bemerkt dass Bill hinter mir aufgetaucht ist. „Ähm… könnt ihr kurz mal mitkommen?“, fragt Ben uns. Moment mal. UNS? Was will er denn von uns beiden? Ich kenne ihn doch kaum?! Naja, egal. Ich habe so oder so keine Chance, denn Ben zieht Bill und mich schon hinter sich her in ein Nebenzimmer. Ein Nebenzimmer, das verdammt nach einer Toilette aussieht. Auf der Toilette mit Ben und Bill. Bill und Ben. Hm, witzig irgendwie. „Also…“, setzt Ben an und wartet darauf, dass wir ihm zuhören. Na bitte. Kann er haben. Interessiert mich ja jetzt schon mal, was er so Wichtiges zu besprechen hat. „Ihr beide wisst doch sicher, dass… also… naja, ihr wisst schon… Laura… ich… wir beide…“ „Ja, schon klar. Und?“ Neugierig bin ich ja nicht, aber wissen würde ich’s schon gerne. Sind die beiden etwa zusammen? Naja. Abwarten. „Naja… also ich wollte sie heute Abend fragen… also ihr von meinen Gefühlen erzählen“ Sieht irgendwie witzig aus, wie Ben hier in voller Montur auf der Kloschüssel hockt und über Laura redet. „Was? Warum grinst du?“ Ups. Hat man mir das so angesehen? „Nichts… ich finde das nur so… süß“ Gekünsteltes Lächeln. Verdammt, warum bin ich nur so eine schlechte Schauspielerin? „Ja… also… was haltet ihr denn jetzt von der Idee?“, fragt er ungeduldig. Zum ersten Mal hier im stillen Nebenräumchen meldet sich Bill zu Wort. „Also ich find’s gut. Ich finde, man sollte immer über seine Gefühle reden“, sagt er mit einem Seitenblick auf mich. MICH? Mir? Ich meine, ICH? Was will er denn damit schon wieder andeuten?

„Mhm… ja, finde ich auch…“, murmle ich. „Gut, dann sind wir ja einer Meinung“ Um Gottes Willen, was ist denn los mit dem Kerl? Verwirrt schaue ich zu Bill. „Äh, ja“ Bloß raus hier. Ich werd sonst noch komplett irre. „Äh… ich geh dann mal… ich… ich muss aufs Klo“, stammle ich. „Das Klo ist hier, mein liebes Fräulein“, kichert Ben. „Na dann, husch! Ich brauch ja keine Zuschauer!“ Huch. Woher kommt denn das auf einmal? Sonst bin ich doch auch nicht so vorlaut? Jedenfalls scheint es zu wirken. Ben erhebt sich und geht zur Tür raus, Bill folgt ihm, jedoch nicht, ohne mir nochmal einen Blick zuzuwerfen und eine Augenbraue hochzuziehen. Was?! Genervt schließe ich die Tür hinter den beiden zu und lehne mich gegen die Wand. Ich schließe die Augen. Was ist nur los mit mir? Ich leide unter regelrechten Hitzewallungen. Und dann ist mir wieder kalt. Oder beides… ach was weiß ich denn. Jetzt ist erstmal Party angesagt. Ich checke schnell nochmal mein Make-Up und stürze mich dann ins Getümmel. Wow. Ganz schön viele Leute. Alles Freunde? Wohl kaum. Auch egal. Ich stelle mich eine Weile zu Laura, aber irgendwann kommen ihre engsten Freunde und ich fühle mich fehl am Platz.

Ich will mich gerade auf eines der Kissen in einer Ecke des Zimmers platzieren, als mir ein Mädchen auffällt, das das gleiche Shirt trägt wie ich. „Trash Punk“ steht darauf. Weiß auf schwarz. Wie mir auffällt, ist sie komplett schwarz gekleidet und ihre Augen sind umrandet mit Kajal. Trotzdem sieht sie irgendwie nett aus. Anscheinend will sie gerade nach draußen gehen, denn sie steuert auf die Tür zu. Nein, eher auf den Türrahmen. 30cm. Will die nicht mal abbiegen? 20cm. Ähm, stopp? 10cm. „Achtung!“ Ich stürze auf sie zu, doch zu spät. DOING. Mit vollem Tempo an den Türrahmen. Autsch. Sie reibt sich die Nase. „Hast du dir wehgetan?“ Erst jetzt stehe ich vor ihr. Ich sollte mal an meiner Reaktionsfähigkeit arbeiten. „Nein“ Sie lacht. „Ich glaube ich bin schon abgehärtet… So oft wie ich irgendwo gegen lauf müsste ich mir schon zehn bis zwanzig Mal die Nase gebrochen haben! Sieht man’s ihr nicht schon an?“ Ich betrachte sie eingehend und stelle fest: „Nein, soweit ich das sehe nicht!“ „Ich bin Jessica! Aber nenn mich Jess, ich hasse meinen Namen“ Sie verdreht die Augen. Jessica. Jess. Aha. „Ich bin Camryn“ „Wollen wir uns zusammen nach da hinten setzen?“ Sie deutet auf die Kissenecke. „Ja, find ich cool! Da wollte ich sowieso hin“ Ich lächle sie an und wir machen uns auf den Weg. „Woher kennst du Laura?“ „Ach weißt du, sie ist eine Freundin von meinem besten Kumpel… und du?“ „Aus dem Reitverein… also sie hatte mal eine Reitbeteiligung auf einem meiner Pferde… inzwischen nicht mehr, aber wir verstehen uns auch so ganz gut“ „Du hast Pferde?!“ „Ja… und einen Hund!“ Nicht schlecht. Jess ist wirklich nett und wir unterhalten und den ganzen Abend. Es wird später und später und irgendwann meint sie: „Du, ich muss jetzt nach Hause… wir fahren ja noch heute Nacht in Urlaub…“ sie zwinkert und fügt hinzu: „Das ist auch der einzige Grund warum ich heute Abend nicht so viel getrunken habe als sonst“ Sie grinst mich an. Ich grinse zurück. Wie blöd. „Ja…. Schade… aber ich hab ja deine Handynummer!“ „Jap“ „Viel Spaß dann im Urlaub!“ „Danke!“ Und weg ist sie. Schwupp.

Kapitel 20 – too much, too disgusting
Es dauert keine fünf Minuten und Bill ist bei mir. „Hey, wo warst du denn die ganze Zeit?“ „Überall und nirgendwo“, grinst er. „Ich wollte nicht stören“ „Du störst nicht“ „Okay“ Er haucht mir einen Kuss auf die Wange und steht wieder auf. „Hey, was soll das? Ich dachte du bleibst jetzt?“ „Ich muss kurz zu Ben… du weißt schon“ Er winkt mir zu und verschwindet in der tanzenden Menge. Die Menge, die einfach nicht kleiner zu werden scheint.

Nach einer Weile sehe ich jemanden auf mich zukommen. Aber es ist nicht Bill. Es ist Ben. Und er wankt gefährlich. „Ey“, nuschelt er uns lässt sich neben mich auf eins der Kissen fallen. Oder auch daneben. Egal. „Hey… was hast du?“ Ganz schön taktvoll von mir, doch. „Sie… sie hat mir’n Korb gegeben, verstehsu, n Korb“ Plötzlich fängt er an zu kichern. Verdammt. Wie viel hat der getrunken? Er hat jedenfalls einen vollen Cocktail in der Hand. „Willst mal probiern?“, nuschelt er. Hm. Ich nehme ihm den Cocktail aus der Hand und nehme einen Schluck davon. Von einem Schluck ist man für gewöhnlich nicht dicht. Schmeckt eigentlich echt gut. Ist sowieso schlecht, wenn er jetzt noch mehr trinkt. „Ich behalt ihn“ Ich weiß auch nicht, aber irgendwie habe ich gerade gute Lust darauf, mich einfach zu besaufen. Ihr könnt mich doch alle mal. Dumme Welt. Sowieso alles viel zu kompliziert. So. Nach einer Weile ist das Cocktailglas leer und ich fühle mich beschissener denn je. Ich wusste doch immer, dass ich keinen Alkohol vertrage. Ist ja auch kein Wunder, wenn man nie was trinkt. Ben hat aufgehört zu jammern, inzwischen sitzt er nur noch da und starrt vor sich hin. Ich frage mich, wo Bill bleibt. Wieso lässt er mich so allein? Und wieso bin ich so komisch drauf? Ich könnte heulen. Wohl der Alkohol. Muss so sein. Ich schaue Ben an. Auf einmal wirkt er verdammt attraktiv auf mich. Ehe ich weiß, was ich tue, beuge ich mich über ihn und küsse ihn. Er schmeckt furchtbar. Bitter. Eklig. Mir egal. Momentan ist mir alles egal. Ich spüre, wie eine Träne meine Wange hinunterrollt. Oder ist es seine? Auch egal. Nach einer halben Ewigkeit löse ich mich von ihm. Ich schaue auf – und blicke direkt in Bills Gesicht. Geschockt? Verblüfft? Verärgert? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich augenblicklich anfange zu heulen. Warum muss das Leben nur immer so beschissen sein? Ich sitze da und heule. Alles was in den letzten Monaten passiert ist scheint auf einmal auf mich zurückzukommen, mit doppelter Kraft. Autsch. Mein Kopf. Ich fühle, wie jemand die Arme um mich schlingt und mich hochhebt. Dieser Jemand scheint Bill zu sein. Er schnappt mich und trägt mich raus, weg von dem ganzen Rummel. Ich bekomme nur noch mit, wie er mich auf einer Mauer vor dem Haus absetzt, irgendetwas murmelt und nach drinnen verschwindet. Dann fallen mir die Augen zu.

***

Ich werde unsanft abgesetzt. Autsch. Mein Hintern. Mein Kopf. Ich bin zuhause. Also, bei Bill. Auf dem Bett. Ich sehe noch, wie eine Gestalt in Richtung Badezimmer davonhuscht. Ich richte mich auf. Und schon wieder autsch. Dabei war das doch nur ein einziger Cocktail. Naja, wer weiß, was da drin war. Ich massiere meine pochenden Schläfen. Bringt nichts. Bill kommt aus dem Badezimmer.

„Hey“ „Hey“, erwidert er knapp. Er setzt sich an seinen Schreibtisch, wendet mir den Rücken zu. Will er nicht wissen wie’s mir geht? Oh. Ich muss ihm wohl noch was erklären. „Hör zu… ich wollte Ben nicht küssen… es ist einfach so über mich gekommen“ „Du musst dich vor mir nicht rechtfertigen.“ Stimmt eigentlich. Und trotzdem tue ich es. Ich fühle mich schuldig Bill gegenüber. „Ich will es aber“ Endlich dreht er sich wieder um. Puh.

Er steht auf und kommt zum Bett rüber, setzt sich neben mich. „War’s denn wenigstens gut?“ Ich lächle matt. „Nein… es war grausam“ Und das entspricht der Wahrheit. Es war wirklich grässlich. Nur war mir das in dem Moment egal. „Ich meine, ich hab nichts gegen Ben, und er ist ja auch ganz attraktiv und sowas, aber… bäääääh…“ Er lacht. „Aha. Bäh. Alles klar.“ Ich weiß nicht, wie ich es anders sagen soll. Es war einfach eklig. Und das nicht nur wegen des Alkoholgeschmacks, sondern auch, weil er einfach… nicht der Typ ist, den ich küssen will. Ich weiß nicht warum, aber selbst mit Bill hätte es mich nicht halb so angeekelt wie mit ihm. Und Bill ist schließlich nur mein bester Freund. Nicht mehr. Ich seufze und lege mich wieder hin. „Ich gehe jetzt besser mal, sonst fällst du noch über mich her“, grinst Bill und steht auf. Mit einem flotten Seitenblick auf mich fügt er hinzu: „Wobei ich damit wohl ein kleineres Problem hätte als Ben“ Ben. Autsch. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Er hasst mich jetzt bestimmt. Oder er hat längst alles vergessen. Und Bill? Was hat er eben gesagt? Egal. Ich will jetzt schlafen…

Kapitel 21 – Countdown
„Ich will nicht gehen…“, jammere ich nun schon zum mindestens zehnten Mal. „Dann bleib doch einfach“ „Das geht nicht… meine Eltern…“ „Ich dachte, deine Eltern interessieren sich nicht für dich?“ Verdammt. Wie Recht er hat. Das mit den Eltern… eine Ausrede. Ich weiß nicht wieso, aber irgendetwas sagt mir, dass ich nicht länger hier bleiben sollte. Bei Bill. Vielleicht mein Verstand. Geh, bevor irgendetwas passiert. Das scheint er mir zu sagen. Aber was soll passieren? Ich weiß es nicht. Mittlerweile weiß ich gar nichts mehr.

„Sollen wir nen Film gucken?“ „Mhm… was für einen?“ „Hm… magst du >Das Haus am See Schock. Der Film, den ich mir mit Tom ansehen wollte. Aber er war gut. Oder zumindest die Beschreibung und die ersten 10 Minuten. Warum also nicht? „Okay“ „Gut… ich hol uns schnell was zu mampfen… schieb doch die DVD schon mal rein“ Das mache ich dann auch und nach ein paar Minuten ist Bill zurück und wir können den Film starten. Ich begutachte Bills Süßigkeiten-Beute. Schokolade. Ganz viel Schokolade. Ich liebe Schokolade! Vor allem bei Schnulzen. Schoko und Taschentücher. Verdammt. Er hat keine Taschentücher. Na schön, dann wird eben auch nicht geweint. Oder doch. Nach einer halben Stunde kommt die erste Heul-Szene und ich kann mich mal wieder nicht zurückhalten. Schon beschissen, ein emotionaler Mensch zu sein. „Brauchst du ein Taschentuch?“, Bill sieht mich besorgt an. „Nein… geht schon“, schniefe ich. „Dann lass mich das wenigstens wegmachen“ Er nimmt meinen Kopf in beide Hände und wischt die Tränen aus meinem Gesicht. „Du weißt doch dass ich es nicht sehen kann, wenn du weinst“ „Hey, wer heult denn hier? Du oder ich?“ Unter Tränen grinse ich ihn an. Er nimmt meine Hand. „Am liebsten würde ich dich gar nicht gehen lassen“ „Ich weiß“ Ich kuschle mich an ihn. Er tut mir so gut. Aber er ist nur ein Freund und ich kann nicht von ihm verlangen, so lange bei ihm zu wohnen. Und von meinen Eltern auch nicht. Morgen früh holen sie mich ab. Dann ist Donnerstag. Am Montag darauf geht die Schule wieder los. Bill legt seinen Arm um mich. Wie schon so oft. Ich glaube er hat mich in den letzten 3 Wochen öfter auf diese Art berührt, als Tom es jemals getan hat. Und Tom war mein Freund. Schon irgendwie traurig. Aber das ist vorbei. Vergangenheit.

Den Rest des Filmes über schweigen wir, liegen einfach nur nebeneinander, er hält meine Hand. Ab und zu tauschen wir Blicke aus. Ich genieße die Stille, seine Nähe. Eine Kussszene wird gezeigt. Ich lege meinen Kopf an seine Schulter und atme seinen Duft ein. Er ist für mich Glück, Geborgenheit und Freundschaft. Unbekümmerte. Einfach zusammen sein, ohne dauernd irgendwelche Sorgen und Probleme zu haben. Ich spüre seinen Atem. Schön. Eine feine Gänsehaut überzieht meinen Körper. „Ist dir kalt?“ Wow. Nicht schlecht. Wie hat er das nun schon weder so schnell bemerkt? „Mhm…“ „Komm her, ich deck dich zu“ Er schaufelt den Berg von Schokolade, Fernbedienungen und Klamotten vom Bett und zieht die Bettdecke unter mir weg, um sie kurz darauf über und beide auszubreiten. „Danke… lieb von dir“ Ich kuschle mich enger in die Laken.

Als der Film zuende ist, lasse ich meinen Kopf aufs Kopfkissen sinken. Warum liegt das eigentlich am Fußende? Habe ich mir das vorhin geholt? Nicht dass ich wüsste. Naja, egal. „Willst du dir noch nen Film ansehen oder lieber schlafen gehen?“ Ich drehe den Kopf zu Bill, der genauso da liegt wie ich. Ich schaue ihm in die Augen. „Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gerne noch ein Weilchen so liegen bleiben.“ „Okay“, sagt er leise und streicht mir die Haare aus dem Gesicht. Lange Zeit sehen wir uns einfach nur an, dann merke ich, wie die Müdigkeit mich übermannt. Erschöpft schließe ich die Augen.

Kapitel 22 – wings?
Tuuut, tuuut… oh Mann. Verschlafen blinzle ich. Ist es schon Morgen? Ich bin gestern wohl in voller Montur eingeschlafen. Ich drehe den Kopf. Aha. Bill geht es anscheinend genauso. Er liegt voll bekleidet neben mir und schläft. Unwillkürlich muss ich lächeln. Sieht irgendwie süß aus. Ach du Scheiße. Schon wieder so komisch drauf. Verpennt reibe ich meine Augen.

Tuuut, tuuut… sind das meine Eltern? Aber warum klingeln die nicht einfach an der Tür? Gähnend rapple ich mich auf, um aus dem Fenster zu sehen. Nein, lieber doch nicht. Ich lasse mich zurück in die Kissen fallen. Ich will nicht aufstehen. Ich will nicht heimgehen. Nicht, wenn das hier eigentlich mein Zuhause ist. Ich meine, was ist schon Zuhause? Meine Eltern sind nie da, ich bin allein. Das ist nicht unbedingt das was man sich unter einem Zuhause vorstellt. Aber ich muss gehen.

Letztendlich stehe ich dann doch auf. Das Hupen hat aufgehört. Waren wohl doch nicht meine Eltern. Und wenn, dann sei’s drum. Ich wasche mich, ziehe mich um und kämme meine Haare. So, noch schnell Zähne putzen. Und Labello. Fertig. Wozu eigentlich Labello? Naja, auch egal. Als ich aus dem Badezimmer komme, schläft Bill immernoch. Wie kriege ich den bloß wach? Einmal durch die Haare wuscheln. Bringt nichts. Ich betrachte ihn. Wie er schläft, er sieht aus wie ein Engel. Und seine Lippen sind toll. Oh nein, Camryn. Keine unüberlegten Küsse mehr. Nie wieder. Auch nicht im nüchternen Zustand. Einfach nicht mehr auf den Instinkt achten. Bussi auf die Wange. So, das hat ja jetzt wohl nicht geschadet. Er blinzelt. „Hey… das ja mal ne Begrüßung“ Er grinst verschlafen. „Morgen“

***

Rrring. Das war dann wohl die Türklingel. Ich seufze. „Ich komm mit runter… gib mir deine Tasche“ Ich hebe meine Tasche auf und drücke sie Bill in die Hand. Gemeinsam laufen wir die Treppen runter. Bill öffnet die Tür. Meine Eltern. „Hallo meine Kleine!“ Meine Mum drückt mich an sich. Na super, jetzt geht das wieder los. Meine Mutter ist eine tolle Schauspielerin. Als sie sich endlich von mir losgerissen hat, drücke ich noch schnell meinen Dad. So, erledigt. „Sag mal, was hast Du eigentlich angestellt?“ Meine Mutter wendet sich Bill zu. Der schaut nur verblüfft. „Also als wir sie hier abgeliefert haben, sahst du noch anders aus“ Oh mein Gott. Wissen die etwa nichtmal dass Tom einen Bruder hat? „Äh… Mum… Dad… das ist Bill, Toms Zwillingsbruder…“ Ich werfe Bill einen entschuldigenden Blick zu, aber der scheint es mit Humor zu nehmen. Er lacht jedenfalls. Meine Mutter ebenfalls. „Oh tut mir Leid… Das wusste ich nicht“ Hallo? Ich war jetzt 2 Jahre mit Tom zusammen – ich betone >war< - und die wissen nicht einmal, dass er einen Bruder hat? Wie kann man nichts von SO einem Bruder wissen? Oh Mann. „Naja… ich muss dann wohl…“ Ich sehe Bill an. Von seinen Eltern habe ich mich schon gestern verabschiedet und mich bedankt, da sie heute arbeiten müssen. „Ja…“ Bill schaut mich an. Sein Blick ist immernoch derselbe als damals vor 3 Wochen. Unergründlich. Tief. Nur irgendwie traurig. Ich muss das jetzt schnell hinter mich bringen, sonst fange ich noch an zu heulen. Ich lasse mich in seine Arme fallen und drücke ihn an mich. „Du hast meine Telefonnummer?!“ „Ja, die hab ich“, sagt er leise und erwidert meine Umarmung. „Gut“ „Wir sehen uns…“ Er löst sich von mir, küsst mich auf die Stirn. „Und solange passt du auf deine Flügelchen auf, okay?“ Er lächelt und sieht mir nochmal in die Augen. „Okay…“ Komisch. Sehr komisch. Ich drehe mich um und folge meinen Eltern zum Auto. Eigentlich könnte ich auch laufen, aber ich fahre mit ihnen mit.

Home, sweet home – ich komme! Aber mir geht nicht aus dem Kopf, was Bill gesagt hat. Flügelchen? Flügelchen. Welche Flügelchen?

Kapitel 23 – fliegende Kühe und andere Fehler
Ich werfe meine Tasche in die Ecke und lasse mich auf mein frisch bezogenes Bett fallen. Radio an. Endlich Zeit zum Nachdenken. Was in den letzten Wochen passiert ist, all das ist so neu für mich. Meine Beziehung mit Tom ist beendet. Aus. Für immer. Und das ist auch gut so. das weiß ich jetzt. Dank Bill. Nur seinetwegen habe ich es geschafft, aus meinem Loch aufzutauchen. Aus dem Schatten ins Licht. Und trotzdem verwirrt er mich. Oder die Freundschaft zu ihm. Gewissermaßen beides. Aber darüber sollte ich mir jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Nicht jetzt, wo ich froh bin, dass das mit Tom vorbei ist.…Du ließt dich nur verführ’n um irgendwas zu spür’n…

Stimmt. Okay, der Rest des Songs, der im Radio läuft, passt nicht wirklich zu mir und meiner Situation. Der Teil schon. Ich habe nur mit ihm geschlafen, um zu spüren, dass ich noch da bin. So war es immer mit uns. Er wollte jedes Mal seinen Spaß, und ich habe alles mit mir machen lassen. Ein gewaltiger Fehler.

Ich habe mir geschworen, nie wieder mich oder meinen Körper zu verkaufen. Denn das hat nichts mit Liebe zu tun. Hatte es nie. Und doch hat er mich so oft verletzt. Seelisch als auch körperlich. Viel zu oft. Und ich habe viel zu lange mitgespielt. Noch ein Fehler. Die ganze Sache mit ihm war ein Fehler. Er selbst ist ein überdimensionaler Fehler. Ich bin nicht mehr traurig seinetwegen, meine Trauer ist der Wut gewichen. Am liebsten würde ich ihn umbringen. Für alles, was er mir angetan hat. Er hat ganze 2 Jahre lang mit mir gespielt, mein Leben zur Hölle gemacht.

In dieser Zeit hätte ich mir einen anderen Freund suchen können. Einen, der es wert ist, von mir geliebt zu werden. Einen wie Bill. Wäre ich nur nicht so dumm gewesen. Dann wäre jetzt alles anders.

***

Rrring…

„Ja?“
„Hey Camryn, ich bin’s!“
„Bill! Hey! Wie geht’s?”
“Gut danke... und dir?”
„Auch…“
„Ähm, ja, also was ich fragen wollte…“
„Hm?“
„Hast du Lust, heute Abend ins Kino zu gehen?“
„Klar! Cool! Aber in welchen Film?“
„Mhm… hast du >Fluch der Karibik 2< schon gesehen?“
„Nein… aber find ich gut“
Ich grinse in den Telefonhörer.
„Okay! Willst du vorher noch zu mir kommen?“
„Mhm… klar, warum nicht…“
„So um Drei?“
„Klingt gut! Bis dann!“
„Bis dann!“

Ich lege auf und schaue auf die Uhr. Oh, schon 14 Uhr. Jetzt muss ich mich aber beeilen. Ich springe schnell unter die Dusche, dann ziehe ich mich an, mache meine Haare und schminke mich. So. Fertig. Genau Dreiviertel. Ich hole meine Handtasche aus meinem Zimmer und mache mich auf den Weg zu Bill.

***

Der Nachmittag verläuft wie jedes mal, wenn wir zusammen sind. Wir lachen, reden und bauen jede Menge Mist – was man eben so macht unter Freunden. Um 17 Uhr machen wir uns auf den Weg zur Bushaltestelle, eine halbe Stunde später sind wir am Kino. Jetzt nochmal eine halbe Stunde warten. Mir ist langweilig.

„Hey, guck mal, eine fliegende Kuh!“ Und prompt ruckt Bills Kopf in die Richtung, in die ich zeige. Ich bekomme einen derartigen Lachanfall, dass ich mich an ihm festhalten muss, um nicht umzufallen. Minuten später grinse ich immernoch, habe total gute Laune. Und das nur wegen so einem Schwachsinn. Irgendwann ist es dann 18 Uhr und wir dürfen in den Kinosaal. Piraten, ich komme!

Kapitel 24 – die nackte Wahrheit
„Und du fandest den Film wirklich gut?“ Bill schaut mich ungläubig an. „Ja, wieso auch nicht? Ich meine, wer steht denn nicht auf verschwitzte Piraten und Seeungeheuer?“ „Naja, da hast du auch wieder Recht“ Er lacht und lässt sich neben mich fallen. Auf das Bett, das 3 Wochen lang mein Bett war. Und jetzt ist es wieder seins. Wow, Ironie des Schicksals.

Plötzlich verschwindet Bills Lächeln und er wird ernst. „Pass auf… was ich dir eigentlich sagen wollte, ist… also eigentlich wollte ich es dir gar nicht sagen, aber… ich muss einfach, verstehst du?“ „Äh… nein“ Ich verstehe überhaupt nichts, um ehrlich zu sein. Was will er eigentlich? Was hat er denn nun schon wieder vor? Skeptisch sehe ich zu, wie er meine Hände nimmt. Er hat mehr Ringe und Armbänder an seinen Händen als ich jemals besessen habe, wie ich unwillkürlich bemerke.

„Camryn, ich… schau mich mal an“ Okay, schon gut. Mit einem etwas mulmigen Gefühl in der Magengegend hebe ich den Blick. Mitten in seine Augen. Und wieder dieser tiefe, warme Blick. Wow.

„Es fällt mir nicht leicht, das einfach so zu sagen und ich hab das auch nicht so geplant… es… es ist einfach so passiert, weißt du… Camryn, ich hab mich in dich verliebt“

Er senkt den Blick, beißt sich auf die Unterlippe. Es dauert eine ganze Weile, bis ich realisiere, was er da eben gesagt hat. Er ist in mich verliebt. Er. Bill. In mich. Camryn. Das kann doch nicht sein. Das sollte nicht so laufen. Ich wollte nicht, dass er sich in mich verliebt. Dass er Gefühle dieser Art für mich entwickelt. Nie. Und doch ist es passiert. Und jetzt? Was ist jetzt mit unserer Freundschaft? Unsere Liebe hatte jedenfalls keine Chance. Er ist der Bruder meines Ex-Freundes. Das kann nicht gut gehen.

Ja, es stimmt. Ich habe schon oft daran gedacht, ihn zu küssen. Aber nur, weil ich ihm so dankbar bin. Wir sind Freunde. Und es wäre nicht schlimm gewesen, auch diesen Schritt noch zu gehen. Unter Freunden.

Und jetzt weiß ich nicht mehr, was ich tun soll. „Es tut mir Leid…“ „Was?“ Ich schrecke aus meinen Gedanken. „Na das alles… ich wollte nicht, dass es so kommt“ „Schon gut. Aber… ich… also ich hab dich wirklich gern, das weißt du. Und ich bin dir auch dankbar für alles, was du… was du für mich getan hast, aber… es geht nicht, ich… ich mag dich als einen Freund, Bill… nicht mehr. Es tut mir so Leid“ Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Ich sehe ihm in die Augen. Für einen Moment glaube ich, einen feuchten Glanz wahrzunehmen, doch dann sehe ich nur noch Leere in seinen Augen. Und Traurigkeit. Ich will ihn nicht verletzen. Aber ich kann nicht anders.

Er hält noch immer meine Hände. So taktvoll wie möglich sage ich: „Bitte nimm es mir nicht übel, aber ich muss jetzt erstmal nach Hause, nachdenken“ Er lässt langsam meine Hände los. „Du musst dich nicht entschuldigen. Ich muss mich entschuldigen. Ich habe unsere Freundschaft ruiniert, nicht du“ Er senkt abermals den Blick. Ich will nicht, dass er traurig ist. Nicht wegen mir. „Nein. Du wirst immer mein Freund bleiben. Egal was passiert.“ Und damit stehe ich auf und verlasse das Zimmer. Wer weiß, für wie lange.

***

Zuhause angekommen lasse ich meinen Tränen freien Lauf. Ich will nicht, dass es so endet. Ich will nicht, dass es so endet. Ich will ihn nicht verletzen. Ich will nicht, dass er unglücklich ist. Ich fühle mich so schuldig, obwohl ich im Grunde genommen genau weiß, dass ich nichts falsch gemacht habe. Ich habe mich ihm nie aufgedrängt. Nie. Leise schniefe ich. Wieso musste das nur so laufen? So verdammt schief. Ich liebe ihn nicht, das ist nicht möglich. Doch wer weiß, was passiert wäre, wenn ich nie mit Tom zusammen gewesen wäre? Aber darum geht es nicht. Nicht mehr.

Und auch wenn ich ihm gerade das Gegenteil versichert habe, weiß ich doch, dass unsere Freundschaft durch sein Geständnis mitgenommen wurde. Vielleicht noch nicht ganz zerstört, aber dennoch angeknackst. Und ich weiß nicht, ob es zwischen uns je wieder so werden kann wie früher. Aber er ist mir doch so verdammt wichtig.

Kapitel 25 – back to school
Es ist Montag. Endlich wieder Schule. Endlich habe ich wieder etwas anderes zu tun, als immer nur über ihn nachzudenken. Ich stehe im Gang und schaue aufs schwarze Brett, als mich plötzlich jemand anspricht. Ein Mädchen, etwa so alt wie ich. „Hey! Weißt du zufällig wo das Klassenzimmer der 9c ist?“ Sie blickt mich fragend an, die Augenbrauen über ihren braunen Augen hochgezogen. „Aber klar! Das ist meine Klasse! Bist du das Mädchen aus Hamburg?“ „Ja die bin ich! Ich bin Coco!“ Sie lächelt mich an. Sie ist ziemlich groß, wie mir auffällt. Und braungebrannt. Trotz ihres kurzen blonden Haars. „Coco?!“ „Corinna“ „Ach so… ähm, hi… ich bin Camryn… komm einfach mit“

***

„Das ist also eure neue Mitschülerin Corinna! Möchtest du dich noch kurz vorstellen?“ „Nein… eigentlich nicht“ Coco grinst und schaut unsere Klassenlehrerin an. „Okay… setz dich doch neben Camryn, da ist noch ein Platz frei“ „Gut“ Coco setzt sich neben mich. „Hey“ „Hi“ Ich grinse. So schnell geht sowas. Vor 10 Minuten kennen gelernt und dann sitzt sie schon neben mir. Dann bin ich wenigstens nicht mehr so alleine. Und ganz nett scheint sie ja auch zu sein.

Der Unterricht fängt an. Doch ich kann mich nicht konzentrieren, immer wieder schweifen meine Gedanken ab, Zu ihm. Bill. Seit zwei Tagen haben wir nicht mehr miteinander geredet. Er ignoriert meine Anrufe, will nicht mit mir reden. Es tut so weh. Ich habe doch nichts falsch gemacht. Aber er auch nicht. Ich fühle mich so hilflos. Warum musste das nur so kommen? „Camryn! Sag mal, schläfst du?!“, höre ich Frau Kammer sagen. Verdammt. „Nein, tut mir leid… ich war etwas abwesend“ Sie stellt mir irgendeine dumme Frage und ich gebe ihr eine wie mir scheint noch dümmere Antwort. Alles ist so sinnlos.

Es läutet. Endlich. Pause. Ich muss erstmal raus, einen klaren Kopf bekommen. Wenn das nur so einfach wäre. Inzwischen ist überhaupt nichts mehr klar. Nur noch Verwirrung. In meinem Kopf, in meinem Herz, überall.

Ich setze mich auf die kleine Mauer am Rand des Schulhofes. Sofort kommen Erinnerungen hoch. Ich, wie ich auf der Mauer vor Lauras Haus sitze. Er, wie er mich nach Hause trägt. Hat er damals auch schon so gefühlt? Ich weiß es nicht. Im Prinzip spielt es auch keine Rolle. Ich fahre mir nervös durch die Haare.

Nein, ich werde jetzt nicht weinen. Nicht schon wieder. Doch dann sehe ich ihn. Er sitzt auf einem der Baumstämme, keine 30 Meter entfernt. Und vor ihm steht sie. Cherry. Augenblicklich kommen mir die Tränen. Hat er mich etwa schon durch eine andere ersetzt? Sich getröstet? Das kann nicht sein. Er darf nicht so ein verdammtes Schwein sein wie sein Bruder. Sie streckt die Hand aus, will ihm anscheinend aufhelfen. Er schiebt sie entschlossen weg, schaut sie genervt an. Ha! Ich triumphiere innerlich. Gemein, ich weiß. Aber ich kann im Moment nicht anders.

Ich will zu ihm gehen, mit ihm reden. Doch das kann ich nicht. Das geht nicht so einfach. Ich hole ein Taschentuch aus meiner Hosentasche und putze meine Nase.

„Alles okay bei dir?“ Corinna – oder Coco, wie auch immer – setzt sich neben mich. „Nein… ich bin eine Heulsuse“ „Bist du bestimmt nicht… du heulst doch nicht ohne Grund, oder?“ „Nein“ Eine Weile sagt keiner etwas, dann fragt sie: „Willst du darüber reden?“

***

„Der Kerl da drüben?“ Sie nickt in Richtung Bill. „Ja…“ „Naja…“ Sie grinst verschwörerisch „Ich kann dich verstehen“ „Nein… so ist das nicht… ich bin nicht in ihn verliebt“ „Also nach dem was du mir erzählt hast und vor allem wie du es erzählt hast, bist du das wohl. Und zwar sowas von.“ Ich schniefe. „Lass uns reingehen“

Kapitel 26 – Decision
Sei
t Bills Geständnis sind zwei Wochen vergangen. Zwei Wochen, in denen es mir verdammt schlecht ging. Ich konnte nahezu nichts mehr essen, nicht mehr schlafen, und wenn doch, hatte ich Alpträume. Ich wusste die ganze Zeit, dass ich eine Entscheidung treffen musste. Entweder oder. Ja oder nein. Und ich habe meine Entscheidung getroffen. Ich weiß nicht, ob ich sie später bereuen werde, aber ich weiß, dass ich keine andere Wahl habe. Nicht, wenn ich zumindest für den Augenblick glücklich sein will. Und das will ich. Mehr als alles andere.

Ich nehme das Telefon vom Nachttisch. Jetzt oder nie. Es gibt kein Zurück mehr. Ich wähle seine Nummer. Warte. Und warte. Endlich geht er ans Telefon.

„Ja?“
„Hey… ich bin’s, Camryn“
„Ähm… hallo“
„Hi… ich… ähm, also…“
„Was gibt’s?“
//Mein Gott Camryn, jetzt stell dich nicht so an! Augen zu und durch!//
„Also… erstmal wollte ich deine Stimme hören“
„Schon klar“
//Wow, das hat schon ein bisschen was von Eiszeit//
„Egal jetzt. Ich wollte dich fragen, ob du heute Abend in die Tanzschule kommen könntest?!“
„Mhm… ja, lässt sich machen“
„Gut! So um halb 10?“
„So spät?“
„Vertrau mir einfach“
„Okay. Bis dann!“
Tuut, tuut

Aufgelegt. Meine Güte war der seltsam drauf. Na hoffentlich wird das heute Abend besser. In viereinhalb Stunden muss ich in der Tanzschule sein. Eine halbe Stunde fürs Hinkommen. Das heißt, ich habe noch vier Stunden, um mich fertig zu machen.

Ich nehme ein heißes Bad, mache meine Fingernägel, suche mein Outfit aus. Noch 2 Stunden, bis ich gehen muss. Nach einer weiteren halben Stunde bin ich endlich fertig mit meinen Haaren. Dass die auch ausgerechnet heute total widerspenstig sein müssen. Jetzt noch das Make-Up. Verdammt. Ein Pickel an der Schläfe. Schnell abdecken. Schon besser. Kajal. Zu viel. Weg damit. Nochmal. Wieder zu viel. Wütend schmeiße ich den Kajalstift in die Ecke. Dann eben nicht. Mir doch zu doof. Lidschatten. Sitzt. Sehr gut. Jetzt noch Lipgloss. Nein, doch nicht. Das klebt immer so. Also nur etwas Labello. Perfekt. Zufrieden betrachte ich mein Werk im Spiegel. Kann sich sehen lassen, denke ich. Hat ja auch lange genug gedauert. Eine ganze Stunde, wie ich mit einem Blick auf die Uhr feststelle. In einer halben Stunde muss ich gehen. Ich suche meine Handtasche und stopfe sie voll mit irgendwelchem Zeug, von dem ich glaube, ich brauche es. So langsam werde ich verrückt. Ungefähr die Hälfte wird wieder rausgeworfen, dann bin ich zufrieden. Nur noch wirklich wichtige Sachen drin. Überlebenswichtig. Vor allem das Zeug zum Nachschminken. Doch.

Als ich dann endlich im Bus sitze, bemerke ich, dass ich zittere. Was ich jetzt tun will, wird nicht einfach für mich sein. Aber ich weiß, dass ich mich richtig entschieden habe. Denn es gibt nichts, das ich mehr will. Ich habe nur Angst, dass er anders reagiert als erwartet.

***

Ich sehe mich um. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass heute ziemlich viele Leute hier sind. Aber es ist ziemlich leer, ein paar Leute auf der Tanzfläche, der Rest in kleinen Grüppchen verteilt auf die Sofas. Ich habe eins für mich alleine.

Nein, halt. Gleich nicht mehr. Ich sehe Bill, wie er auf mich zusteuert. Na endlich. Erleichtert atme ich auf. Ich hatte schon befürchtet, versetzt zu werden. Sowas Albernes. Ich war ja schließlich auch viel zu früh dran.

Ich sehe zu, wie er sich neben mich setzt. „Hi“ „Hey“ „Wie geht’s dir?“ Er sieht mir in die Augen. Es ist immernoch derselbe Blick wie vor zwei Wochen. „Ehrlich gesagt… im Moment etwas komisch“ „Komisch? Wie soll ich das verstehen?“ Ein forschender Blick aus seinen dunklen Augen. „Bill, ich… ich bin hier, um dir etwas zu sagen“ „Dann sag es“ „Es fällt mir nicht leicht…“ „Schon gut“ Er streicht mit der Hand über meine Wange, senkt den Blick. „Tut mir Leid“ „Das braucht es nicht“ Ich nehme seine Hand, drücke sie vorsichtig.

„Es ist so… ich habe versucht, es zu unterdrücken, ich habe es verdrängt… weil ich Angst hatte… Angst, erneut verletzt zu werden… ich weiß, dass du mich niemals schlecht behandeln würdest… aber… ich meine, du bist der Bruder meines Ex-Freundes, es ist nicht einfach… aber ich fürchte, ich hab mich trotz allem in dich verliebt“ Ich lächle unbeholfen, senke den Blick. Ich habe Angst vor seiner Reaktion. Was, wenn er mich nicht mehr will? Was, wenn er sauer ist, dass ich es ihm nicht früher gesagt habe? Aber wie hätte ich das tun sollen? Es war mir ja selbst nicht klar.

„Willst du… tanzen?“ Okay. Also mit so einer Reaktion habe ich überhaupt nicht gerechnet. Aber okay. „Ja“ „Gut“ Er zieht mich hinter sich her in Richtung Tanzfläche. Plötzlich bleibt er stehen. In der äußersten Ecke. „Ähm… sollen wir nicht weiter zur Mitte gehen?“ „Nein… ich will mit dir allein sein“ Er legt die Hände an meine Hüfte und zieht mich an sich. Es fühlt sich gut an. Wie beim letzten Mal, nur dass ich diesmal sicherer bin. Ich habe keine Angst mehr. Er gibt mir Vertrauen. Ich lehne mich noch etwas mehr an ihn. Im Hintergrund läuft „Tonight“ von Reamonn. Genau wie beim letzten Mal.

„Das ist unser Song“, sagt er leise. Unsere Blicke treffen sich. Sein Gesicht scheint meinem immer näher zu kommen. Langsam schließe ich die Augen. Ich spüre seinen Atem. Und dann berühren sich endlich unsere Lippen. Vorsichtig verstärkt er den Druck, langsam aber bestimmt. Ein Kribbeln breitet sich in meinem Körper aus, vom Haaransatz bis in die Zehenspitzen. In diesem Moment fühle ich ungefähr hundert verschiedene Dinge, es ist unbeschreiblich. Als er dann auch noch anfängt, meine Lippen mit seiner Zunge zu streifen, glaube ich förmlich zu explodieren. Noch nie hat sich etwas so gut und richtig angefühlt wie das. Er streicht mit dem Daumen über meine Wange, und ich erwidere den Kuss. Ich wünschte, dieser Moment würde niemals enden.

Doch irgendwann ist er dann doch vorbei und wir lösen uns voneinander. Ich fühle mich wie ein Hollywoodstar in einem Liebesfilm. Mein Film. „Das ist mein Happy End“, hauche ich in sein Ohr. Es ist zu schön um wahr zu sein. Mit Tränen in den Augen lächle ich ihn an. Er erwidert mein Lächeln und sagt: „Nein, das ist erst der Anfang“ Er küsst mich abermals, lange und zärtlich.

Kapitel 27 – cloud number 9

„Mhm… du schmeckst so gut, weißt du das?“ Er schaut mich verliebt an. Ich lächle. „Nicht halb so gut wie du“ Wir sind albern, ich weiß. Aber ich bin im Moment einfach so glücklich. Wir sitzen auf Bills Bett, ich habe ihn von der Tanzschule nach Hause begleitet. Genau genommen liegen wir eigentlich eher. Auch egal. Am liebsten würde ich die Zeit anhalten. Oder dieses Gefühl im Bauch in ein Glas stecken, so dass ich es mir immer holen kann, wenn es mir schlecht geht.

Zwischen zwei Küssen murmle ich: „Ich muss so langsam echt mal nach Hause…“ „Was denn, jetzt?“ Bill schaut mich entgeistert an. „Weißt du, wie spät es ist, Kleine? Willst du nicht lieber hier schlafen?“ Schlafen. Hier. Sofort fangen meine Alarmglocken an zu läuten. Nein. Ich will nicht noch einmal den Fehler machen, den ich bei Tom gemacht habe. Bill scheint meinen Gesichtsausdruck bemerkt zu haben, denn er haucht mir einen Kuss auf die Stirn und sagt: „Ich geh auf die Couch, keine Angst“ Angst? Woher weiß er das? Ach so, ich habe ihm so ziemlich alles erzählt über Tom und mich. Auch von den Schmerzen und so. Kann eigentlich nur gut sein, denn dann weiß er auch Bescheid, wie es in mir aussieht. In meinem Kopf. In meinem Herz. Ich lächle ihn an. „Ich will doch nur nicht, dass dir irgendwas zustößt“ Er schaut mich mit diesem Hundblick an, bei dem man einfach dahinschmelzen muss. Ich lächle ihn an. „Weißt du eigentlich, dass du wunderbar bist?“

„Klar, das wusste ich schon immer“ Er grinst mich frech an und küsst mich. Und wieder dieses unbeschreibliche Gefühl. Ich weiß nicht, wie oft wir uns in den letzten zwei Stunden geküsst haben, aber es ist jedes Mal fast so gut wie beim ersten Mal. Seine Lippen sind so weich und seine Art, wie er küsst, ist einfach wundervoll. Er bringt mich vollkommen um den Verstand. Ich war noch nie in meinem Leben so verliebt.

„Kann ich mal kurz zuhause anrufen?“ „Klar“ Bill steht auf und watschelt zum Schreibtisch, schnappt das Telefon und wirft es mir zu. Beinahe wäre es mir an den Kopf geflogen. Tja, so kommt das, wenn man lieber auf seinen Hintern starrt anstatt auf das fliegende Telefon zu achten. Kopfschüttelnd wähle ich die Nummer.

Tuut, tuut…

„Hallo?“

„Hi Mum, ich bin’s!“

„Schatz! Was gibt’s!“

//Warum muss sie mich eigentlich andauernd Schatz nennen?//

„Ähm… kann ich heute bei… bei meinem Freund schlafen?“

Ich strahle Bill an. Der strahlt zurück.

„Du hast wieder einen Freund?“

„Ja“

„Ist es wieder dieser… ähm, wie hieß der… Ron? Habt ihr euch wieder versöhnt?“

//Als ob sie das interessieren würde.//

„Nein… nicht Tom… Bill“

„Bill?“

„Jap… er ist toll, Mum“

Ich zwinkere. Bill wirft mir eine Kusshand zu. Flirten während dem Gespräch mit der Mutter. Nicht schlecht.

„Na dann… wünsch ich dir mal eine gute Nacht…“

„Danke… bye“

„Bye“

Bill kommt auf mich zu. „So, toll bin ich also, hm?“ „Und wie“ Verliebt schaue ich ihn an.

„Sag mal, wo hast du denn dieses Ersatznachthemd, das du mal da gelassen hast? Du kannst ja schlecht in deinen Klamotten schlafen, oder?“ „Das hab ich irgendwann wieder mitgenommen…“ Wie lieb, dass er an sowas denkt. „Mhm… kein Problem… ich geb dir ein Shirt, okay?“

Er steht auf und geht zum Kleiderschrank. Nach einer Weile Herumwühlen wirft er mir ein T-Shirt zu. Schwarz mit roter Schrift. >Satan knows youre a poser< steht darauf. Wie süß. „Danke… ich geh dann mal ins Bad“ Ich verschwinde ins Badezimmer und wasche mich kurz, dann streife ich das Shirt über. Es ist relativ schmal, und gar nicht mal so lang. Man sieht einen Teil meiner pinken Panty. Aber das stört mich nicht. Nachdem ich mir mit einer fremden Zahnbürste, die hoffentlich Bill gehört, die Zähne geputzt habe, gehe ich zurück ins Zimmer. Als Bill mich sieht, lächelt er nur und verschwindet dann selbst ins Badezimmer. Nach ein paar Minuten kommt er zurück. Und er duftet noch unwiderstehlicher als sonst.

„Bihiiiil?!“ „Hm?“ Er hebt die Augenbrauen. Süß. „Krieg ich einen Gute-Nacht-Kuss?“ Ich setze den unschuldigen Blick eines kleinen Mädchens auf und kuschle mich noch enger in die Decken. Scheint zu wirken. Er kommt zu mir, setzt sich auf die Bettkante. Dann beugt er sich über mich und drückt seine Lippen auf meine. Und schon ist er wieder weg. „Hey!“, protestiere ich. „Ich will einen richtigen Gute-Nacht-Kuss, klar?!“

„Zu Befehl…“, sagt er mit heiser klingender Stimme. Und dann küsst er mich richtig. Nach einer halben Ewigkeit löst er sich wieder von mir und meint: „So, ich werd dann mal gehen… gute Nacht“ „Du?!“ „Hm?“ „Bleib doch hier!“ Ich hebe die Bettdecke ein Stück an. „Wirklich?“ „Ja… komm, mir wird kalt“ Er schlüpft zu mir unter die Decke und ich kuschle mich an ihn, vergrabe mein Gesicht in seiner Halsbeuge. Ich rieche seinen Duft.

„Gute Nacht“, murmle ich leise. „Gute Nacht, mein kleiner Engel“

Kapitel 28 – Abrechnung

„Und ich dachte immer, du hängst noch an Jenny“ „Nein, ich war nie mit ihr zusammen. Das war erfunden. Weil… also, die Gedichte waren eigentlich für dich… oder über dich“ Er sieht mich schüchtern an. Ich kann es nicht glauben. Er hat für mich Gedichte geschrieben? Einen ganzen Stapel von Gedichten, nur über mich. Und der Inhalt erst. Ich habe die anderen nicht gesehen, aber allein das erste… wow. „Deshalb musstest du so dringend mit Jenny reden… damals, in der Tanzschule…“ „Ja… ich meine was hätte ich sagen sollen? Tom hat dich so verletzt, du warst so fertig. Ich wollte dich nicht in die nächste Krise stürzen…“

„Weißt du was? Das finde ich toll an dir. Dass du so rücksichtsvoll bist, meine ich“ „Nicht rücksichtsvoll genug… du warst zu dem Zeitpunkt, als ich es dir dann doch gesagt habe, auch noch nicht bereit dafür“ „Es gibt nie den richtigen Zeitpunkt für sowas… ich war im ersten Moment einfach…. geschockt… und ich habe geglaubt, nichts für dich zu empfinden außer Freundschaft… oder ich habe es mir zumindest so eingeredet.“

„Schön, dass du es jetzt besser weißt“ Er senkt seine Lippen auf meine, spielt zärtlich mit meiner Zunge. Ich erwidere den Kuss und genieße das Kribbeln, das sich in mir ausbreitet. Früher hab ich mich in solchen Momenten immer woanders hingewünscht, konnte es nicht wirklich schön finden, geküsst zu werden. Von Tom. Aber das ist jetzt vorbei. Und ich muss endlich damit abschließen.

„Bill… ich weiß, es klingt komisch, aber ich kann mich nicht vollkommen auf dich und unsere Beziehung einlassen, wenn ich das mit Tom noch nicht geklärt habe… ich muss mit ihm reden“ „Mit Tom? Wozu?“ „Ich muss einfach reinen Tisch machen, verstehst du?“ „Nein, eigentlich nicht… aber tu es, wenn du denkst, es ist richtig so“ „Ja, das denke ich… ich rede mit ihm, und dann können wir endlich unbeschwert zusammen sein, okay? Hört sich vielleicht schwachsinnig an, aber ich kann das so nicht“ „Okay… aber bitte tu es gleich, ja?“ „Okay“ Ich hauche ihm einen Kuss auf die Lippen und stehe auf.

***

„Herein“ Ich betrete das Zimmer. „Tom? Kann ich kurz mit dir reden?“ Er steht auf, kommt auf mich zu. Ich schließe die Tür hinter mir. „Aber klar doch, Baby. Mit dir red ich doch gerne“ Er grapscht mir an den Hintern. Ekelpaket. Ich schiebe entschlossen seine Hand weg und sage so ruhig wie möglich: „Ich würde die Sache zwischen uns gerne klären“ „Klären? Hört sich gut an“ Er drückt mich gegen die Wand, streift meine Lippen mit seinen. Ich wische mir mit dem Ärmel über den Mund und schubse ihn weg von mir. Eigentlich wollte ich ein vernünftiges Gespräch führen, doch das scheint ja unmöglich. „Jetzt hör mir mal gut zu!“, blaffe ich ihn an. Scheint zu wirken. Zumindest schaut er überrascht. „Ich bin jetzt mit Bill zusammen, und du wirst meinem Glück nicht mehr im Weg stehen, klar? Nie wieder!“ „das wollte ich nie“ Oh mein Gott. Er widert mich so an. Ich weiß nicht, ob es eine Kurzschlussreaktion ist oder einfach nur aufgestaute Wut, jedenfalls hole ich aus und verpasse ihm eine Ohrfeige. „Lüg mich nicht an!“ Das hat gesessen. Er schaut mich entgeistert an und reibt sich die Wange. Hoffentlich gibt das einen Abdruck. „Sag mal spinnst du?!“ „Nein. Und eins sag ich dir – wenn ich damals gewusst hätte, was für ein Arschloch du bist und wie anders Bill ist, wäre ich sofort eine Tür weitergegangen!“ Autsch. Das hat wehgetan. Sehr gut. Ich drehe mich um und lasse ihn stehen.

Als ich das Zimmer verlassen habe, koche ich immernoch vor Wut. Wie kann man nur so sein? Super. Die neutrale Basis ist dann wohl auch futsch. Egal. Ich stoße die Tür zu Bills Zimmer auf. Erschrocken zuckt er zusammen. Er sitzt noch immer auf dem Bett. „Sorry“, murmle ich zerknirscht. „Macht nichts… ist jetzt alles okay?“ „Nein, gar nichts ist okay“ Ich lasse mich neben ihm aufs Bett fallen. „Er hat mich gleich wieder dumm angemacht und ich habe ihm eine geknallt… jetzt hasst er mich endgültig“ Bill nimmt mich in den Arm und drückt mich an sich. „Ist das denn so schlimm?“ „Nein, für mich nicht… ich habe jetzt endlich vollständig mit der Sache abgeschlossen… aber was ist mit dir? Du stehst jetzt sozusagen zwischen uns“ „Ich schaff das schon…“ Er streichelt mir vorsichtig über den Rücken. „Du bist ja ganz verspannt, Maus… soll ich dich massieren?“ Ich lasse mich neben ihm auf den Bauch fallen und nuschle „Ausrede…“ „Was?“ „Na Ausrede… du willst mich doch nur anfassen“ Er lacht. “Na gut, du hast mich erwischt... darf ich trotzdem?” „Mhm”, murmle ich zustimmend. Er beginnt, seine Hände mit sanftem Druck in kleinen Kreisen über meinen Rücken und meinen Nacken wandern zu lassen.

Es dauert eine Weile, doch dann kann ich mich vollkommen unter seinen Händen entspannen. Weil ich genau weiß, dass er nie etwas tun würde, das ich nicht will.

Kapitel 29 – Hahnenkampf

„Und du denkst wirklich, du bist der bessere Lover oder was?“ „Mein Gott, Tom! Es geht hier doch nicht um irgendwelche Qualitäten!“ „Ach, nein? Wieso ist sie dann mal eben umgestiegen von mir auf dich?“ Ich kann die Spannung, die in der Luft liegt förmlich spüren. Dabei dürfte ich noch nicht einmal zu hören. Und doch tue ich es. Zuhören. Man könnte es auch lauschen nennen. Aber ich will nunmal wissen, wo ich stehe.

„Sie ist nicht „umgestiegen“! Sie hat nur erkannt, was für ein mieses Spiel du spielst“ „Armes kleines Mädchen…“ Toms Stimme scheint vor Hohn zu triefen. Zumindest klingt es für mich so. Am liebsten wäre ich rein gegangen und hätte ihm eine gescheuert.

„Idiot“ „Wieso stellst du dich eigentlich so an? Ich vögel nunmal gerne rum, na und?“ „Na und? Na und??? Den Menschen, den man liebt, betrügt man nicht einfach!“, höre ich Bill fauchen, „und mal ganz davon abgesehen – du hast sie auch sonst verletzt. Du hast sie in den Dreck geworfen und ihr das Gefühl gegeben, nichts wert zu sein!“ Es ist, als würde ich da reden und nicht er. Versteht er mich wirklich so gut? Bei dem Gedanken daran lächle ich, obwohl ich den Streit, der sich im Wohnzimmer abspielt, nicht besonders schön finde. Und dennoch wird mir ganz warm, wenn ich höre, wie Bill mich verteidigt.

„Mensch Bill, lass mich in Ruhe und geh dein Mädchen vögeln!“ Unwillkürlich zucke ich zusammen. Dieses Arschloch. Ich warte darauf, dass Bill vollkommen explodiert. Doch zu meiner Überraschung sagt er nur ruhig: „Schon mal was von Liebe gehört, großer Bruder? Ich vögle nicht, wie du das so schön nennst. Ich bin schließlich keine männliche Schlampe.“

„Soll das heißen, sie lässt dich nicht?“ Und wieder blanker Hohn. Er widert mich an. „Die Frage ist nicht. Ob sie mich lässt, sondern ob ich ihre Wünsche respektiere. Und das tue ich, im Gegensatz zu dir“, höre ich Bill sagen.

Ich höre Schritte. Verdammt, schnell weg hier. Ich öffne die nächste Tür – und lande auf der Toilette. Gute Ausrede. Nein, doch nicht. Oben gibt es auch eine. Und sonst ist niemand da, der diese besetzt haben könnte. Mist. Ich warte ein paar Minuten und gehe dann nach oben. Bill sitzt in seinem Zimmer, in dem ich mich übers Wochenende einquartiert habe.

„Da bist du ja“, bemerkt er, als ich eintrete. Ich setze mich zu ihm aufs Bett. „Alles okay?“ „Nein… Tom ist so ein Idiot… ich könnte ihn erwürgen“ Er sieht niedergeschlagen aus. Ich kann es nicht ertragen, wenn er traurig ist, das macht mich selbst total fertig. „Mach dir nicht so viele Gedanken wegen ihm… er ist es nicht wert“

Er lächelt mich liebevoll an. „Ja, du hast ja Recht… und weißt du was? Ich werde nicht zulassen, dass er unsere Beziehung kaputt macht“ Er beugt sich zu mir und legt seine Lippen auf meine. Seine Zunge berührt meine, zuerst schüchtern, dann forschend. In diesem Moment bin ich mir einfach sicher, dass uns so schnell niemand auseinander bringen kann.

Kapitel 30 - Flying

- 2 MONATE SPÄTER -

„Schatz?“ „Hm?“ Ich kuschle mich noch enger an seine Seite, lege meinen Arm um ihn. Es ist Wochenende und Bill und ich liegen gemeinsam in seinem Bett. In der letzten Zeit hat sich im Grunde genommen nicht viel verändert, aber ich bin schlicht und einfach glücklich mit ihm.

„Ich war gestern zu müde, um es dir noch zu erzählen, aber… Tom und ich haben uns endlich versöhnt“ „Ehrlich?“ Ich hebe den Kopf, lächle ihn an. „Mhm…“, brummelt er zustimmend. „Das freut mich total für dich!“ Hat ja auch lange genug gedauert. Seit über 2 Monaten haben sich die Brüder regelrecht bekriegt, und das mehr oder weniger nur wegen mir. Manchmal habe ich echt geglaubt, schuld an alldem zu sein. Aber dann war da Bill, der mir immer wieder versichert hat, dass ich nichts dafür kann. Und trotzdem hat es mich oft fertig gemacht, wenn die beiden sich gestritten haben. Ich bin froh, dass das nun endlich vorbei ist.

„Jaah… und soll ich dir noch was sagen?“ Er streift meine Wange kurz mit seinen Lippen, dann sieht er mir in die Augen. „Tom… er hat gesagt, er respektiert unsere Beziehung ab sofort… und dich auch“ Er strahlt mich an. „Jetzt steht uns endlich nichts mehr im Weg“ „Ja“ Ich fahre mit den Fingerspitzen über seinen Rücken, ziehe ihn näher an mich. Er haucht mir einen zarten Kuss auf die Lippen und lässt seinen Kopf zurück ins Kissen sinken. „Sorry, aber ich bin noch total müde… erstmal noch ne Runde pennen, okay?“, murmelt er verschlafen und schließt die Augen. Unwillkürlich muss ich lächeln. Er sieht so süß aus wenn er schläft. Ich schmiege mich noch etwas enger an ihn und murmle „Schlaf schön…“

***

Etwas kitzelt an meiner Nase. „Guten Morgen mein Engel“ Ich öffne die Augen und blicke in Bills Gesicht. Er hat sich über mich gebeugt und seine Haare kitzeln meine Nasenspitze. Er lächelt. Ich ziehe ihn die letzten paar Zentimeter an mich heran und küsse ihn. Der erste richtige Kuss für heute. Für einen Moment vergesse ich alles um mich herum, spüre nur noch ihn. So ist das jedes Mal, wenn er mich berührt. Dieses Kribbeln, das bis unter die Haut geht. Und dieses Ziehen in der Magengegend. Es ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Und das, obwohl wir nun schon über 2 Monate zusammen sind.

Ich rapple mich auf und sage so gleichgültig wie möglich: „Ich geh jetzt duschen“ „Oh nein“, nölt er augenblicklich drauf los und schaut mich gequält an. Ich lache in mich hinein. Ich liebe es, wenn er schaut, als hätte man ihm einen Leckerbissen oder etwas in der Art vor der Nase weggeschnappt. Ich grinse und stehe auf. „Nein, nicht gehen…“ Er nimmt meine Hand, hält sie fest. Ich entziehe mich gekonnt seinem Griff und verschwinde so schnell ich kann ins Badezimmer. Tür zu. Abschließen. Geschafft. „Das ist nicht fair“, höre ich Bill aus Nebenzimmer rufen. Na und? Grinsend ziehe ich mich aus und hüpfe unter die Dusche. Als ich fertig bin, wickle ich ein Handtuch um mich und verlasse das Badezimmer.

Bill liegt ausgestreckt auf dem Bett. Als er mich sieht, mustert er mich von oben bis unten, was mich beinahe zum Lachen bringt. Sein Blick – einfach zum Quietschen lustig. Aber auch irgendwie süß. Ich lege mich neben ihm aufs Bett, sorgfältig darauf achtend, dass das Handtuch nicht verrutscht. „Und… was gibt das jetzt, wenn’s fertig ist?“ Ich kichere. „Mhm… weiß nicht“ Inzwischen hat er sich wieder über mich gebeugt.

Er streckt die Hand nach mir aus, streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich liebe dich“ Ein kalter Schauer läuft meinen Rücken hinab. Hat er das eben wirklich gesagt? Hat er wirklich die drei berühmten Worte gesagt? Zu mir? „Ich liebe dich auch“ Und ich habe noch nie etwas so ernst gemeint. Was ich für ihn empfinde, kann ich eigentlich gar nicht in Worte fassen. Aber wenn ich es könnte, wäre das wohl die richtige Beschreibung. Liebe.

Unsere Gesichter kommen sich immer näher, und als sich endlich unsere Lippen berühren, ist es wie beim ersten Kuss. Einfach nur unbeschreiblich schön.

Unsere Küsse werden immer hungriger, und irgendwann schiebe ich meine Hand unter sein Shirt. Er fühlt sich so gut an. Es dauert nicht lange, bis ich ihm sein Shirt über den Kopf ziehe und in die nächste Ecke werfe. Einen Augenblick lang bleibt mir der Atem weg. Ich habe ihn zwar schon öfters oben ohne gesehen, aber diesmal haut es mich vollkommen um. Warum, weiß ich selbst nicht so genau. Ich blicke in seine Augen, fahre mit der Hand über seine Brust. Er legt die Hand an mein Handtuch, sieht mich fragend an. Ich nicke nur. Er streift das Handtuch langsam seitlich herunter. An der Hüfte hält er inne, küsst mich. Dann streift er auch noch den letzten Rest des Handtuches ab und für einen Moment verkrampfe ich mich, warte schon automatisch darauf, dass er irgendetwas an meinem Körper auszusetzen hat. Doch stattdessen sagt er nur: „Du bist wunderschön“ Ich blicke in seine Augen. Sie strahlen eine unheimliche Wärme aus, die mir eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Ich strecke meine Hand nach dem Nachtkästchen aus. Wie gut, dass ich hier schon mal alles durchwühlt habe und mich somit bestens auskenne. „Bist du… sicher, dass du das willst?“ Bill schaut mir tief in die Augen, durchleuchtet mich mit seinem Blick. „Ja… ich habe nur eine Bitte“ Er sieht mich ernst an. „Bitte sei vorsichtig“ „Okay“, haucht er an meinen Lippen.

***

Es war unglaublich. Er war unglaublich. Er war so zärtlich, so lieb. Der Ausdruck in seinen Augen… sanft und feurig zugleich, ich kann es gar nicht beschreiben. Es war wie… fliegen. Es war zwar nicht mein erstes Mal, aber es war das erste Mal, dass ich es genießen konnte. Das erste Mal, dass ich mich vollkommen seinen Zärtlichkeiten hingeben konnte.

Ich bleibe noch lange wach, sehe ihm beim Schlafen zu. Von was er wohl träumt? Ich höre, wie er leise atmet. Und plötzlich lächelt er im Schlaf. Mich durchströmt ein Gefühl der Wärme, der Liebe. Jetzt weiß ich – ich habe meinen Engel gefunden.

ENDE


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