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Sämtliche Texte unterliegen meinem Copyright, wenn nicht anders vermerkt.

Genre: Drama
Hauptpersonen: Bill & Lena
Sicht: Lena
Rating: PG14
Kapitel: 17
Copyright/Disclaimer: siehe "About"
Warnung: teilweise ziemlich depri..

Wenn nichts mehr geht

Kapitel 1 – Der Schmerz

Ich liebe dich. Das waren deine Worte. Und dann bist du einfach fort gegangen. Weg. Nach Hamburg. Mit deiner Band. Tokio Hotel. Wie ich diesen Namen hasse. Ich hasse die ganze Band. Weil ich dich nicht hassen kann. Dafür liebe ich dich zu sehr. Hast du mich jemals geliebt? Und wenn, warum bist du dann einfach gegangen? Wie konntest du mir das antun? Weshalb konntest du mich nicht mitnehmen? Ich weiß, dass das nicht funktioniert hätte. Und doch wünsche ich es mir. Trotzig. Wie ein kleines Kind. Und es ist mir so was von egal. Dir war es schließlich auch egal. Du hast dich nicht gemeldet. Kein einziges Mal. Obwohl du es mir versprochen hast. Nennst du das Liebe? Ich nicht. Und ich habe dir die ganze Zeit geglaubt, dir vertraut. Weißt du, wie weh das tut? Ich kann nicht mehr denken, habe keine Gefühle mehr. Nur Leere. In meinem Kopf, in meinem Herz. Du hast mir den Verstand geraubt. Jegliche Emotion. Nein, nicht ganz. Der Schmerz ist nicht verschwunden. Nicht einmal ansatzweise. Im Gegenteil. Es scheint mit jedem Tag schlimmer zu werden. Immer wieder dieselben Gedanken, dieselben Fragen.

Warum habe ich mich damals in dich verliebt? Musste das sein? Wieso hast du mich so enttäuscht? Ist dir die Band wichtiger als ich? Wichtiger als unsere Liebe? Gab es diese Liebe überhaupt? Oder habe nur ich geliebt? Ich wäre für dich gestorben. Hättest du das auch für mich getan? Nein, sicher nicht. Du hättest ja nicht einmal deinen Traum aufgegeben für mich. Eigentlich kann ich das auch nicht verlangen. Aber warum hast du es mir dann geschworen? Die ewige Liebe? Gibt es das überhaupt? Jedenfalls nicht für uns beide. Aber warum gerade wir? Warum ich? Wieso musste das mir passieren? Ich war so glücklich. Bis du gegangen bist.

Und jetzt ist alles von diesem schrecklichen Schmerz erfüllt. Dieser Schmerz, der nicht zu verblassen scheint. Ich habe tausend Mal versucht, dich zu vergessen. Tausend Mal versucht, an etwas anderes zu denken. Es ist mir nicht gelungen. Nicht länger als eine halbe Stunde. Und dann warst du da wieder. Du hast dich eingebrannt. In meine Gedanken, in mein Herz. Es ist zu spät, um alles rückgängig zu machen. Zu spät, um zu vergessen. Ich hätte mich niemals in dich verlieben sollen. Ich hätte es wissen müssen. Und doch konnte ich dir nicht widerstehen. Nein, es war kein One-Night-Stand, keine Affäre. Von Anfang an nicht. Nie. Ich habe dich wirklich geliebt. Ich liebe dich noch immer. Wie es jetzt um dich steht, weiß ich nicht. Damals hast du gesagt, du liebst mich. Ob das wirklich wahr war? Ich werde es wohl nie wissen. Aber was soll das jetzt noch? Es ändert nichts. Nicht mehr. Ich habe so oder so schon alles verloren. Ich trinke meinen Kaffee aus und mache mich auf den Weg zur Bushaltestelle.

Kapitel 2 – Erinnerung

Ich stehe an der Bushaltestelle. Unsere Bushaltestelle. Hier sind wir uns das erste Mal über den Weg gelaufen. Ich habe sofort gesehen, dass du nicht wie die anderen bist. Ich fand deinen Style cool, dein Lächeln war süß. Und ich schien keine Chance zu haben, mit jemandem wie dir auch nur zu reden. Aber davon wollte mein Verstand erstmal nichts wissen. Wenn er doch nur so stark geblieben wäre. Aber mein Herz hat meinen Verstand ziemlich schnell besiegt. Zu schnell. Ich habe dich näher kennen gelernt, mich in dich verliebt. Wieso nur? Okay, ich weiß genau wieso. Aber wieso kann ich es nicht abstellen? Weshalb kann ich dich nicht vergessen? Es tut so weh.

Ich steige in den Bus ein. Und noch ein Tag Schule. Sogar die Schule ist schrecklich ohne dich. Du warst nie in meiner Klasse, aber ich konnte wenigstens an dich denken. Das tue ich auch jetzt. Den ganzen Tag. Aber damals waren es glückliche Gedanken. Ich habe mich darauf gefreut, dich zu sehen, in deinen Armen zu liegen. Dich zu küssen. Doch das ist jetzt vorbei. Ende. Aus.

Der Bus hält. Das war die Haltestelle, an der ich ausgestiegen bin, wenn ich zu dir gegangen bin. Demzufolge ziemlich häufig. Ich seufze, drehe den Kopf weg. Versuche, über etwas anderes nachzudenken. Es gelingt mir. Ganze 5 Minuten.

Der Bus hält ein paar hundert Meter von der Schule entfernt. Ich steige aus, laufe los in Richtung Schule. Die Wege, die Straßen. Alles kommt mir so leer vor. So leer und doch so vertraut. Früher sind wir hier zusammen durchgelaufen, Hand in Hand. Und das alles soll jetzt einfach vorbei sein? Die Frage, die mir unablässig im Kopf herumschwirrt. Kann es das wirklich gewesen sein?

Die kleine Mauer, die die Schule umgibt, taucht auf. Sofort steigen neue Erinnerungen in mir hoch. Hier hast du mich das erste Mal geküsst. Naja, es war kein richtiger Kuss. Aber eben der erste.

~*~Flashback~*~

„Hey! Warte!“
Ich drehe mich um. Du kommst auf mich zu gerannt, bleibst außer Atem vor mir stehen. Was kann denn so wichtig sein? Wir kennen uns schon lange genug, du hast meine Telefonnummer. Keine Ahnung, warum ich sie dir gegeben habe. Wir sind ja nicht mal Freunde oder so.
„Willst du zu unserer Party am Samstag kommen?“ Party?
„Ähm… wieso?“ Wieso ich? „Naja…“ Du errötest leicht, senkst den Blick.
„Tom und ich haben doch Geburtstag… und… ich würde mich freuen“
Du beugst dich nach vorn, drückst für einen Moment deine Lippen auf meine Wange – und gehst.

~*~Flashback Ende~*~

Es war nur ein kleiner, unschuldiger Kuss auf meine Wange. Und doch hat es mich damals vollkommen aus der Bahn geworfen. Du hast mich aus der Bahn geworfen. Ich spüre, wie eine einsame Träne meine Wange hinunterrollt. Die Wange, die du damals geküsst hast. Ich kann deine Lippen noch förmlich spüren. Aber ich muss das vergessen. Oder ich muss etwas tun. Und zwar schnell.

Kapitel 3 – Lost in my own destiny

Wir müssen uns trennen. Das hast du an jenem Tag gesagt. Weil es nicht anders geht. Und du hast gesagt, dass du mich liebst und sich das nie ändern wird. Doch was nutzt mir deine Liebe, wenn du nicht bei mir bist? Was nutzt mir deine Liebe, wenn du sie mir nicht geben kannst? Vielleicht kommst du eines Tages zurück, hast du gesagt. Und dann machen wir einen Neuanfang. Aber was, wenn mir eines Tages zu weit entfernt ist? Was, wenn wir uns eines Tages fremd sind? Oder wenn du jetzt, wo du berühmt bist, eine neue Freundin gefunden hast? Eine, die hübscher ist als ich, intelligenter? Es gibt so viele Mädchen. Und du hast so eine große Auswahl. Wahrscheinlich hast du mich schon komplett vergessen, während ich dir immernoch nachweine. Du hast dich entschieden, es war dein großer Traum. Und nun ist er in Erfüllung gegangen. Es gibt keinen Platz mehr für mich. Ich habe verloren. Dich, mich, mein Leben. Alles.

Und trotz allem weiß ich, dass ich nicht einfach aufgeben kann. Dazu bist du mir zu wichtig. Aber was soll ich schon tun? Ich habe doch so oder so keine Chance, irgendetwas zu ändern. Wie denn auch? Meine Mutter betritt mein Zimmer. Na super. Als ob es heute Morgen nicht schon schlimm genug gewesen wäre, in der Schule sitzen zu müssen, umgeben von geistig gestörten Leuten. Okay, im Prinzip bin ich gestörter als alle anderen zusammen. Und das ist vermutlich auch der Grund, warum meine Mutter jetzt kommt. Sie will ein Mutter-Tochter-Gespräch führen, schätze ich. Dass dabei nichts rauskommt, scheint sie noch mehr zu ermutigen. Jedenfalls kommt sie mindestens 3 Mal pro Woche mit diesem mitleidigen Blick im Gesicht hereingeschneit, um mir sinnlose Fragen zu stellen oder mir Vorträge zu halten.

„Schatz?“ „Mhm“, murmle ich geistesabwesend. Das läuft heute ja richtig gut. Es gab schon Zeiten, da habe ich gar nichts mehr gesagt. Mittlerweile kommt mir der Klang meiner Stimme schon fast fremd vor. Wie krank ist das denn bitte? Ich glaube, die Leute aus meiner Klasse halten mich für einen Freak. Mir egal. Bin ich ja schließlich auch. Mehr oder weniger. Und du bist schuld. Du hast mich zu dieser Verrückten gemacht, hast mir jegliche Vernunft geraubt. Und jetzt bist du weg. Wir sind nicht mehr die beiden Freaks. Damals waren wir zwei glückliche Irre, und jetzt sind wir getrennt. Zwei einzelne Geisteskranke. Wobei das vermutlich nur auf mich zutrifft. Ein Geisteskranker allein zu Haus. Daraus könnte man einen Film machen.

„Sag mal, möchtest du nicht mal etwas unternehmen?“ „Ich habe keine Freunde“ „Dann… komm doch mit mir ein Eis essen oder so… ich weiß, das ist nicht gerade cool, mit seiner Mutter abzuhängen, aber vielleicht heitert es dich auf“ Zum Kotzen, wie sie versucht, in dieser Jugendsprache mit mir zu sprechen. Als hätte ich jemals so sinnlos dahergeredet. Sie kennt mich wirklich kein bisschen, weiß nicht wie es in mir aussieht. Wie denn auch. Ich habe ihr schließlich nie etwas erzählt.

„Bring ihn zurück“ Warum ich das eben gesagt habe, weiß ich nicht. Ich meine, es ist zwar das einzige, was ich wirklich will und was mich wieder glücklich machen würde, aber es nutzt doch nichts, mit meiner Mutter darüber zu reden. Und die Forderung, die ich ihr gestellt habe, kann sie auch nicht erfüllen. Was für einen Mist rede ich also?

„Bill?“ Nein. Nicht den Namen aussprechen. Das ertrage ich nicht. Ich habe mir verboten, noch einmal dieses Wort in den Mund zu nehmen, geschweige denn es überhaupt erst zu denken. Es schmerzt mich zu sehr, deinen Namen zu hören. Das macht dich zu real, zu nah. Denn wenn du mir auf diese Art nahe zu sein scheinst, spüre ich erst, wie fern du wirklich bist.

Ich spüre, wie die erste Träne auf meine Jeans tropft. Kurze Zeit später fühle ich, wie meine Mutter mich in den Arm nimmt. Dabei wünsche ich mir nur, endlich wieder in deinen Armen zu liegen.

Kapitel 4 – Die Existenz des Herzens

„Guten Morgen!“ Vereinzeltes „Morgen“-Gemurmel in der Klasse. Montag, erste Stunde. Physik. Und das auch noch mit unserem ach-so-witzigen Lieblingslehrer. Kann ja nur noch besser werden. Erstmal dürfen wir ein Experiment machen. Ich bin mal wieder diejenige, die übrig bleibt. Auch gut. Nach einer halben Ewigkeit bin ich endlich fertig.

„So, meine Lieben…“ Oh mein Gott. Jetzt fängt dieses Gesülze schon wieder an. Abschalten. Ist wohl das Beste. Ich döse vor mich hin, denke mal wieder nur an dich. Du beherrschst meine Gedanken, und wenn ich nicht aufpasse, beherrschst du bald meine ganze Person. „…und wenn ich von Hertz rede, meine ich nicht die Tatsache, dass jeder Mensch ein Herz hat…“ Du nicht. Sonst hättest du dich mal bei mir gemeldet. Doch das hast du nicht. Und damit bist du herzlos für mich. Kalt. Wie sonst konntest du mir das antun? Es gab eine Zeit, in der ich wütend war. Doch das ist vorbei. Ich habe keine Kraft mehr. Inzwischen bin ich schon fertig mit mir selbst, mit meinem Leben. Was soll ich noch damit anfangen? Aber wegwerfen kann ich es auch nicht, weil ich weiß, dass wenn du mich auch nur ein winziges bisschen liebst, es dich verletzen würde. Und ich könnte dir nicht wehtun. Niemals.

Den Rest des Vormittags verbringe ich im tranceartigen Halbschlaf. Wie immer eigentlich. Als ich heimkomme, steht meine Mutter am Herd und kocht uns irgendetwas. Sie bemüht sich so, und ich kann einfach nicht die Tochter sein, die sie sich wünscht. Manchmal habe ich deswegen ein schlechtes Gewissen, aber ich schaffe es einfach nicht, so zu tun, als ob alles ganz normal wäre. Nicht seit du weg bist. Seit du mich verlassen hast. Ich habe mich verändert, nicht nur äußerlich. Früher war ich eigentlich ziemlich aufgeschlossen, fröhlich und nett. Anders als jetzt. Ich habe mich zurückgezogen, will nichts mehr von meiner Umwelt und meinen Mitmenschen wissen. Wozu denn auch? Du hast mir den Lebensmut geraubt. Weggenommen.

Ich setze mich an den fertig gedeckten Esstisch, fange an zu essen. Meine Mutter setzt sich zu mir. „Und, wie war die Schule?“ „Wie immer“ Stille. Das ist so ätzend. Aber es gibt nichts zu sagen. Ich habe kein Leben mehr, von dem ich etwas erzählen könnte. Ich weiß dass ich Pessimist bin. Aber das ist mir egal. Wie soll man in meiner Situation auch optimistisch sein? Eben. „Ich gehe nach oben“ Ich stehe auf, räume meinen Teller in die Spülmaschine und gehe die Treppe zu meinem Zimmer hoch. Ich setze mich aufs Bett und sehe mich um. Früher fand ich mein Zimmer toll, jetzt finde ich es hässlich und trostlos. Wieder einmal werfe ich einen Blick auf mein Handy – und erschrecke. Eine SMS. Und nur einer hat meine Nummer. Du.

# Ich vermisse dich so. Eigentlich wollte ich dir nicht schreiben, damit es für uns leichter wird, aber das ist es nicht. Ich liebe dich. Noch immer.

Ich schluchze auf, warum weiß ich noch nicht so genau. Ich bin geschockt, erleichtert, glücklich und unglücklich in einem. Ich habe solche Sehnsucht nach dir, und die Gewissheit, dich nicht bei mir haben zu können, macht mich krank. Aber du hast dich endlich gemeldet. Und du liebst mich. Das ist alles, was im Moment zählt. Das erste Mal seit du weg bist, lächle ich. Und es ist ein ehrliches Lächeln. Für einen Moment habe ich das Gefühl, dass es zumindest noch einen Funken Hoffnung gibt.

Kapitel 5 – reifer

Zitternd drücke ich auf den grünen Hörer. Dir einfach eine SMS zu schreiben, kommt mir unpersönlich vor. Ich muss zumindest deine Stimme hören. Und außerdem weiß ich nicht, wie ich all das, was ich dir sagen will, auf 160 Zeichen beschränken soll. Am anderen Ende der Leitung hört man nur ein leises Tuten, keiner geht ran. Nach ungefähr einer Minute will ich gerade wieder auflegen, als ich höre, wie jemand abnimmt.

„Hallo?“, frage ich in den Hörer.
Ich warte auf eine Antwort. Bist du das am anderen Ende?
„Hallo?!“, wiederhole ich, bemüht, meiner Stimme einen festen Klang zu geben. Tief durchatmen.
„Lena?“
Oh mein Gott. Deine Stimme… Ich habe sie so lange nicht mehr gehört. 6 Monate. Du klingst so anders als damals. Deine Stimme ist tiefer geworden, du klingst um einiges reifer. Ich habe mir nie getraut, die unzähligen Interviews und Auftritte im Fernsehen anzusehen, denn ich hatte Angst, dich zu sehen, deine Stimme zu hören. Es hätte mich noch mehr verletzt. Jetzt, wo ich dich höre, ist es, als wäre es das erste Mal. Als ich dich kennen gelernt habe, war ich genauso unsicher. Erst als ich das erste Mal in deinen Armen lag, bin ich sicherer geworden. Und jetzt ist all diese Sicherheit zerbrochen. Ich habe mir genau überlegt, was ich alles sagen will, doch jetzt, wo es so weit ist, kommt kein Ton heraus. Einen Moment lang bin ich einfach nur sprachlos, gefangen – und dann lege ich auf.

Ich habe keine Ahnung, wieso ich das eben getan habe, aber ich war auf einmal so verdammt unsicher. Will ich das wirklich? Will ich dir wirklich das sagen, was ich dir sagen wollte? Ich muss es eigentlich. Aber mein Herz sträubt sich dagegen. Ich fahre mir nervös durch die Haare, versuche, das Zittern das meinen Körper beherrscht zu kontrollieren. Wie gern würde ich dich jetzt bei mir haben, dir sagen dass ich dich liebe. Dich berühren. Doch es geht nicht, das weiß ich. Und so schnell wird sich daran auch nichts ändern.

Noch bevor ich einen zweiten Versuch starten kann, beginnt mein Handy zu vibrieren. Ich atme tief durch und nehme das Gespräch an.

„Ja?“
„Lena… ich bin’s…“
Und wieder diese Stimme. Ich liebe deine Stimme, sie klingt noch besser als damals. Damals, als du mich verlassen hast.
„Ich weiß“
„Was wolltest du vorhin?“
„Ich… ich weiß es nicht, Bill. Ich wollte so viel sagen“
„Ich habe Zeit“
Für einen Augenblick glaube ich, deine Stimme zittern zu hören, doch dann klingst du wieder ganz normal.
„Ich vermisse dich“
„Ich dich auch“
Ich lächle. Gleichzeitig spüre ich, wie einige Tränen über mein Gesicht laufen.
„Aber… was ich dir eigentlich sagen wollte, ist…“
Ich kann den Satz nicht beenden, denn du unterbrichst mich.
„Weißt du was? Wir sind nächsten Samstag in Magdeburg und geben ein Konzert… komm doch hin“
„Ich… ich kann nicht“
„Wieso nicht? Ich kann dir einen Backstage-Pass besorgen“
„Nicht deswegen… es ist… ich würde es nicht ertragen… ich müsste dich wieder gehen lassen… und genau das könnte ich nicht“
„Eine Fernbeziehung ist besser als keine Beziehung… Lena, ich liebe dich“
„Ich liebe dich doch auch… aber es geht nicht“
Ich versuche den Kloß, der sich in meinem Hals gebildet hat, einfach hinunter zu schlucken. Doch es ist nicht leicht, ich muss mit mir kämpfen um nicht völlig in Tränen auszubrechen. Es ist zum Verzweifeln. Warum kann nicht einmal alles gut gehen? Warum kann ich nicht einmal im Leben Glück haben? Du bedeutest mir alles, ich würde sterben für dich. Und doch geht es nicht.
„Und dann? Denkst du wirklich, wir können ohne einander auskommen?“
„Es geht nicht darum, was ich denke… es geht darum, was am Besten für uns beide ist“
„Wahre Liebe kennt keine Grenzen oder Regeln“
Ich schluchze leise auf. Warum machst du es mir so schwer?
„Ich weiß… aber wir müssen irgendwie darüber hinweg kommen… ich will nur, dass du glücklich bist“
„Das kann ich nur sein, wenn du bei mir bist“
„Bill… such dir eine neue Freundin oder sonstwas…“
„Das kann ich nicht, das weißt du ganz genau“
„Ja… aber ich wünschte, ich würde dich nicht lieben… ich wünschte, ich müsste nicht mehr leiden“
„Ich kann dir den Schmerz nicht nehmen… aber ich kann versuchen, ihn zu verringern. Bitte komm zu dem Konzert“
„Ich würde ja gerne… aber ich kann nicht. Bitte, Bill… ruf mich nicht mehr an, ich ertrage das nicht. Ich liebe dich zu sehr“

Roter Hörer. Aufgelegt. Ich zittere am ganzen Körper, versuche nicht einmal mehr, meine Tränen zurückzuhalten. Jetzt ist es endgültig vorbei. Meine Liebe, meine Hoffnung, mein Leben.

Kapitel 6 - Aquarium

Ich sitze vor dem Aquarium im Eingangsbereich der Schule. Nachdenken. Das, was ich in der letzten Woche unablässig getan habe. Es sind immer dieselben Gedanken. Soll ich? Soll ich nicht? Morgen ist das Konzert. Wenn ich hingehe, dann nicht Backstage. Ich will dich nicht berühren dürfen, wenn ich weiß, dass ich dich wieder gehen lassen muss. Ich will nicht wieder mit dir zusammen sein, wenn ich weiß, dass unsere Beziehung keine Zukunft hat. Es ist alles so sinnlos.

Ich betrachte das Aquarium. Ich bin wie das Wasser. Durchsichtig. Unscheinbar. Alle schauen nur auf meine Umwelt. Die Pflanzen, die Fische. Niemand bemerkt mich. Und doch bin ich da. Gerade noch so. Ich entdecke einen wunderschönen Fisch, gelb und hellgrün. Er ist der größte und schönste von allen. Das bist du. Du brauchst mich, hast du gesagt. Wie der Fisch das Wasser. Und ich brauche dich. Denn wenn im Aquarium keine Fische wären, würde ich in einem stinkenden Abfluss landen. Nur du ziehst mich die ganze Zeit hoch und hältst mich vom Ertrinken ab. Wasser, das in noch mehr Wasser ertrinkt. Gewissermaßen ist das unlogisch. Aber wenn man genauer darüber nachdenkt, ist es das gar nicht. Aber wenn ich das Wasser bin und du der große Fisch, was sind dann die anderen? Die kleinen Fische sind unsere Mitmenschen. Neben dir sind sie unscheinbar, doch wenn man sie näher betrachtet, haben auch sie etwas Schönes an sich. Genau wie die Pflanzen. Ich würde sagen, sie stehen für unsere Gefühle. Sie sind nötig für uns, begleiten uns auf unserem Weg. Und sie können wachsen. Doch sie sind so verletzlich. Es braucht nicht viel, damit sie kaputtgehen. Und ohne unsere Gefühle können wir nicht leben.

Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Verdammt, vor 10 Minuten hat die Stunde angefangen. Ich stehe auf und renne so schnell ich kann die Treppen zum Klassenzimmer hinauf. Als ich den Raum betrete, drehen sich alle nach mir um. Das freakige Girl aus meiner Klasse kommt mal wieder zu spät, scheinen sie zu denken. Mir egal. „Du bist zu spät“, sagt unser Deutschlehrer kalt. „Tut mir leid“ Ich setze mich an meinen Platz, weit weg von den anderen. Deutschbuch auf. Gedichte sind das heutige Thema. Die Gedichte im Buch sind öde. Ich schreibe lieber selbst. Gedankenverloren beginne ich, auf meinem Block herumzukritzeln.

Warum bist du nicht hier?
Ich vermisse dich
Warum hältst du nicht meine Hand?
Ich habe Angst
Warum kann ich nicht bei dir sein?
Ich bin so einsam ohne dich
Warum darf ich dich nicht berühren?
Ich erreiche dich nicht mehr
Warum darf ich dich nicht spüren?
Ich fühle nur noch Leere

Ohne dich ist mein Leben sinnlos
Ohne dich bin ich allein
Verletzlich
Mit dir konnte ich lachen
Mit dir konnte ich weinen
Immer

Was ist immer?
Vergangenheit
Was ist Liebe?
Schmerz
Was ist Suizid?
Verlockung
Und nur eines hindert mich daran -
Du.

„Das ist schön“ Ich sehe auf. Mein Deutschlehrer steht neben mir. Ich beäuge ihn, zuerst erschrocken, dann misstrauisch. Er nimmt mein Blatt, will es fertig lesen. Oder sonstwas. Ich weiß nicht warum, aber ich spüre, wie die Wut in mir zu kochen beginnt. Was hat er mit meinem Blatt zu tun? Was geht ihn mein Leben an? Meine Gedanken? Mit einem zornigen Fauchen entreiße ich ihm das Blatt und stürme aus dem Klassenzimmer.

Kapitel 7 – Warten

Der Wecker klingelt. Mühsam quäle ich mich aus den Federn. Es ist erst 7 Uhr morgens, aber ich brauche heute Zeit für mich. Ich werde zu dem Konzert gehen. Gestern habe ich die Karte bekommen. Ausgerechnet von meiner Mutter. Sie hat gemeint, ich muss nicht gehen, aber wenn ich es will, dann soll ich es tun. Ich will nicht, aber ich muss es einfach tun. Ich muss dich zumindest sehen, mich vergewissern, dass es dir gut geht. Sonst werde ich nie zur Ruhe kommen.

Der kühle Strahl der Dusche prasselt auf meine Haut, sagt mir, dass ich noch da bin. Noch ist nicht alles vorbei. Mir ist klar, dass ich von dir loskommen muss. Aber dazu muss ich dich noch einmal sehen. Nur ein letztes Mal. Ich steige aus der Dusche, ziehe mich an. Gehe nach unten, um zu frühstücken. Ich lasse mir Zeit, genieße die Stille und denke nach. Ich bin mir sicher, dass es das Richtige ist, was ich heute Abend tun werde. Es ist wie ein Abschied. Ein endgültiger Schlussstrich. Es geht nicht anders. Wenn ich so weitermache, gehe ich eines Tages kaputt daran.

***

Ich steige aus dem Auto. Ein Glück, dass ich meine Mutter habe. Ich bin zwar noch ungefähr 300 Meter von der Halle entfernt, höre aber trotzdem schon das Gekreische einer riesigen Horde durchgedrehter Mädchen. Dabei ist es erst 14 Uhr, das heißt es sind noch ganze vier Stunden bis zum Konzert. Kreischende Idioten. Ich habe schon jetzt Kopfschmerzen. Ich betrachte die Kreischies, einen nach dem anderen. Sowas von lächerlich. Frisuren wie deine. Wenn die wüssten, wie dämlich sie damit aussehen. Auch ich habe schwarzes Haar, allerdings reicht es mir weit über die Schultern. Meine Augen sind dick mit schwarzem Kajal umrandet, jedoch nicht, um irgendjemanden nachzuahmen, sondern um meine Trauer auszudrücken. Früher war ich ein fröhliches Mädchen, etwas schüchtern vielleicht. Aber heute bin ich nur noch traurig und in mich gekehrt. Ich komme einfach nicht los von dir. Ein Plakat fällt mir ins Auge.

BILL ICH LIEBE DICH

Ich schnaube verächtlich. Was weiß dieses dumme kleine Mädchen schon von Liebe? Sie hat doch keine Ahnung. Sie weiß nicht, wie es ist, dich zu lieben. Und schon gar nicht, wie es ist, von dir geliebt zu werden. Es tut so weh. Ich weiß, dass du mich liebst, aber ich kann so einfach nicht leben. Ich muss es beenden. Endgültig. Nach zwei geschlagenen Stunden bin ich fertig damit, jeden einzelnen Kreischie in meiner Nähe innerlich fertig zu machen. Wow, nicht schlecht. Aber immernoch 2 Stunden. Ich denke nach, höre Musik auf meinem MP3-Player. Nach 5 Minuten gebe ich es allerdings auf, denn egal wie sehr ich meine Musik aufdrehe, die hysterischen Mädchen sind immer lauter. Ungefähr 10 Minuten schaffe ich es, an irgendwelche belanglosen Dinge zu denken, doch dann bleiben meine Gedanken wieder bei dir hängen. Wie wird es wohl sein, dich zu sehen? Wie wirst du reagieren, wenn du mich siehst? Erkennst du mich überhaupt noch? Ich sah damals so anders aus. Und jetzt… ich habe mich verändert. Und das nicht nur körperlich.

Kapitel 8 – Herzklopfen

Irgendwann ist es dann endlich soweit. Die Halle wird geöffnet und die kreischenden Mädchen fangen an, zu drängeln. Ich verstehe sie nicht. Was gibt es ihnen, vorn zu stehen? Ich weiß nur was es mir bringt. Ich kann dich sehen, deine Augen. Dein Gesicht. Ein letztes Mal. Bevor ich mich endgültig von dir verabschiede. Schubsend und mit einigen Ellenbogeneinsatz schaffe ich es, in der Halle direkt vor die Bühne zu kommen. Jetzt heißt es nur noch stehen bleiben. Gar nicht so einfach. Die Mädchen drücken und boxen von allen Seiten, doch es ist mir egal. Ich spüre sowieso schon lange keinen körperlichen Schmerz mehr. Noch eine ganze Stunde. Ich zittere schon jetzt innerlich. Meine Gedanken sind bei dir, die ganze Zeit.

Das Licht geht aus. Überlautes Kreischen. Ein Herzschlag. Konstant. Es ist, als wäre es mein Herz. Und deines. Gleichzeitig. Vereint. So wie damals. Ich hatte das Gefühl, dass unsere Herzen im selben Takt schlagen. Damals, als ich dich das erste Mal geküsst habe. Und noch unzählige Male danach. Ich kann Tom, Gustav und Georg erkennen. Wo bist du? Ich werde nervös, zittere. Was, wenn ich deinen Anblick nicht verkrafte? Was, wenn umkippe? Die anderen würden mich für einen Kreischie halten. Und du? Würdest du es überhaupt mitbekommen? Die Band beginnt zu spielen.
Jung und nicht mehr jugendfrei. An was hast du gedacht, als du den Song geschrieben hast? An dich? An euch? An uns? Jetzt kommt dein Einsatz. Jede einzelne Sehne in meinem Körper ist angespannt. Und dann springst du auf die Bühne. Ich scheine einen Stromschlag zu bekommen. Dein Anblick löst ungefähr 1000 verschiedene Gefühle in mir aus. Liebe, Angst, Wut, Trauer, Aufregung, Hitze, Verzweiflung. Das wären so die Oberbegriffe. Der Song ist zu Ende. Du hältst eine kurze Ansprache an die Fans. Als ich deine Stimme höre, wie du redest, wie du dich ausdrückst, wird mir bewusst, dass du wahrscheinlich nie wieder mit mir reden wirst. Du wirst mir nie wieder sagen können, dass du mich liebst. Und vor allem nicht, dass du mich brauchst. Das werde ich nicht zulassen.
Beichte. Was hast du falsch gemacht? Alles. Oder auch nichts. Ich weiß es nicht. Es hat auch keinen Sinn, den Fehler bei irgendjemandem zu suchen. Was passiert ist, ist passiert. Was entschieden ist, ist entschieden.
Ich bin nicht ich. Mir geht es genauso. Seit du weg bist, ist alles anders. Vor allem ich. Ich bin ein komplett anderer Mensch geworden. Nur mein Herz ist noch dasselbe. Es liebt dich noch genauso wie damals, als du gegangen bist.
Schrei. Dieses Lied… es drückt so viel Lebensfreude aus. Die Lebensfreude, die ich endlich wieder spüren will. Aber das kann ich nicht mehr. Mein Leben ist grau. Leer. Ohne dich. Du hörst auf zu singen. Das Lied ist noch nicht zu Ende. Was machst du? Vorsichtig hebe ich den Kopf, du stehst ziemlich direkt vor mir. Bis jetzt habe ich mich nicht getraut, dich richtig anzusehen, aber jetzt tue ich es. Ich muss einfach. Ich blicke in dein Gesicht. Du schaust mich an. Direkt in die Augen. Etwas brennt sich tief in meine Seele, vielleicht ist es Schmerz. Oder Liebe. Vielleicht auch einfach nur Feuer, oder Kälte. Ich weiß es nicht. Du hebst das Mikro. „Ich… Leute, ihr wisst ja, gleich darf jemand den Song mit mir zu Ende singen, aber ich muss noch kurz… mein Megafon holen“ Und damit drehst du dich um und verschwindet durch den Bühneneingang. Komischerweise dauert es ziemlich lange, bis du dein Megafon geholt hast. Ich kann noch immer nicht ganz klar denken, nicht jetzt, nachdem du mich wieder so angesehen hast. Genau wie damals, als du mich verlassen hast. Irgendwann kommst du wieder auf die Bühne, hast das Megafon in der Hand. Du nestelst an deiner Hosentasche herum. Ich kann nicht abstreiten, dass du dabei verdammt sexy wirkst. Aber das ist jetzt egal. Es nutzt sowieso nichts. „So… und jetzt hätte ich gerne ein Mädchen auf der Bühne, das mit mir den Song beendet…“ Du läufst auf und ab, lässt deinen Blick über die ersten Reihen schweifen. Bei mir in der Nähe bleibst du stehen. Du siehst mich an. „Ich hätte gerne das Mädchen mit dem schwarzen Oberteil“ Du zeigst auf mich. Moment mal. Du kannst doch nicht verlangen, dass ich jetzt nach da oben komme und einen Song singe, den ich gar nicht wirklich kenne? Ehe ich realisiere, was das für mich bedeutet, werde ich schon von zwei Securities gepackt und auf die Bühne gezerrt. Ich sehe auf, direkt in dein Gesicht. Du stehst neben mir. Mir wird schwindlig, ich weiß nicht was ich tun soll. Genau genommen weiß ich gar nichts mehr. Nicht einmal, ob ich überhaupt hier sein will. Du siehst mich an. Keiner von uns sagt etwas, das Kreischen der Fans wird zum undeutlichen Hintergrund. Ich sehe nur noch dich. Deine Augen, die mich fragend anblicken. Deine Lippen, die ich so gerne wieder küssen würde. Aber ich weiß, dass ich das nie wieder tun kann. „Kennst du den Song?“ Wie in Trance schüttle ich den Kopf. Der Song war keiner von denen, die ihr schon damals hattet. „Egal, ich zeig’s dir und du machst es nach, okay?“ Benommen nicke ich. Nachmachen. Ich kann nichtmal denken. Du legst den Arm um meine Schulter, zaghaft. Traust du dich nicht oder ist es wegen der Fans? Ich rieche deinen Duft. Immernoch derselbe. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie schaffen wir es, den Song zu Ende zu singen. Du lässt deinen Arm von meiner Schulter gleiten, berührst dabei kurz meine Hose. Ohne das Mikro zu heben, sagst du in mein Ohr: „Hosentasche“ Deine Lippen berühren kurz mein Ohr und ich halte die Luft an. Aber sagtest du eben Hosentasche? Komisch, habe ich dich falsch verstanden? Wäre ja kein Wunder. Und im Prinzip ist es auch egal. Das hier ist so oder so das Ende. Du legst deine Arme um mich, ziehst mich an dich. Wieso machst du es mir so schwer? Ich spüre, wie die Tränen meine Wangen hinunter rinnen. Ich schluchze. Was die Fans denken, ist mir egal. Das hier ist mein Abschied von dir, und das lasse ich mir nicht verderben. Ich halte dich noch einmal so fest ich kann, dann löse ich mich von dir und laufe rückwärts. Mit jedem Schritt tut es mehr weh, und doch weiß ich, dass es besser so ist. Ich werde wieder zurückgestopft in die Menge, die Kreischies stürzen sich auf mich. Nur weil Bill mich angefasst hat. Wenn die wüssten. Ich weine noch immer, kann meine Tränen nicht stoppen. Und ich will es auch nicht.
Leb die Sekunde. Halt sie fest. Wie denn, wenn es schon vorbei ist? Das eben war die Sekunde, die ich festhalten müssen hätte. Und jetzt… ist das Ende gekommen.
Schwarz. Warum willst du nicht zurück? Ich dachte du liebst mich. Aber das ist jetzt auch egal. Wahrscheinlich meinst du damit, dass du deine Karriere eben nicht einfach aufgeben kannst.
Lass und hier raus. Warum lässt du mich nicht raus? Weg von dir, weg von meinen Gefühlen? Ich will das nicht mehr. Und nach diesem Abend werden meine Gefühle hoffentlich endlich verblassen. Vielleicht werde ich mich eines Tages wieder verlieben können.
Gegen meinen Willen. Es ist nicht nur gegen meinen Willen, dich endgültig verlassen zu müssen, sondern auch, dass ich es nicht kann. Ich will dich doch endlich vergessen. Warum darf ich das nicht?
Durch den Monsun. Warum musste dieser Song so erfolgreich werden? Warum musst du nur so gut aussehen? Warum müssen diese ganzen Teenie-Mädchen auf dich und die Band abfahren? Würden sie das nicht tun, hättet ihr keinen Erfolg. Und dann wären wir noch zusammen.
Thema Nr.1. Das bist du. Ich denke immer an dich. Nur an dich. Doch das wird sich jetzt ändern. Ich werde mir jemand anderen suchen. Es geht nicht anders.
Wenn nichts mehr geht. Es ist das erste Mal, dass ich diesen Song höre. Doch schon nach den ersten Zeilen weiß ich, dass du ihn für mich geschrieben hast. Denn genau so habe ich mich gefühlt, als du gegangen bist. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Ich halte das nicht aus. Wieder bleibst du unmittelbar vor mir stehen. Du gehst auf die Knie, siehst mich an. Auch deine Augen schimmern feucht, doch du blinzelst entschlossen. Ich strecke die Hand aus. Du nimmst sie, hältst sie fest, während du singst. Du wendest den Blick nicht einmal ab, siehst mich unablässig an, zärtlich und zugleich unendlich traurig. Eine Träne bahnt sich den Weg dein Gesicht hinab, du wischst sie weg. Ich mache dasselbe mit meinen Tränen. Zaghaft lächelst du mich an, deine Hand gleitet langsam aus meiner und du stehst auf. Verzweiflung kommt in mir hoch, ich will nicht, dass du gehst. Ich will dich nicht verlieren.
Rette Mich. Wie soll ich dich retten, wenn ich doch selbst Rettung nötig habe? Ich kann nicht mehr und du verlangst von mir, dass ich dir helfe. So geht das nicht.
Freunde bleiben. Ich kenne diesen Song. Du hast ihn geschrieben, als du dich mal furchtbar über ein paar Typen aus deiner Klasse aufgeregt hast. Bei dem Gedanken daran huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Damals waren unsere Sorgen noch so unbedeutend, so unschuldig. Und jetzt müssen wir uns trennen. Es ist so traurig.
Der letzte Tag. Das ist unser Ende. Ich werde dich nicht mehr anrufen, deine Anrufe und SMS nicht mehr entgegennehmen. Ich werde mir verbieten, an dich zu denken. Es ist besser so. Aber jetzt will ich noch einmal deine Stimme hören, noch einmal in deine Augen sehen. Und dann kann ich endlich loslassen.

Kapitel 9 – Bis ans Ende der Welt

Ich seufze, lasse mich erschöpft auf mein Bett fallen. Wie oft willst du mich noch verletzen? Es tut so weh, an dich zu denken, und noch mehr weh tat es, dich auf diesem Konzert zu sehen. Dich zu sehen, ohne dich berühren zu dürfen. Erst jetzt, als ich wieder alleine bin, ist mir das wirklich klar. Und auch wenn ich versucht habe es zu verdrängen, es wird nicht einfach sein, dich einfach zu vergessen. Eine Weile lang liege ich einfach nur da und denke an dich, die schöne Zeit mit dir. Plötzlich fällt mir ein, was du zu mir gesagt hast, als ich auf der Bühne war. „Hosentasche“ Nein, das hat es bestimmt nicht geheißen. Trotzdem richte ich mich auf und greife nach der Hose, die ich eben noch getragen und dann achtlos neben mein Bett geworfen habe. Ich greife in die rechte hintere Hosentasche, dort wo deine Hand war. Etwas Kleines, Zusammengefaltetes. Und etwas anderes, glatt und fein. Ich ziehe beides heraus. Ein Zettel. Und eine Kette. Mein Armband. Ich habe es dir geschenkt, damit ein Teil von mir immer bei dir ist. Und jetzt… wieso gibst du es mir zurück? Ich wollte es nicht wieder. Es tut weh, es in der Hand zu halten. Zu wissen, dass du es nicht mehr hast. Unter Tränen entfalte ich den Zettel.

#Heute Abend, 23 Uhr. Großer Marktplatz

Wie kannst du nur? Du weißt genau, dass ich kommen werde. Schon allein, weil ich dir das hübsche Armkettchen mit dem Herzanhänger zurückgeben will. Weil ich dir mein Herz zurückgeben will. Am besten, du nimmst es gleich mit, denn dann bin ich auch endlich den Schmerz los. Es war schon schlimm genug, dich auf der Bühne zu sehen und zu wissen, dass ich dich wieder gehen lassen muss. Von dir angesprochen zu werden, ohne dass die anderen wussten, wer ich wirklich bin. Nicht verstanden zu werden. Und jetzt das. Ich will dich sehen, will dich berühren und dir sagen, dass ich dich liebe. Andererseits wäre es schon wieder ein Abschied, und ich weiß nicht, ob ich das verkrafte. Obwohl… sollte ich es nicht verkraften, wäre ich wenigstens endlich weg vom Fenster und muss mir keine Sorgen mehr machen. Kein Schmerz mehr… es klingt verlockend. Ich lächle bitter. Als ob ich mich jemals umbringen könnte. Das Einzige, was vielleicht passieren würde, ist, dass ich verrückt werde. Aber dann wüsste ich vielleicht nicht mehr wer du bist, und damit hätte ich dich vergessen. Klingt auch nicht schlecht. Im Prinzip ist es egal, was ich tue, ich drehe sowieso irgendwann durch ohne dich. Also tue ich das, was du willst, das was du dir wünschst. Ich tue es für dich. Für dich würde ich bis ans Ende der Welt gehen. Auch wenn es ein Fehler ist.

Kapitel 10 – broken

Ich sehe auf die Uhr, ziehe den Kragen meines Mantels weiter nach oben. Zähneklappernd stehe ich hier in der Kälte und warte auf dich, es ist schon kurz nach Elf. Wieso kannst du nicht wenigstens pünktlich sein? Mir ist so kalt. Hier ist es so dunkel, dass ich mich kaum noch selbst erkennen kann. Ich trage ausschließlich schwarze Sachen, damit man mich nicht so leicht sieht. Das wird wohl auch besser sein, denn wenn einer dieser Fotografen und zusammen erwischt, bist du ruiniert. Wobei das noch nicht einmal so schlimm wäre, zumindest nicht für mich.

Es ist schon fast Viertel nach Elf, als ich eine große, schmale Gestalt über den Platz huschen sehe. Das bist du, ich erkenne es an deinem Gang. Ich trete aus dem Schatten in das Licht vor der großen Rathausuhr. Du erblickst mich, beschleunigst deine Schritte. Als du vor mir stehst, bleibt mir einen Moment lang die Luft weg, doch ich habe mich schnell wieder gefangen und als du versuchst, mich zu küssen, drehe ich den Kopf weg. Wenn du doch wüsstest, wie sehr mich das schmerzt. Aber wenn ich dich jetzt küsse, dann kann ich nicht mehr klar denken und dann verlässt mich jeglicher Widerstand.

„Du hast das geplant“, sage ich leise, versuche gar nicht erst, den Zorn in meiner Stimme zu verbergen. Du blickst mich verwundert an. Tu doch nicht so unschuldig. „Das mit der Kette. Du weißt genau, dass ich sie dir zurückgeben will. Du wolltest mich dazu zwingen, zu kommen“ „Nein“ „Doch“, entgegne ich trotzig. „Ich kann dich zu gar nichts zwingen, das du nicht willst“ „Oh doch, das kannst du. Und du nutzt es gnadenlos aus“ So langsam werde ich wirklich sauer, auch wenn ich mir unser Wiedersehen anders vorgestellt hätte. Aber wir sind hier nunmal nicht im Märchen. „Sieh mal, das ist nur eine Kette, du kannst nicht behaupten, nur deswegen hergekommen zu sein“ Wie verdammt Recht du doch hast. „Doch, bin ich aber. Das ist nicht irgendeine Kette, dieses verdammte Stück Metall stellt einen Teil meines Herzens dar. Den Teil, den ich dir für immer mitgeben wollte“ Dass ich lauter bin als ich es eigentlich sein sollte, ist mir egal. Ist ja nicht mein Problem, wenn auffliegt, dass du eine Freundin hast. Es ist schlimm genug, dass du mich bis jetzt verleugnet hast. Aber nein, eigentlich bin ich gar nicht mehr deine Freundin. Du hast dich schließlich von mir getrennt. Ohne zu fragen, ob ich mit dir fertig bin. „Ich weiß, aber du kannst mir nicht nur einen Teil deines Herzens mitgeben, wie du es ausdrückst. Entweder ganz oder gar nicht“ „Wie stellst du dir das vor? Was, wenn ich dir mein Herz vollkommen überlasse? Es ist schon so schlimm genug. Und du weißt auch, dass ich ganz ohne dich nicht leben kann“ Es ist zum Verzweifeln. Egal welche Entscheidung ich auch treffe, es ist garantiert die Falsche. Ich werde immer leiden. Warum ich? Warum? Du blickst mich nur stumm an, strahlst wieder einmal diese unglaubliche Ruhe und Kraft aus, die ich so lange vermisst habe. „Warum? Warum machst du es mir so schwer?“

„Ist es wirklich so schwer?“ Du siehst mir tief in die Augen, legst die Hand in meinen Nacken. Ich weiß, was jetzt gleich passiert, und eigentlich sollte ich mich sträuben, doch ich tue es nicht. Es ist wie eine Diät. Irgendwann erliegt man ja doch wieder der Versuchung, die Schokolade zu essen. Deine Lippen berühren meine, du schmeckst noch genau so süß wie damals. Der erste Kuss seit 6 Monaten. Ich habe es mir so lange gewünscht, und jetzt, wo es soweit ist, habe ich gleichzeitig Angst. Nicht vor dir, sondern vor mir. Ich weiß dass ich nicht mehr lange so unentschlossen bleiben kann, und ich weiß auch, dass sich mein Herz schon längst entschieden hat. Nur mein Verstand hindert mich daran, das zu tun, was ich tun will.

„Bill, es geht nicht… und das weißt du… egal, was ich mache, es wird immer wehtun“ Ich schluchze auf, drehe mich weg von dir. Es ist besser, wenn ich jetzt gehe. Endgültig, für immer. Oder zumindest so lange, bis du nicht mehr berühmt bist. Du nimmst meine Hand, hältst mich zurück. Zärtlich legst du deine Lippen auf meine Wange und küsst die Tränen weg. „Dann gewähre mir wenigstens noch diese eine Nacht“

Kapitel 11 – Hoffnung

Einen Moment lang will ich einfach nur weglaufen, doch dann sehe ich in deine Augen und erkenne die Verzweiflung darin. Genau dieselbe, die man vermutlich auch in meinen Augen sehen kann. Einerseits will ich nein sagen, ich will das nicht ertragen müssen, neben dir aufzuwachen und dann gehen zu müssen. Andererseits kann ich weder dir noch der Chance widerstehen, dich noch ein letztes Mal zu spüren. Zu wissen, dass du bei mir bist.

Aber was, wenn ich nicht mehr gehen will? Was, wenn ich versuche, dich festzuhalten? Würdest du mich mitnehmen? Es würde nicht funktionieren. Irgendwann wäre ich dir nur noch eine Last und unsere Beziehung würde zerbrechen. Aber wieso denke ich überhaupt so weit? Du willst doch nur noch diese Nacht. Bin ich für dich etwa zu einem Betthäschen geworden? Das kann nicht sein. Nicht du.

Ich sehe dich an. „Warum?“ „Lena, ich… es geht mir nicht nur darum, falls du das denkst… ich meine, wir könnten auch die ganze Nacht auf die Terrasse sitzen und Sterne angucken, es spielt keine Rolle, was wir machen… ich will nur… ich weiß es selbst nicht genau“ Ich sehe dich an, du verschwindest schon fast in der Dunkelheit, trotz dem Licht vom Rathaus. „Schau mal“, fängst du an, während du mich zu einer Mauer am Rand des Platzes ziehst. Er setzt sich und zieht mich rückwärts auf seinen Schoß, so dass ich den Kopf drehen muss, um ihn anzusehen. „Wenn ich könnte, wäre ich schon längst wieder zuhause… aber das geht nicht so einfach. Und deshalb will ich einfach… die Zeit genießen, in der ich dir nahe sein kann“ „Das will ich doch auch… Aber ich habe Angst davor, dich wieder gehen zu lassen. Weil ich nie weiß, ob du wieder zurückkommst zu mir“ Ich glaube, den Anflug eines Lächelns auf deinem Gesicht zu erkennen. „Ich liebe dich. Und daran ändert so schnell niemand etwas – schon gar kein dahergelaufener Groupie“ Du küsst mich, weich und zärtlich. Und ich glaube dir. Ich muss dir einfach glauben. Weil ich will, dass du nur mich liebst. Dass wir füreinander bestimmt sind, so wie im Märchen. Das war früher meine Welt. Und dann schien alles zerbrochen. Und jetzt, in diesem Moment, fühle ich das erste Mal wieder so etwas wie Hoffnung. Ich nehme deine Hand. „Heißt das, du kommst mit?“ Als Antwort nicke ich nur stumm und lasse mich von dir mitziehen. Vermutlich gehen wir zu deinem Hotel, denn zuhause bei dir lauern lauter Kreischies, die alles dafür geben würden, dich einmal in real zu Gesicht zu bekommen. Das ist irgendwie erbärmlich. Aber irgendwo kann ich sie auch verstehen. Ich meine, wer will denn nicht mit dir zusammen sein? Allerdings haben diese Mädchen keine Ahnung, wer du wirklich bist. Ich schon, aber es nutzt mir im Endeffekt auch nichts mehr. Doch daran will ich jetzt nicht denken. Es tut einfach zu gut, dich wieder bei mir zu haben, deinen Duft zu riechen und deine Hand zu halten. Früher war das selbstverständlich, doch jetzt weiß ich es zu schätzen. Es ist alles so seltsam. Eigentlich haben wir uns getrennt, oder besser gesagt, du hast mich verlassen. Und jetzt kommst du plötzlich wieder und willst mich zurück. Ich meine, mir war gleich klar, dass ich es nicht aushalten würde ohne dich, aber dir ja anscheinend nicht. Oder? Ich werde einfach nicht schlau aus dir. Vielleicht ist das aber eben das, was ich so an dir liebe, dieses Geheimnisvolle. Genau wie in diesem Moment. Du siehst mich an, ich kann deinen Blick nicht deuten. Lieb, ängstlich, fragend, schüchtern, heiß? Ich habe keine Ahnung. Und eigentlich… ist es auch egal. Ich weiß nicht genau, was ich will. Oder was ich brauche. Vielleicht geht es dir genauso. Aber gemeinsam werden wir es schon noch herausfinden.

Kapitel 13 – Leaving

Ich betrachte dich noch lange, sehe zu, wie du im Schlaf lächelst. Ich weiß, dass dieses Lächeln morgen verschwinden wird, wenn du aufstehst, aber ich kann nicht so lange bleiben. Ich will mich nicht von dir verabschieden. Zumindest nicht so, dass wir miteinander reden müssen. Vielleicht ist das unfair, vielleicht sogar feige. Aber ich kann nicht anders. Ich stehe auf und ziehe mich leise an, den Blick habe ich die ganze Zeit auf dich geheftet, damit ich es merke, falls du doch aufwachen solltest. Aber was soll ich dann tun? Es gibt nichts mehr zu sagen.

Hastig wische ich mir mit dem Ärmel eine Träne aus dem Augenwinkel. Das alles ist so furchtbar. Warum ausgerechnet wir? Ich drehe mich noch einmal um, sehe dich an, wie du friedlich schläfst. Müsste ich dich nicht verlassen, würde ich jetzt lächeln. Aber ich kann nicht. Der Schmerz sitzt zu tief. Die Nacht mit dir war schön, doch es gab nur wenige Momente, in denen ich nicht daran gedacht habe, dass ich dich wieder verlassen muss. Und das ohne dir etwas zu sagen. Aber eigentlich ist das auch nicht nötig, du weißt es sowieso. Du bist ja nicht dumm. Vielleicht ist genau das das Problem. Du bist weder dumm, noch hässlich und es ist auch nicht so, als ob du nicht liebenswürdig wärst. Du bist einfach perfekt. Das ist vermutlich auch der Grund, warum ich dich nicht vergessen kann. Es scheint einfach zu großes Glück zu sein, dass jemand wie dich mich liebt. Und so ein Glück hat man nicht zweimal.

Leise schließe ich die Haustür hinter mir. Das war’s dann wohl. Ich kann nicht abstreiten, dass es einfach wundervoll war, aber es tut so schrecklich weh, wieder gehen zu müssen. Dich zu verlassen, ist als ob ich ein Stück meines Herzens verlieren würde. Ich kann diesen Teil einfach nicht loslassen, es scheint unmöglich. Aber früher oder später muss ich es tun, das weiß ich. Am liebsten würde ich einfach bei dir bleiben, mich an dich klammern und nie wieder weggehen. Bei diesem Gedanken steigen mir erneut die Tränen in die Augen.

Ich setze mich auf eine Mauer am Straßenrand und stütze den Kopf in die Hände. Meine Stirn ist heiß, mir ist übel. So kann das doch nicht weitergehen. Das kann doch nicht alles sein… warum spielt das Leben gerade mir so übel mit? Andere haben einen Partner und sind ewig mit ihm zusammen, wieder andere trennen sich. Doch sie kommen darüber weg. Vielleicht, weil sie den Grund für das Ende kennen. Weil diese Ursache Sinn macht. Aber für unsere Trennung gibt es keinen wirklichen Grund, wir lieben uns schließlich immernoch. Und das alles soll jetzt vorbei sein? Ich kann und will das nicht glauben. Ich muss irgendetwas tun, um unsere Beziehung wiederzubeleben.

Kapitel 14 – moments

Ich schaue in den Spiegel. Wie sehr ich mich doch verändert habe. Ich bin so viel blasser als früher, meine Haare und meine Kleidung sind schwarz. Genau wie die Ringe um meine Augen. Im Grunde genommen sehe ich furchtbar aus. Aber wen kümmert das jetzt noch? Es ist doch sowieso egal. Wenn ich dich sehe, dann sowieso nur für ein paar Stunden. Aber wir sehen uns, alle paar Wochen. Immer dann, wenn du mit der Band nach Magdeburg kommst oder einfach mal für ein oder zwei Tage nach Hause darfst. Dann verbringen wir unsere Zeit zusammen. Die einzige Zeit, in der es mir gut geht. Ich lebe nur für diese Momente.

In einer halben Stunde ist es wieder so weit, dann gehe ich zu dir ins Hotel. Ich habe dich so vermisst. Aber es hilft zumindest ein bisschen, dass wir so oft telefonieren. Trotzdem wünsche ich mir jedes Mal, wenn ich deine Stimme höre, dich berühren zu dürfen.

Ich kämme meine Haare und stecke sie mit ein paar Klammern hoch. Ich habe mein hübschestes Kleid angezogen. Alles nur für dich. Nur, um dir zu gefallen. Manchmal denke ich, dass alles was ich tue, sinnlos ist. Umsonst. Wir werden ja so oder so niemals zusammen glücklich werden. Diese verdammte Plattenfirma erlaubt es dir noch nicht einmal, eine Freundin zu haben. Warum musstest du auch unbedingt berühmt werden? Es ist nicht so, als ob ich es dir nicht gönnen würde. Es fühlt sich nur schrecklich an, sich immer verstecken zu müssen.

***

„Hey…“ Deine Stimme klingt weich, du schließt mich in deine Arme. Wie sehr ich das doch vermisst habe. Vorsichtig lege ich meinen Kopf an deine Schulter. Du bist dünner geworden in letzter Zeit, deine Knochen stehen hervor. Ich mache mir Sorgen um dich. Du stehst ständig unter Stress, ein Termin jagt den nächsten, fast nie hast du Ruhe. Und wenn doch, dann nur für ein oder zwei Tage. Und dann bin ich da. Es muss dich fertig machen. Zu wissen, dass wir uns wieder trennen müssen. Aber fortbleiben kann ich nicht. Dafür ist meine Sehnsucht zu groß.

Ich hauche dir einen zarten Kuss auf die Wange. Sie ist kalt. Du scheinst so weit entfernt… so unecht… Und wie bei einem Traum fängt auf einmal alles an, sich zu drehen…

Kapitel 15 - Erwachen

„Lena…?“ Ich blinzle. Wo bist du hin? Das ist nicht deine Stimme. Diese Stimme klingt tiefer, rauer. Was ist passiert? Um mich herum ist alles hell. Bin ich in einem Krankenhaus? Nein, das kann nicht sein. Eben stand ich doch noch mit dir am Hintereingang des Hotels, wir haben uns umarmt. Wo bin ich? Ich drehe den Kopf. Ich liege in einem Bett.

Ein geschockter Laut entfährt meiner Kehle, als ich bemerke, dass meine Hände an das Bett gefesselt sind, in dem ich liege. Was ist passiert? Was habe ich getan? Verzweifelt winde ich mich, doch ich habe keine Chance. Ich kann mich nicht befreien.

„Lena… sind Sie wach?“ Ja verdammt! Ich will schreien, doch mein Mund ist ausgetrocknet, meine Stimme scheint einfach weg zu sein. Erneut versuche ich mich aufzurichten. Vergeblich. Warum bin ich gefesselt? Was geht hier vor? Wie bin ich überhaupt hierher gekommen? Ich verstehe das nicht. Das kann doch alles gar nicht sein.

„Es ist das erste Mal, dass Sie aufwachen“ Die Männerstimme. Woher kommt sie. Ich hebe vorsichtig den Kopf – und blicke direkt in sein Gesicht. Er ist vielleicht 40 Jahre alt, dunkle Haare, Dreitagebart. „Wer sind Sie?“ Die ersten Worte, die über meine Lippen kommen. Aber seit wann?

„Ich bin Dr. Grün, Ihr Arzt“ „Arzt? Aber… wieso?“ Verwirrt runzle ich die Stirn. Ich bin nicht krank. Was soll ich denn auch für eine Krankheit haben? Mir geht es doch gut. Ich fühle mich nur so unendlich… schwach, so leer. Was ist nur los mit mir? „Sie haben später Zeit, mir solche Fragen zu stellen. Aber zuerst möchte ich wissen, wie es ihnen geht“ „Mir geht’s gut… Ich meine, wieso sollte es mir auch nicht gut gehen?“ „Ist Ihnen irgendwie schwindlig oder fühlen Sie sich unwohl?“ „Nein!“, antworte ich etwas heftiger als ich es eigentlich wollte. Der Arzt lächelt nur und sagt „Schön!“

„Können sie mir jetzt endlich sagen, was passiert ist?!“, frage ich ungeduldig. So langsam werde ich nervös, das Ganze hier bringt mich total durcheinander. Was soll das alles?

„Es ist noch zu früh für solche Erklärungen“ „Ist es nicht! Ich will jetzt verdammt nochmal wissen, wieso ich an dieses dämliche Bett gefesselt bin!“ Wie zur Verdeutlichung meiner Worte zerre ich mit aller Kraft an den Armfesseln. Erfolglos. Ich spüre, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Ich bin so hilflos. Warum nur? Was ist mit mir passiert? Warum werde ich hier gefangen gehalten?

„Das kann ich dir nicht sagen. Noch nicht“ „Verdammte Scheiße, ich will es wissen! SOFORT!“, herrsche ich ihn an. Er sieht mich nur an, sein Blick wirkt fast schon betrübt, wäre er nicht so voller Mitleid. Wieso? Was ist mit mir, das mich bemitleidenswert macht?

„Na schön. Vielleicht ist es sogar besser, wenn du es weißt“ Oh mein Gott. Wenn er das schon so sagt, muss es schrecklich sein, was er mir zu sagen hat. Aber was kann so schrecklich sein, dass ich hier eingesperrt und gefesselt werde? Ich habe doch nichts getan.

„Lena, das was ich Ihnen jetzt sage, könnte sehr schmerzhaft für Sie sein. Sind Sie sich sicher, dass sie es wissen wollen?“

Kapitel 16 – Die Wahrheit

„Ja“ Ich versuche, meiner Stimme einen festen Klang zu geben, obwohl ich innerlich zittere. Vor Angst, vor Verzweiflung. Ich kann mich nicht bewegen, doch mein Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Was ist nur passiert? Die Frage, die immer wieder in meinem Kopf widerhallt. Was habe ich getan, dass man mich einsperren muss?

„Sie leiden unter einer Krankheit. Einer Art… psychischer Störung, verstehen Sie?“ Nein. das kann nicht sein. Ich bin doch nicht geisteskrank. Das geht einfach nicht. Nicht ich. Aber wenn doch… wieso? Es muss doch einen Grund geben. Man wird nicht vom einen auf den anderen Tag verrückt und weiß nicht mehr, was passiert ist. Vorhin… ich lag in Bills Armen, vor dem Hotel. Wie komme ich dann auf einmal in diese Klinik? Träume ich? Ich schüttle heftig den Kopf. Doch nichts passiert. Ich bleibe hier. Gefangen in einem real gewordenen Alptraum. Meine Augen füllen sich erneut mit Tränen. Das alles darf nicht wahr sein. Was ist mit meinem Leben passiert?

„Was… wieso…?“, würge ich unter Tränen hervor. „Was ist es? Mein Problem?“ „Sie…“ Der Arzt beißt sich auf die Unterlippe. „Sie leiden unter Wahnvorstellungen, Lena“ Wahnvorstellungen? „Was…?“ Was meint er damit? „Aber… wieso?“ „Nun ja, wir wissen es nicht so genau… aber wir vermuten, dass es wegen dem schrecklichen Unfall Ihrer Eltern ist. Dass Sie sich danach eine eigene Traumwelt geschaffen haben und darin versunken sind“ Er sieht mich fast schon zärtlich an und sagt: „Es tut mir leid“ Um mich herum scheint sich alles zu drehen, ich kann das einfach nicht fassen. Was hat er gesagt? Wahnvorstellungen? Unfall? Welcher Unfall? Und… „Wo ist Bill?“ Du. Was ist mit dir? „Nun, Lena“ Der Arzt lächelt nachsichtig. „Es tut mir leid, aber ich kenne keinen Bill. Ich vermute, dass auch er…“ Er hält inne und mir wird auf einmal übel. Meint er wirklich das, was ich denke? Tränen rinnen meine Wange hinab. „Meinen Sie, er… existiert nicht?“ Der Arzt nickt. Ein Nicken, das meine ganze Welt zum Einsturz zu bringen scheint. „Sie haben während sie so… weg waren, in Ihrer Traumwelt… Sie haben oft von ihm geredet, geschrieen und um sich geschlagen. Deshalb mussten wir Ihnen auch die Arme fesseln, damit sie sich nicht verletzen“ Ein dicker Kloß bildet sich in meinem Hals. Das alles ist mir zu viel, über mir scheint alles einzustürzen. Es ergibt keinen Sinn. Du hast nie existiert? Eine Wahnvorstellung? Das kann nicht sein. Du bist meine große Liebe. Du kannst doch nicht einfach Luft sein. Das geht nicht. Ich liebe dich. Mehr als mein Leben. Mehr als alles andere. Und jetzt kommt irgendein seltsamer Typ daher und erzählt mir, du hast niemals existiert? Das kann und will ich nicht glauben. Es war einfach zu schön mit dir, und trotz der Schwierigkeiten die wir hatten, schien unsere Liebe unzerbrechlich. Trotz der Band. Tokio Hotel. Aber Moment… bedeutet das, auch die Band hat nie existiert? Tom? Gustav? Georg? Meine Eltern…? Was ist mit ihnen? Der Arzt hat etwas von einem Unfall erwähnt. Wann? Und wie? Sind sie tot? „Der Unfall…“, krächze ich mit schwacher Stimme. „Ja?“ „Was ist passiert?“ „Das… das wissen Sie nicht mehr?“ „Nein“ Der betroffene Gesichtsausdruck des Arztes schockt mich. Was ist bloß geschehen? Immer wieder dieselbe Frage. Und jedes Mal keine Antwort.

„Das Auto… der Austausch…“ Er sieht mich an, fast schon verzweifelt. Und aus einmal trifft es mich wie ein Messerstich.

„Lena!“ Freudestrahlend kommt meine Mutter auf mich zugelaufen, quer über die Straße. Die Arme ausgebreitet, kommt sie wie ein Engel auf mich zugeschwebt, dicht gefolgt von meinem Vater. Ich war ein halbes Jahr lang bei einem Austausch in Amerika, heute sehe ich meine Eltern das erste Mal wieder. Glücklich erwidere ich das Lächeln und breite meine Arme aus. Doch dann sehe ich es. Das Auto. Es kommt die Straße entlang gerast, in offenbar unkontrollierbarer Geschwindigkeit. Was jetzt passiert, dauert nur Bruchteile einer Sekunde. „Mama! Papa! ACHTUNG!“, schreie ich aus Leibeskräften. Reifenquietschen, doch es reicht nicht mehr. Der Wagen nimmt meine beiden Eltern einfach mit, im Vorbeifliegen sehe ich wie in Zeitlupe den Gesichtsausdruck meiner Mutter. Pure Angst. Meine Umgebung beginnt, sich zu drehen. Und dann wird alles schwarz.

Eine lähmende Gewissheit macht sich in mir breit. Ich höre meinen verzweifelten Schrei nicht mehr, spüre nicht die Tränen, die ich weine, höre nicht die Stimmen der Ärzte, die versuchen, mich zu beruhigen. Meine Eltern sind tot. Meine ganze Welt hat nie existiert, alles was mich glücklich gemacht hat war nur Einbildung. Mein Leben ist eine einzige Lüge. Eine selbst erfundene Lüge. Ich bemerke nicht einmal mehr, dass ich um mich trete und schreie, dass ich weine und dass ich atme. Es ist vorbei. Alles.

Kapitel 17 – Der Brief

Lieber Bill,

ich bin mir darüber im Klaren, dass du niemals existiert hast, doch mein Therapeut hat mir dazu geraten, diesen Brief zu schreiben. Als Abschluss. Ich muss das, was ich in den letzten 2 Jahren erlebt - oder eben nicht erlebt - habe, verstehen. Ich muss begreifen, dass all das nicht real war, nur ein Netz aus Lügen und Wahnvorstellungen. Ich habe die letzten Jahre nicht wirklich gelebt, das weiß ich jetzt. Und doch war es die schönste Zeit meines Lebens. Ich habe dich wirklich geliebt, mehr als alles andere auf der Welt. Tief in meinem Inneren tue ich das noch immer, doch ich weiß auch, dass es besser ist, dich zu vergessen. Weil es dich nicht gab. Du warst der perfekte Typ, hast mir alles bedeutet. Damals, vor dem Unfall meiner Eltern, hatte ich für kurze Zeit einen Freund, in den ich sehr verliebt war. Aber unsere Beziehung lief alles andere als gut, er hat mich mehrmals betrogen. Das hat mich sehr verletzt. Und wahrscheinlich war das auch der Grund, warum ich mir dann nach dem Unfall meiner Eltern in dieser Traumwelt den perfekten Freund geschaffen habe – dich. Aber auch unsere Beziehung war nicht perfekt. Du bist fortgegangen, mit deiner Band. Noch so eine Einbildung. Eure Musik war toll. Sie sprach mir aus der Seele. Weil ich sie ja eigentlich selbst geschrieben hatte.
Wenn man darüber nachdenkt, ist das alles total irre. Aber vielleicht bin ich das auch. Eine Irre. Geistesgestört. Von imaginären Freunden liest man sonst nur in Gruselbüchern. Und ich hatte eine ganze imaginäre Welt. Nicht einmal die Häuser, die darin vorkamen, existieren wirklich. Nur wenige Dinge wie die Sprache stimmen mit der realen Welt überein.
Warum ich wieder aufgewacht bin, weiß keiner. Einerseits bin ich erleichtert darüber, denn jetzt kann ich vielleicht wieder ganz gesund werden. Andererseits bedaure ich es, denn die letzten zwei Jahre waren die schönsten meines Lebens. Unglücklich war ich nur in der Zeit, kurz bevor ich aufgewacht bin. Ich hatte nie ein besonders gutes Verhältnis zu meinen Eltern, und im Nachhinein hatte ich deshalb ein schlechtes Gewissen. Nur ein weiterer Grund, in meiner Traumwelt zu versinken. Ich bin jetzt 18 Jahre alt, damals war ich also 16. Meine Traumwelt endete mit 16, begann mit 14. Diesmal wollte ich alles besser machen. Es ist mir mehr oder weniger gelungen. Aber das spielt jetzt sowieso keine Rolle mehr, es ist vorbei. Ich bin jetzt in Therapie, habe die Chance auf eine vollkommene Genesung. Darüber bin ich sehr glücklich, denn dann kann ich vielleicht ein ganz neues Leben anfangen, mich neu verlieben. So wie damals in dich. Und dann werde ich endlich glücklich sein. Und diesmal wirklich.

In Liebe, Lena


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