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Sämtliche Texte unterliegen meinem Copyright, wenn nicht anders vermerkt.

Genre: Love & ein bisschen Mystery
Hauptpersonen: Bill & Horizon
Sicht: Horizon
Rating: PG14
Kapitel: 39 (zensierte Version)
Copyright/Disclaimer: siehe "About"
Warnung: in etwa 2-3 Kapiteln ziemlich unrealistisch...

Ich betrachte ihn. Er ist so schön, so anmutig. Und gleichzeitig so unerreichbar. Aber irgendwann werden wir uns kennen lernen, das weiß ich. Doch so lange bis der Zeitpunkt gekommen ist, beobachte ich ihn. Mein einziger Wunsch war es, einmal in seiner Nähe zu sein, ihn einmal zu sehen, und jetzt bin ich besessen von ihm. Meine stahlgrauen Augen sehen nur noch ihn, mein Herz ist gefangen. Ich bin wie verzaubert, wenn er in der Nähe ist, kann ich mich nicht mehr rühren. Ich würde mich niemals dazu durchringen können, ihn anzusprechen. Niemals. Deshalb schleiche ich um ihn herum wie eine Katze, stets darauf bedacht, dass er mich nicht bemerkt. Ich ziehe mein schwarzes Cape tiefer ins Gesicht, rücke meine große Sonnenbrille zurecht. Es ist dunkel, ich stehe im Schatten eines großen Baumes, schwarz gekleidet. Schwarz wie die Nacht. Wie die Trauer. Wenn Sehnsucht eine Farbe hätte, welche wäre es? Für mich ist es ebenfalls schwarz. Ich habe solche Sehnsucht und gleichzeitig habe ich furchtbare Angst. Ich sehe ihn noch einmal an, streife seinen schlanken Körper mit meinen Blicken, ehe ich mich umdrehe und leise verschwinde.

Kapitel 1

Ich betrachte eingehend mein Spiegelbild. Meine schwarzen, beinahe hüftlangen Haare, meine schwarze Kleidung und meine ebenfalls schwarz lackierten Fingernägel. Dazu die stahlgrauen, mit Kajal umrandeten Augen. Das bin ich. Dunkel. Geheimnisvoll. Und doch so leicht zu durchschauen. Jedes Mal, wenn mir jemand in die Augen sieht, glaube ich, durchleuchtet zu werden. Dabei bin ich doch unter meiner Kleidung nicht anders als die anderen. Nur manchmal glaube ich, dass etwas an mir doch anders ist. Mein Herz. Ich habe nicht dieselben Gefühle wie andere. Sie erzählen von Liebe, von Schmerz. Das alles ist mir so fremd. Der einzige, bei dem ich überhaupt irgendwas in der Art spüre, ist er. Er hat eine unglaubliche Anziehungskraft auf mich. Ich schwärme nicht für ihn, das ist nicht das richtige Wort. Ich liebe ihn auch nicht, ich weiß noch nicht einmal, was Liebe ist. Aber er verzaubert mich. Ist er vielleicht wie ich? Kann er mich verstehen? Meinen Zweifel, meine Angst?
Das werde ich wohl nie herausfinden. Denn ich werde niemals mit ihm reden können, dazu ist er viel zu unnahbar. Und ich kann nicht auf fremde Menschen zugehen. Es ist nicht so, als würde ich Scham empfinden, aber irgendetwas hindert mich daran. Und eines Tages werde ich herausfinden, was es ist. Was mich von den anderen unterscheidet. Ich stopfe mein frisch gekämmtes Haar unter die schwarze Kappe, die ich trage und nehme meine Sonnenbrille aus dem Regal. It’s Showtime.

***

Ich lehne an der Wand, versuche, möglichst unauffällig zu sein. Ich bin durch den Hintereingang hereingekommen, lautlos. Das ist meine Spezialität. Ich schaffe es einfach überall, mich einzuschleichen. Und das ist auch gut so, denn sonst wäre es mir nicht möglich, ihm so nahe zu sein. Heute habe ich ihn noch nicht ein einziges Mal gesehen und so langsam beginne ich, unruhig zu werden. Was, wenn er nicht kommt? Ich halte es schon kaum aus, wenn ich ihn für ein paar Stunden nicht sehen kann. Er ist wie ein Stern. So magisch und wunderschön. Bei dem Gedanken an ihn wird mir ganz anders, es ist ein Gefühl, das ich nicht beschreiben kann.
Meine Lippen sind ausgetrocknet, ich fahre mit der Zunge darüber, drücke mich enger in die Ecke zwischen der über und über mit Plakaten tapezierten Säule und der Wand. Hoffentlich entdeckt mich hier keiner, denn das wäre zu eindeutig. Und vielleicht würde ich ihn dann nie wieder sehen. Ich höre Stimmen, sie kommen immer näher. Ich muss nicht lange zuhören, um zu wissen, dass er es ist. Ich spüre seine Anwesenheit schon, als er noch mehrere 100 Meter von hier entfernt ist. Er kommt näher, ich sehe ihn aus dem Augenwinkel. Das schwarze Haar, sein helles Lachen. Es ist so voller Licht. Ich halte die Luft an, warte, bis er vorbei ist. Wie perfekt er doch ist. Ein sanftes Lächeln umspielt meine Mundwinkel, als ich mich langsam an der Wand hinuntergleiten lasse.


Kapitel 2

Leise betrete ich das Zimmer, von dem ich glaube, dass es das richtige ist. Ein großer Schreibtisch, über und über mit Papieren bedeckt. Ich schließe die Tür hinter mir und beginne, die Schubladen zu durchsuchen. Nach einer Weile habe ich gefunden, was ich suche. Ein paar Backstagepässe. Tim Gruber. Wohl eher nicht. Marie Schmitt. Schon besser. Es ist ja nur, damit niemand bemerkt, dass ich mir unbefugt Zutritt verschafft habe. Zum Glück ist kein Bild auf dem Pass. Ich hänge ihn mir hastig um und nehme sowohl Kappe als auch Sonnenbrille ab, denn das wäre schließlich auffällig. Einen Augenblick später bin ich auch schon wieder draußen auf dem Gang, auf dem Weg zur Tribüne. Wenn ich richtig liege, dürfte dort in etwa 10 Minuten der Soundcheck stattfinden. Die nächste Gelegenheit, ihn zu sehen. Die nächste Gelegenheit, ihm nahe zu sein. Ich lebe nur für diese Momente. Wenn ich ihn ansehen kann und doch weiß, dass er mich nicht sieht. Wenn ich an ihn denken kann und trotzdem sicher weiß, dass er es nicht mitbekommt. Erst dann fühle ich mich wohl, erst dann weiß ich, dass alles richtig läuft. Nur hier fühle ich mich nicht fehl am Platz. Nur bei ihm.
Ich sehe, wie er auf die Bühne kommt, ein Schauer jagt meinen Rücken hinab. Wie er sich bewegt, wie er redet… alles ist so fließend, so klar. Er hat eine Aura aus Licht, würden meine Eltern sagen. Ja, meine Eltern. Sie sind weggegangen, als ich noch klein war. Aber ich weiß noch genau, wie sie geredet haben. Sie waren nicht wie normale Leute. Und auch wenn sie mich früh verlassen haben, sie waren voller Liebe, das habe ich gespürt. Doch dann waren sie weg. Und das einzige, was sie zurückgelassen haben, ist ein schwarzes, in Leder gebundenes Buch. Ich habe nie die Kraft gehabt, es aufzuschlagen oder gar zu lesen. Vielleicht werde ich das nie schaffen.
Ich richte meinen Blick wieder auf ihn, sehe zu, wie er auf der Bühne hin und her geht, während er singt. Seine Stimme ist so schön, so jungenhaft und doch schon erwachsen. Er sagt irgendetwas, was es genau ist, nehme ich nicht wahr. Ich lausche nur dem herrlichen Klang seiner Stimme, lasse mich forttragen von meinen Träumen und Sehnsüchten. Sehnsucht nach Liebe, auch wenn ich so etwas nicht kenne. Es muss wunderbar sein. Und er scheint so perfekt dafür. Wenn ich schon jemanden lieben soll, wer wäre denn besser dafür geeignet als er? Gewissermaßen ist er mir sogar ähnlich. So geheimnisvoll, so zerbrechlich. Wie ein Engel.

***

Wenn nichts mehr geht werd ich ein Engel sein
Für dich allein
Und dir in jeder dunklen Nacht erschein’
Und dann fliegen wir… weit weg von hier..


Mein Lieblingssong. Er ist so schön, gibt mir Hoffnung. Ich stehe hinter dem Vorhang zum Backstagebereich und lausche seiner Stimme. Hier sind alle beschäftigt, keiner bemerkt mich. Doch das nehme ich gar nicht wahr, bin viel zu gefangen in meiner Traumwelt. Ich sehe alles durch einen feinen Schleier, während mein Gehörssinn vollkommen auf ihn konzentriert ist. Dass ich ihn nicht sehe, stört mich dabei nicht, es ist schon wundervoll, nur seine Stimme zu hören. Wie er das Lied singt, das ich insgeheim zu unserem Lied erklärt habe. Es wäre so schön, wenn es diese Beziehung geben würde. Uns. Auch wenn ich nicht weiß, was mich erwarten würde. Ich kann es mir nicht vorstellen, genauso wenig wie ich es mir vorstellen kann, zu leiden oder zu weinen. Das ist ja das, was nicht normal ist an mir. Ich bin so kalt, so leer. Dabei will ich doch nur einmal lieben können.


Kapitel 3

Ich lasse mich tiefer in den Sitz sinken. Noch 2 Stunden, dann bin ich da. In der nächsten Stadt. Ich reise ihm hinterher, schon wochenlang. Ich weiß, dass es krank ist, doch ich kann nicht anders. Er hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt, also will ich wenigstens bei ihm sein. Nur um sicher zu sein, dass es ihm gut geht. Nur um ihn von Zeit zu Zeit ansehen zu dürfen. Anfangs haben Plakate gereicht, die Bilder in Jugendzeitschriften. Auch wenn ich so etwas niemals gelesen hätte, seit er das erste Mal auf dem Cover war, ist es wie ein Zwang für mich, sie zu kaufen. Nur um ihn anstarren zu können. Doch irgendwann hat das nicht mehr gereicht. Was sind schon Bilder, wenn es die Möglichkeit gibt, ihm so nahe zu sein? Ich bin zwar noch nicht 18, aber da ich aus dem Waisenhaus ausziehen durfte, als ich 16 war, ist es mir selbst überlassen, was ich mache. Zum Glück haben meine Eltern mir eine Menge Geld hinterlassen, sonst könnte ich nicht von Stadt zu Stadt reisen und mehr oder weniger die Beine hochlegen. Doch das funktioniert nicht ewig, das ist mir klar. Nur jetzt im Moment muss es so funktionieren. Für ihn. Wegen ihm. Er gibt allem, was ich tue, einen Grund, auch wenn ich ihn nicht kenne.

***

TOKIO HOTEL

Das Schild an der Tür springt mir schon ins Auge, als ich noch Meter davon entfernt bin. Das ist er dann wohl. Der persönliche Raum der Band. Hastig werfe ich einen Blick nach rechts und links, dann drücke ich vorsichtig die Klinke hinunter. Schnell schlüpfe ich durch den schmalen Spalt und schließe die Tür hinter mir. Ich sehe mich um. Es dauert nur Sekunden, bis ich den Plan gefunden habe. Inzwischen bin ich ein richtiger Profi.

14.00 PROBE
18.00 Kabinenpflicht!
19.15 fertigmachen
19.45 AUFTRITT
22.30 AFTERSHOWPARTY

Aftershowparty? Daran habe ich gar nicht gedacht. Aber das ist ja hier kein normales Konzert, sondern die BRAVO Gala, was bedeutet, dass Tokio Hotel nicht die einzigen Stars sind. Eigentlich offensichtlich, dass es nach der Show eine Party gibt. Gedankenverloren starre ich den Plan an. Soll ich mich dort einschleichen? Es sind ja nicht nur Promis dort, ich würde also kaum auffallen. Doch will ich das wirklich? Ihm so nahe kommen? Ich muss es tun. Beim Gedanke daran bekomme ich jedoch schon Gänsehaut, ob es Vorfreude ist oder einfach nur Angst, weiß ich nicht. Aber immerhin fühle ich etwas.


Kapitel 4

Nervös rücke ich mein Kleid zurecht, um gleich darauf wieder so unauffällig wie ich nur kann an der Wand stehen zu bleiben. Von weitem betrachte ich das Getümmel aus VIPs und ganz normalen Leuten, alle aufwändig geschminkt und teuer gekleidet. Daneben komme ich mir schon wieder so seltsam vor, als wäre ich einfach anders. Nicht unbedingt minderwertig, aber irgendwie anders. Wie ein Stück Plastik in ihrer perfekten Welt. Sie lachen und tanzen, sind ausgelassen. Ihre Münder sind nicht zu einem künstlichen Lächeln verzogen, so wie ich es gewohnt bin. Ihr Lachen ist echt, sie scheinen sich zu amüsieren. Doch wo ist er? Ich habe ihn schon einige Minuten nicht mehr gesehen. Vermutlich mal eben rauchen gegangen. Ja, das tut er. Ich habe ihn dabei beobachtet. Sogar bei solchen Dingen habe ich ihm schon zugesehen, und wie immer war er unheimlich schön dabei.
Ich schüttle leicht den Kopf und laufe in Richtung Toilette, um mein Make Up zu kontrollieren. Ich bin so in Gedanken vertieft, dass ich gar nicht bemerke, dass jemand Großes auf mich zukommt. Er anscheinend auch nicht, denn den Bruchteil einer Sekunde später stoßen wir auch schon zusammen und ich will gerade ein schnelles „Entschuldigung“, murmeln, als mir auch schon der Atem stockt. Ist das nicht…? Langsam lasse ich meinen Blick nach oben wandern, über die schmalen Hüften zu den Schultern und schließlich zu seinem Gesicht. Er. Bill. Für einen Moment glaube ich, nicht mehr gerade stehen zu können, doch irgendetwas bringt mich dazu, mich zu beherrschen und so stehe ich einfach nur da und starre ihm in die Augen. Er rührt sich nicht, scheint genauso geschockt zu sein wie ich. Endlich öffnet er den Mund und setzt an „Ich… ähm… tut mir Leid, aber mir hat es gerade echt die Sprache verschlagen“ Der Klang seiner Stimme macht mich erneut unsicher, wie lange habe ich mir das gewünscht? Vor ihm zu stehen und mit ihm zu reden? Doch dass er so perplex sein kann, schreckt mich irgendwie. Ich hätte das nicht gedacht, nicht von ihm. Ich weiß nicht wieso, aber ich hätte mehr erwartet als Sprachlosigkeit. Doch ich weiß auch, dass das Schwachsinn ist.
„Warum?“ Das interessiert mich wirklich. Was macht jemanden wie ihn schon sprachlos? „Ich… ich weiß nicht, ist auch egal… kommst du mit mir mit?“ „Wohin?“ „Na auf die Party, wohin denn sonst?“ Ich hänge mit meinem Blick förmlich an seinen Lippen, die sich zu einem flotten Lächeln formen, ehe ich seine Hand im Rücken spüre, die mich zurück in den Partyraum schiebt.
Ich wollte ihn doch gar nicht treffen, warum geht das alles jetzt so schnell? Eben noch träume ich von ihm, dann ist er schon da und seine Hand liegt auf meinem Rücken als würde sie nirgendwo anders hingehören. Das alles zieht an mir vorbei, ich nehme es nicht wahr. Ich sehe nur ihn, seine Bewegungen, sein Lächeln, seine Gesten. Wieder einmal bin ich vollkommen weg. Nur dass er mich diesmal berührt, mit mir redet und mir in die Augen schaut.
„Hey!“, dringt seine Stimme von weit weg in mein Bewusstsein. Seine Hand bewegt sich unablässig vor meinem Kopf hin und her. „Sag mal, schläfst du?!“ Oh nein. Er hat ja wirklich mit mir geredet. Und vermutlich hält er mich jetzt für vollkommen dämlich. Ich glaube nicht, dass ich dumm bin. Nur… anders. „Tut mir leid, ich war gerade… in Gedanken“
Er lächelt nur und meint: „Aha. Willst du jetzt tanzen oder nicht?“ Tanzen? Mit ihm? Ich weiß nicht, ob ich das überleben würde. „Ich kann nicht tanzen“ „Ich doch auch nicht… ich hab nur nach einer Gelegenheit gesucht, an dir rumzugrapschen"
Huch. Das war ja jetzt wohl mehr als geradeheraus. Als er meinen Gesichtsausdruck sieht, beginnt er zu lachen und sagt „Das war doch nur ein Scherz“, dann zieht er mich hinter sich her, nicht ohne vorher schelmisch zu zwinkern.

***

Wenn er das nicht schon vorher getan hat, hat er mich spätestens jetzt in seinen Bann gezogen. Seine Art, wie er lacht, wie er redet… seine Haut, so fein wie die einer Puppe. Ich kann einfach nicht anders, als ihn die ganze Zeit anzustarren.
Wir stehen noch immer auf der Tanzfläche, bewegen uns zur Musik. Um mich herum verschwimmt die Welt, alles wird zu einem Wirbel auf Formen und Farben. So etwas habe ich noch nie erlebt, was passiert hier mit mir? Ich bin überwältigt von all diesen Eindrücken, sie drohen über mir einzustürzen und mich zu überrollen. Ich fühle, wie meine Augen feucht werden und kurz darauf rollt die erste Träne meine Wange hinab. Ich weine. Warum, verstehe ich nicht. Meine Tränen fallen zu Boden wie Regentropfen, ich sehe nur noch verschwommen, wie Bill nach meiner Hand greift und mich wegführt, in einen anderen Raum.
Ich schüttle den Kopf, versuche, wieder klar zu denken. Was war denn das? „Hey… was ist denn los?“ Er nimmt meine Hand, seine fühlt sich so zart und zerbrechlich an. Ich blinzle entschlossen, sehe ihm in die Augen. Ich habe mir immer gewünscht, ihn kennen zu lernen, und jetzt mache ich mir diese Chance kaputt, indem ich mich benehme wie eine Irre? Ich bin absolut nicht normal, aber ich muss es einfach schaffen, einen einigermaßen normalen Eindruck zu machen. „Ich… ich weiß es nicht“, schniefe ich und wische mir schnell mit dem Handrücken über die Augen. „Okay… sollen wir erstmal hier bleiben?“ Ich sehe mich in dem kleinen Raum um. Eigentlich will ich nicht mit ihm alleine sein, zu groß ist die Angst, dass er etwas bemerkt. Davon, dass ich so kalt bin. So anders. Und doch habe ich geweint, und ich weiß noch nicht einmal, was diesen Zusammenbruch ausgelöst hat. Doch ich kann ihm nicht sagen, dass ich Angst habe. Wobei ich dann auch nicht mehr ganz gefühllos bin. Es ist nur so, dass ich keine Zuneigung oder Trauer empfinden kann, egal was ich versuche.
Ich sehe zu, wie er sich an die Wand hinter uns lehnt und mich anschaut, und das, obwohl ich mich doch immer so sicher gefühlt habe, wenn er mich nicht gesehen hat. Wenn ich unentdeckt bleiben konnte. „Sag mal… wie heißt du eigentlich?“ Stimmt, das weiß er noch gar nicht. Ich könnte ihm einen meiner vielen falschen Namen sagen, aber irgendetwas zwingt mich dazu, ihn nicht anzulügen. „Horizon“, sage ich leise. „Schöner Name“ Ich weiß, dass mein Name außergewöhnlich ist. Und dass er toll klingt, wenn man ihn richtig ausspricht. Aber dieser Name bedeutet für mich auch Kälte, Dunkelheit. Meine Vergangenheit, mit der ich endlich abschließen will. Doch das kann ich nicht, wenn ich nicht endlich herausfinde, warum ich so anders bin.
„Ich habe dich gesehen“ Was meint er damit? Wo hat er mich gesehen, wann? Ich runzle die Stirn, schaue ihn abwartend an. „Du weißt schon. Als du uns hinterher gereist bist, denkst du ich bekomme sowas nicht mit?“ Oh mein Gott. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag, wie konnte ich nur so dumm sein. Wie konnte ich nur erwarten, dass er so blind ist? Ich wusste doch immer, dass er intelligent ist. Ich traue mich kaum, ihn anzusehen, aber als ich es schließlich doch tue, liegt keine Kälte in seinem Blick, keine Ablehnung. „Warum hast du mich dann auch noch aufgefordert, mit dir zu tanzen? Wenn ich dich doch störe in deinem perfekten Leben“ „Ich habe nie gesagt, dass du störst“ Er kommt auf mich zu, streicht sich die Haare aus dem Gesicht. Wenn er doch nur wüsste, wie gut er dabei aussieht. Aber das weiß er wahrscheinlich, die vielen weiblichen Fans zeigen es ihm täglich. Doch ich bin mir sicher, dass keine so fühlt wie ich. Nicht auf diese Art. „Ich wollte dich kennen lernen, verstehst du das?“ „Aber wieso?“ „Ich glaube, dass du etwas Besonderes bist. Ich weiß nicht, aber…“ Er hält inne, ganz als müsse er sich dazu zwingen, weiterzureden. „… das spüre ich irgendwie. Jemand wie du ist kein einfacher Groupie, glaube ich“ „Nein… das bin ich nicht“ „Aber du bist seltsam. Entschuldige, dass ich das so sage, aber irgendwas an dir ist nicht ganz… echt“ Ich beiße mir auf die Unterlippe und schlage den Blick nieder. Was will er von mir, was soll ich ihm sagen? Dass ich keine Gefühle habe und mir vorkomme, als käme ich von einem anderen Stern? Warum durchschaut er mich so? „Ich habe dich auch beobachtet. Genau wie du mich. Und ich werde dein Geheimnis herausfinden, glaub mir“


Kapitel 5

„Du kommst mit auf Tour“ „Was?“ „Naja, du bist doch sowieso dabei, oder?“ Er sieht mich beinahe herausfordernd an, ich kann nur nicken. Aber was meint er? „Na also… und wir haben diesen neuen Bus, da gibt’s zwei Extrabetten! Kommst du jetzt mit?“ „Wieso machst du das?“ Ich runzle misstrauisch die Stirn, irgendwas an der Sache beunruhigt mich. „Hab ich dir doch gesagt. Ich will herausfinden, wer du bist.“ Das weiß ich doch aber selbst nicht, hätte ich am liebsten geschrieen. Aber ich halte mich zurück, zu viel steht auf dem Spiel.
Es ist Samstagmorgen, ein Tag nach der BRAVO Gala. Nachdem er gestern so plötzlich abgehauen ist, habe ich einen Zettel auf dem Boden gefunden, auf dem seine Nummer stand. Auf die Frage, warum er mir dieses Stück Papier hinterlassen hat, kam nur die Antwort: „Immernoch aus demselben Grund.“ Und dann hat er einfach aufgelegt. Normalerweise hätte ich das nicht mit mir machen lassen, aber bei ihm ist das anders. Ich weiß genau, dass ich abhängig bin von ihm, und er weiß das auch. Er ist wie eine Droge, und das hier ist meine einzige Chance, ihm nahe zu sein. Und ich muss sie ergreifen. Ganz egal, wie er mich behandelt.

***

„Hast du Hunger?“ „Nein“ Seit wir losgefahren sind, hat kaum jemand mit mir geredet, zwar sind alle höflich zu mir, aber ich habe das Gefühl, dass ich keinen wirklich interessiere. Das gefällt mir allerdings ganz gut so, denn so kann ich ihn in Ruhe beobachten, Zaungast sein. Ohne dass mich dauernd jemand nervt oder beobachtet. Wobei ich mir bei Letzterem nicht mehr so sicher bin, schließlich hat Bill gestern noch gesagt, dass auch er mich beobachtet hat. Ich muss in Zukunft wohl vorsichtiger sein mit dem was ich tue und sage. Ich schaue hinunter auf die Straße, die für meinen Geschmack schon zu weit unten ist. Die Betten sind oben in diesem luxuriösen Doppeldecker, der nur für die vier Jungs gemacht ist. Alles ist so perfekt hier, so als könnte nichts und niemand die Idylle stören. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mir so fehl am Platz vorkomme.
Nach einigen Stunden Langeweile und Nichtbeachtung kommen wir vor dem nächsten Hotel an. Schon 100 Meter davor stehen kreischende Fans, pubertierende Monster mit weit aufgerissenen Mündern und Plakaten, deren Botschaften erster gemeint zu sein scheinen, als sie es vermutlich sind. Wie oft findet man auf solchen Plakaten Floskeln wie „Tom ich will dich“ oder dergleichen? Wenn es wirklich so weit kommen würde, würden sie doch alle kneifen oder sich wünschen, zuhause bei Mami zu sein. Grausame Welt. Noch so etwas, das ich nicht verstehe. Es gibt so viele Lügen auf dieser Welt, und so viele Menschen, die sich selbst etwas vormachen. Nur um vor anderen besser dazustehen. Oder älter, in diesem Fall. Ich höre Bill seufzen, kurz darauf höre ich seine Schritte hinter meinem Rücken, als er die Treppe hinuntergeht. Die anderen folgen ihm wie treue Schoßhündchen.
Ich warte noch ein paar Sekunden, dann stehe ich auf, ziehe meinen schwarzen Kapuzenpulli über und setze meine Sonnenbrille auf. Meine Haare verstecke ich unter der Kapuze. Ich habe keine Lust, das nächste Opfer der Presse zu sein. Gemächlich begebe ich mich nach unten, wo sich neben einer kleinen Küche inklusive Esstisch ein Wohnzimmer mit Couch und Fernseher befindet. Der pure Luxus eben.
Bill öffnet die Tür und die Jungs treten nacheinander ins Freie. Sofort steigt der Lärmpegel ums Dreifache an und ich bin versucht, mir die Ohren zuzuhalten. Doch stattdessen bemühe ich mich, halbwegs unbeobachtet hinauszugehen und an den hysterischen Fanmassen vorbeizukommen, was sich als schwieriger herausstellt als erwartet. Auch wenn die meisten so sehr auf Bill und die anderen fixiert sind, dass sie gar nichts anderes mehr mitbekommen, bemerken mich einige von ihnen doch und beginnen, an mir zu zerren und mir irgendetwas zuzurufen. Ich glaube sogar, ein paar Schimpfwörter herauszuhören, doch das zieht an mir vorbei.
„Moment, mein Fräulein!“ Ich blicke auf – direkt in das Gesicht des Portiers, an dem ich eben vorbeigehen wollte. „Darf ich fragen, was Sie hier machen? Gehören sie zur Crew? Wie ein gewöhnlicher Gast sehen Sie jedenfalls nicht aus“ Das war dann wohl auf meine Vermummtheit bezogen. „Nein, ich…“ „Sie gehört zu mir“ Noch bevor ich mich umdrehe, weiß ich, wer hinter mir steht. Ich hätte seine Stimme aus hundert anderen erkannt. Bill. Offenbar ist er fertig mit seiner kleinen Autogrammstunde. „Danke“, murmle ich in seine Richtung, ehe ich mich an dem missmutig dreinschauenden Portier vorbeischiebe, um drinnen auf die anderen zu warten.
Es dauert nur wenige Minuten bis die alle vier da sind und vor allem Bill scheint sichtlich genervt. Na, das nennt man wahre Fanliebe. Allerdings kann man ihnen das auch nicht verübeln, bei der akuten Tinnitusgefahr dort draußen. Mit einem leisen Kopfschütteln trotte ich den anderen hinterher zur Rezeption.

***

Gähnend strecke ich mich auf meinem Bett aus. Ich bin froh, dass ich ein Einzelzimmer bekommen habe, obwohl dadurch die Atmosphäre noch kühler zu sein scheint. Ein bisschen erinnert mich meine Situation an die eines Geistes, ich bin zwar da, aber keiner nimmt mich wirklich wahr. Vielleicht ist das gut so, vielleicht aber auch nicht. Im Moment weiß ich gar nichts mehr. Ich habe keine Ahnung, wie lange es anhalten wird. Dass wir kaum miteinander reden, dass ich nur zusehe. Möglicherweise ist das immer so, wenn sie jemanden mit auf Tour nehmen. Tun sie das überhaupt? Und wenn nicht, wieso dann mich? Und warum interessiert es Bill so brennend, wer ich bin? Wenn ich ihn wirklich interessieren würde, warum geht der dann jetzt so auf Distanz? Leise seufzend stehe ich auf und gehe ins Bad, um zu duschen. Das Wasser prasselt auf meiner Haut und mein Kopf scheint endlich wieder klarer zu werden, der Druck auf meine Schädeldecke scheint schwächer zu werden und meine Muskeln entspannter. Ich sollte mir nicht so viele Gedanken machen, früher oder später macht mich das doch nur verrückt.
Ich steige aus der Dusche, ziehe mich an ohne rubble meine Haare so gut es geht trocken. Dann kämme ich mich und gehe zurück in mein Schlafzimmer. Die wichtigsten Sachen habe ich dabei, den Rest muss ich eben irgendwann besorgen, wenn ich Zeit und Lust habe. Eigentlich wäre jetzt ein geeigneter Zeitpunkt dafür. Ich will gerade meinen Schlüssel nehmen, als es an der Tür klopft.


Kapitel 6

„Ja?“ Ich drehe mich demonstrativ mit dem Rücken zur Tür, bestimmt ist das einer dieser vier Vollidioten. Sie haben mich während der ganzen Fahrt angeschwiegen so gut es ging, also werde ich sie jetzt sicher nicht mit offenen Armen empfangen. „Horizon?“ Ungewollt läuft ein warmer Schauer meinen Rücken hinunter, als ich seine Stimme vernehme. Bei ihm klingt mein Name auf einmal gut, ich glaube, noch nie jemanden gehört zu haben, der diesen Namen perfekter aussprechen kann.
Trotzdem bemühe ich mich um einen möglichst kühlen, jedoch höflichen Ton. „Was ist?“ „Ich wollte fragen, ob du rüberkommen möchtest? Wir veranstalten eine kleine Privatparty auf unserem Zimmer“ „Ähm… okay…“ Ich weiß nicht genau, warum ich jetzt auf sein Angebot eingegangen bin. Vermutlich, weil ich einfach nicht anders kann. Ich kann nicht NEIN sagen. Nicht zu ihm. „Ich… ich muss mich noch fertig machen. Geh doch schonmal vor“ Mal wieder nur die halbe Wahrheit gesagt. Ich bin zwar wirklich noch nicht fertig, doch ich muss auch meine Gedanken ordnen. Jedes Mal, wenn er in der Nähe ist, entsteht ein einziges Chaos in meinem Kopf und ich muss höllisch aufpassen, nichts zu tun, das ich später bereue. Ich werfe ihm noch einen letzten Blick zu, ehe ich mich umdrehe und beginne, meine Tasche nach einem Haarföhn zu durchwühlen.
Ich kann es nicht erklären, aber ich spüre es, als Bill zur Tür hinausgeht. Eine feine Gänsehaut überzieht meinen Körper, was ist nur los mit mir? Sonst bin ich doch so kalt und gefühllos. Es war immer mein Wunsch, Gefühle zu haben, aber jetzt, da ich welche zu entwickeln scheine, macht es mir gleichzeitig Angst. Vor allem, weil ich nicht weiß, um welche Art Gefühl es sich handelt. Ehrfurcht? Zuneigung? Liebe? Ich habe so viel darüber gelesen, aber woher weiß ich, wann es soweit ist? Das alles ist so kompliziert. Ich föhne noch schnell meine Haare, dann mache ich mich auf den Weg zum Zimmer der Zwillinge. Hoffentlich hat er auch sich und Tom gemeint, als er ‚wir’ gesagt hat.

***

„Hey“ Tom strahlt mich an und bedeutet mir, hereinzukommen. Etwas verwirrt folge ich seiner Aufforderung. Warum sind auf einmal alle so freundlich zu mir? Ich habe geglaubt, eine unsichtbare Mauer zwischen uns zu spüren. Für mich ist sie noch immer vorhanden, und das nicht minder stark als zuvor, doch die anderen scheinen sich einfach darüber hinwegzusetzen, indem sie mich behandeln wie einen Freund, mir zulächeln und beschlossen zu haben scheinen, mich in ihrem Kreis aufzunehmen. Sie versuchen, die Atmosphäre aufzulockern, doch meine innere Spannung lässt keineswegs nach, ich kann dem Ganzen einfach nicht trauen. Irgendetwas läuft hier falsch, das spüre ich. Und mein Instinkt hat mich bis jetzt noch nie im Stich gelassen.
„Willst du was trinken?“ „Was habt ihr?“ „Red Bull, Wasser…“ „Okay, ich nehme ein Red Bull“ Tom geht zu einem kleinen Kühlschrank, der mitten im Zimmer steht, und reicht mir eine der silbernen Dosen. Schon nach wenigen Schlucken stelle ich fest, dass das Zeug scheußlich schmeckt, aber das kann ich nicht sagen. Ich bin schließlich selbst schuld, wollte nur cool sein. Also würge ich die seltsam schmeckende Flüssigkeit hinunter und beobachte die Jungs. Sie reden und lachen, fragen mich über Dinge aus, auf die ich gar nicht erst gekommen wäre. Fragen nach Geschwistern, nach Musikgeschmack, nach Lieblingsessen. Auf die meisten dieser Fragen weiß ich keine Antwort, über derart alltägliche Dinge denke ich nicht nach. Was spielt das schon für eine Rolle? Früher oder später werden wir alle sterben, und unseren Nachkommen ist es höchstwahrscheinlich egal, welche unsere Lieblingsserie war. Aber kann das Leben so erfüllt sein? Wenn man nur in den Tag hinein lebt wie ich, bemerkt man vielleicht nicht wie viel Zeit vergeht und irgendwann geht man von dieser Welt, ohne etwas wirklich Großes erlebt zu haben.
Doch was ist groß? Eine Heldentat? Die Liebe? Berühmtheit? Einerseits will ich nicht bemerkt werden, andererseits wünsche ich mir, dass sich nach meinem Tod jemand an meinen Namen erinnert. Und wenn es nur eine Person aus meiner Familie ist- Aus der Familie, die ich jetzt nicht habe und die ich mir so sehr wünsche. Und mit ‚Familie’ meine ich nicht 3 Kinder, einen Mann und einen Collie, nur ein Partner würde schon reichen. Es ist irgendwie schon absurd, sich Liebe zu wünschen, wenn man nicht weiß, was Liebe bedeutet, doch ich kann nicht anders. Das Schlimme daran ist nur, dass ich es mir nicht erklären kann. Warum ich mir so sehr wünsche, lieben zu können. Und vor allem, warum ausgerechnet Bill so eine starke Anziehungskraft auf mich hat.
Irgendwann ist es einfach passiert, ich weiß nicht was es war und vielleicht werde ich es nie wissen. Ich muss ihn nur ansehen und schon fühle ich mich sicher, irgendetwas in seinen Augen gibt mir Kraft. Die Kraft, ihm zu folgen, und wenn ich bis ans Ende der Welt gehen muss. Nur um bei ihm zu sein. Er ist es einfach wert, schon ein Lächeln von ihm reicht mir, um weiterzumachen. Um mein Leben nicht wegzuwerfen. Er ist mir so wichtig, obwohl ich ihn nicht kenne. Doch das kann keine Liebe sein. Nicht so. Es macht mich verrückt, nicht zu wissen, was ich für ihn empfinde, doch ändern kann ich es nicht. Er hat sich in meinen Gedanken festgesetzt, beherrscht mich und meine ganze Seele. Es dauert nicht mehr lange, bis es keinen Ausweg mehr gibt. Ich hoffe nur, er bemerkt es rechtzeitig.


Kapitel 7

Leicht kritisch beäuge ich meine neuen Stiefel. Ich hoffe, ich kann wirklich damit laufen, die Absätze scheinen gefährlich hoch. Aber jetzt ist es sowieso zu spät. Entschlossen öffne ich die Autotür und steige aus. Vor mir erblicke ich einen Club, dem man schon von außen ansieht, dass er größer ist als jeder andere, den ich bisher gesehen habe. Überall blinkende Lichter, lachende Menschen und einige Türsteher, die mehr als gefährlich aussehen. Ich steure auf den Eingang zu, dicht gefolgt von Bill und Tom, die sich komplett vermummt haben, um nicht erkannt zu werden. Ich versuche, meine Unsicherheit zu überspielen, gebe mich als seien Clubs wie dieser nichts Besonderes für mich, während ich innerlich bete, dass niemandem auffällt, wie anders ich bin.
Diese Angst existiert ständig in mir, sie beherrscht mich. Es wäre so schrecklich, wenn ich nicht einmal mehr vorgeben könnte, ganz normal zu sein. Wenn alle wüssten, wer ich wirklich bin, nur ich nicht. Ich drehe mich zu den anderen um, Georg und Gustav sind gar nicht erst mitgekommen, hatten keine Lust auf den Rummel. Doch Bill und Tom scheinen unermüdlich, wenn sie keinen Auftritt haben, dann machen sie eben Party bis zum Umfallen. Erstaunlich, wie energiegeladen man sein kann. Bei dem Gedanken hätte ich gerne gelächelt, doch das kann ich ja nicht.
Ich seufze leise und konzentriere mich wieder auf mein Umfeld. Der Raum, in dem wir uns befinden, scheint förmlich überzuquellen von Lichtern, Sitzgelegenheiten und Menschen. Die viel zu laute Musik dröhnt in meinen Ohren und die stickige Luft erschwert mir schon jetzt das Atmen. Trotzdem stürze ich mich ins Getümmel und versuche, einfach loszulassen, so locker zu sein wie die anderen. Doch warum fällt mir das so schwer? Sonst bin ich so kalt, und jetzt so unsicher. Ich sehe mich um, die Jungs sind nicht mehr da, was mich noch mehr verunsichert. Ich lehne mich gegen die erste Wand, die ich finden kann, um dem Geschehen erstmal mit den Augen zu folgen. Es ist immer wieder dasselbe Bild. Tanzende Lichter, lachende Gesichter und jede Menge Trubel. Nach einer Weile sehe ich, wie eine schwarz gekleidete Person auf mich zukommt. Bill. Er ist zwar durch seine Sonnenbrille, die Baggy und den weiten Kapuzenpullover kaum wieder zu erkennen, doch ich kenne seinen Gang, die Art, wie er sich bewegt.
„Hey, da bist du ja“ Er nimmt seine Sonnenbrille ab und schaut mich an. „Was wird denn das? Was, wenn du erkannt wirst?“, frage ich ihn verwundert. „Was dann?“ Er drängt mich gegen die Wand, seine Stirn berührt beinahe meine und ich spüre seinen Atem auf meiner Haut. Widerwillig muss ich feststellen, dass sich die feinen Härchen in meinem Nacken aufstellen, während er einfach nur dasteht und mich mit seinen Blicken durchbohrt. Ich schlage den Blick nieder und murmle: „Bill, ich… was soll das?“ „Ist es nicht das, was du wolltest?“, raunt er in mein Ohr, bevor er seine Lippen auf meine presst. Für einen Moment stockt mein Atem, sein Duft umhüllt mich und ein Kribbeln macht sich in meinem Körper breit, doch bevor ich anfange, es ernsthaft zu genießen, stoße ich ihn von mir weg. Mein Herz rast, doch das werde ich vor ihm sicherlich nicht zugeben.
„Sag mal, spinnst du?“, herrsche ich ihn an, bemüht, meinen rasenden Puls wieder unter Kontrolle zu bekommen. „Wieso? Denkst du, ich bemerke deine Blicke nicht? Ich bin nicht blöd, Horizon“ „Nein, aber unglaublich überzeugt von dir“, zische ich wütend, dann drehe ich mich um und laufe weg, weg von Bill, weg von diesem Erlebnis eben. Ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen, was passiert hier mit mir? Ehe ich überhaupt realisiere, wo ich hingehe, stehe ich schon vor dem Club. Im Regen. Hier ist alles ruhig, verräterisch still. Ich fröstle, ob es wegen eben ist oder wegen der Kälte, weiß ich nicht. Es ist mit im Moment auch völlig egal. Mein Kopf ist voller Gedanken, wirre Wortfetzen, die mich beherrschen.
Du wolltest es doch – Warum war es dann so komisch? Warum war es nicht schön für mich? Wenn ich es einfach zugelassen hätte, wäre es vielleicht anders gekommen. Aber wieso küsst er mich einfach? was ist das für ihn? Ein Spiel? Wenn er doch so gut weiß, was in mir vorgeht, warum weiß er dann nicht, dass es für mich mehr ist als nur ein Spiel? Inzwischen kann ich den Regen nicht mehr von meinen Tränen unterscheiden, ich schluchze leise auf. Meine Gefühle überrollen mich einfach, ich weiß nicht was mit mir los ist. Jedes andere Mädchen hätte sich an meine Stelle gewünscht, und ich stehe weinend hier im Regen. Er ist so anders, als ich ihn mir vorgestellt habe. Warum ist er so egoistisch? Warum ist er für kurze Zeit nett zu mir, um mich im nächsten Moment wieder von sich zu stoßen oder mich zu ignorieren? Es tut weh.
„Ich hasse ihn“, schluchze ich in die Stille, während der kalte Regen unablässig auf meine Haut prasselt. Das alles ging so schnell, ich kann keinen klaren Gedanken fassen, ich weiß nur, dass ich hier weg will. Ich krame mein Handy aus der Tasche und rufe ein Taxi.


Kapitel 8

Warum nur? Die Frage, die ich mir immer wieder stelle. Warum hat er das gemacht? Er kann doch nicht so sein wie die anderen. Er darf ganz einfach nicht so sein. Wenn er das wirklich wäre, würde ich nicht derart von ihm angezogen fühlen. Oder?
Es ist seltsam. Ich kenne ihn noch nicht einmal, erwarte aber von ihm, dass er perfekt ist. Und dann küsst er mich und es verwirrt mich unglaublich, als ob wir uns schon ewig kennen würden und er plötzlich etwas Schreckliches, für mich Unerklärliches getan hätte. Aber das hat er gar nicht. Es ging vielleicht etwas schnell, aber im Grunde genommen hält er mich für ein Mädchen wie die anderen auch und vielleicht findet er mich einfach attraktiv. Was ist so falsch daran? Wieso hatte ich solche Angst? Was hätte schon passieren können? Das ist doch absurd.
Er ist so wunderschön, einfach er selbst. So viele hätten sich an meine Stelle gewünscht und ich habe ihn weggestoßen. Inzwischen bin ich mir nicht einmal mehr sicher, ob ich es wirklich nicht wollte oder ob ich bloß Angst hatte, weil ich nicht damit gerechnet habe. Mit einem leisen Seufzen wende ich mich wieder dem Fernseher zu. Ich sollte nicht so ein Drama daraus machen.

***

Ich höre, wie vorsichtig an der Tür geklopft wird. „Horizon?“ Das ist nicht Bill. Definitiv männlich, aber nicht er. „Ja?“ Die Tür wird langsam geöffnet und ich bin ziemlich überrascht, als ich sehe, dass Gustav den Kopf hereinsteckt. „Ähm… komm rein“ Ich schnappe schnell den Berg von Klamotten und Büchern, der auf meinem Bett liegt, und werfe ihn auf den Boden. Gustav setzt sich neben mich, er trägt einen ausgeleierten, aber gemütlich wirkenden Jogginganzug. „Du siehst unglücklich aus“, wirft er mir unverblümt hin. Denkt er, ich bin blöd? Als ob ich sein Spielchen nicht durchschauen würde. „Was hat er dir erzählt?“ Gustav seufzt, sieht mir in die Augen. „Nicht viel“ Er klingt ehrlich, auch wenn er wohl mehr auf Bills Seite steht. Gibt es hier überhaupt so etwas wie Seiten? Ich weiß es nicht. „Was heißt das?“, bohre ich weiter. „Er hat gesagt, dass… dass ihr einen Streit hattet“ Ich kann nicht anders, als verächtlich zu schnauben. „So kann man’s auch nennen“ Für einen Moment schaut er mich nur entgeistert an, dann scheint es in seinem Kopf zu klicken. „Oh nein“, stöhnt er und schlägt die Hände vors Gesicht. „Du… er… ihr habt…?“ „Nein!“, entgegne ich schon fast empört, was denken die eigentlich alle von mir? Dass ich mit einem Typen ins Bett gehe, nur weil er Bill Kaulitz heißt? Dazu müsste ich verdammt kaputt sein. Und das bin ich sicher nicht.
„Es ist nicht, weil ich dir das zutrauen würde, Horizon… ich denke, du bist ein nettes Mädchen. Es ist nur so, dass…“ Er stockt kurz, scheint mit sich zu ringen. „Weißt du, Bill und Tom haben sich heute Morgen gestritten und Tom hat gesagt…“ Gustav beißt sich auf die Unterlippe. Mittlerweile bin ich nur noch verwirrt, doch das scheint ihn nicht sonderlich zu interessieren. „Ich glaube, es ist besser, du redest selbst mit ihm“ Und damit steht er auf und verlässt das Zimmer.
Was wollte er damit sagen? Ein Streit? Was hat das mit mir zu tun? Mit uns? Ich habe ihm doch nichts getan. Was meint Gustav? Und was soll ich jetzt machen? Soll ich zu Bill gehen? Aber was soll ich sagen? Nachdem er mich geküsst hat? Warum muss das alles so kompliziert sein?
Ich bemerke gar nicht, dass Bill das Zimmer betritt, erst als er sich neben mich aufs Bett setzt, nehme ich ihn wahr. Ich will gerade etwas sagen, als er mir auch schon zuvorkommt.
„Ich… es tut mir leid, was heute passiert ist, ich wollte das doch nicht“ Er schaut mir in die Augen, sein Blick lässt mich wieder einmal beinahe dahin schmelzen, doch da ist auch noch ein anderes Gefühl. Es bohrt sich in meine Eingeweide wie ein riesiger, ekelhafter Wurm. „Warum… wolltest du es nicht? Bin ich dir nicht attraktiv genug?“ Wie muss man denn aussehen, um einem wie ihm zu gefallen? Lange, blonde Mähne und große Oberweite? Das ist so typisch. „Nein… das ist es nicht… ich bin einfach nicht so, verstehst du?“ Er beißt sich kurz auf die Unterlippe und sieht zu Boden, auf einmal wirkt er wie ein Häufchen Elend und ich hätte fast Mitleid bekommen, wäre ich nicht so durcheinander. „Warum hast du mich geküsst, Bill?“ „Ehrlich gesagt… ich weiß es nicht genau…“ Er streift mich flüchtig mit seinem Blick. „Tom und ich… wir haben uns gestritten und er hat gesagt…“ Er hält inne, betrachtet wieder seine Schuhspitzen. „Er hat gesagt, ich würde es nie schaffen, ein Mädchen… naja, du weißt schon“ Im ersten Augenblick bin ich einfach nur überrumpelt, weiß nicht was ich sagen soll. Das bleibt mir auch fürs Erste erspart, denn Bill scheint noch nicht fertig zu sein. „Und dann… ist mir irgendeine Sicherung durchgebrannt, es hatte nichts mit dir zu tun…“ „Okay…“, sage ich langsam, verstehe den Sinn meiner eigenen Worte jedoch nicht wirklich. Dazu bin ich einfach zu aufgelöst, das alles ist mir zu viel. Ich bin nur ein Objekt für ihn. Aber ich werde wohl die Zähne zusammenbeißen müssen, es geht hier schließlich nicht um mich. Es ging noch nie um mich.


Kapitel 9

Eine Weile lang sagt keiner etwas, dann schaut er mich plötzlich an und meint: „Hör zu, ich bin nicht so wie du denkst“ „Und wie bist du dann? Du hast mir eben gesagt, dass ich nichts weiter als ein Objekt für dich war“, entgegne ich so ruhig wie möglich. Jetzt nur nicht durchdrehen. Ich bemühe mich, meine zitternden Hände wieder unter Kontrolle zu bekommen, ich will nicht, dass er sieht, wie unsicher ich bin. „Oh Gott, nein! So meinte ich das doch nicht, das musst du mir glauben…“ Als ob er seine Worte verdeutlichen wollte, legt er seine Hand auf meine. Für einen Moment will ich mich wehren, doch dann frage ich nur leise: „Wie denn dann?“ „Ich wollte damit sagen, dass ich dir nicht zu nahe treten wollte… ich habe einfach nicht nachgedacht in dem Moment… darüber, dass du es vielleicht gar nicht willst und mich dir einfach aufgedrängt…dafür wollte ich mich entschuldigen, nicht weil ich es nicht gewollt habe“ Er drückt kurz meine Hand und sieht mir in die Augen, und wieder einmal muss ich aufpassen, nicht darin zu versinken.
Wenn es wirklich stimmt, was er sagt, dann habe ich ihn wirklich falsch eingeschätzt. Aber es ist das erste Mal, dass ich glücklich darüber bin, mich geirrt zu haben. Hoffentlich.
„Okay… mir tut es auch leid“ Vorsichtig entziehe ich mich seinem Griff und stehe auf. „Geh jetzt bitte… ich will ein bisschen allein sein“ „Okay“ Er drückt mich kurz an sich, dann verlässt er das Zimmer.
Während unserem Gespräch schien sich meine Laune ständig zu wandeln, anfangs war ich noch unsicher, dann wütend und schließlich einfach nur noch erleichtert. Wir haben die Sache geklärt und darüber bin ich mehr als froh. Vielleicht ist er ja wirklich so perfekt wie ich ihn mir immer vorgestellt habe.

***

2 WOCHEN SPÄTER

„Boah… ich platze“ „Ich auch… aber das Essen war super“ Bis eben waren wir in einem italienischen Restaurant, nur Bill und ich. Die anderen wollten in eine Bar, aber wir hatten keine Lust auf den Lärm und den Gestank, also haben wir beschlossen, gemütlich Essen zu gehen. Seit dem Vorfall in der Disco war er die ganze Zeit über überaus zuvorkommend, sogar schon fast zu freundlich, so dass es mir manchmal vorkam, als ob er sich nur einschmeicheln wollte, doch es scheint ihm wirklich Leid zu tun.
„Hey, schau mal!“ „Was?“ „Der Spielplatz da drüben!“ Bill schnappt meine Hand und zieht mich mit sich in die kleine perfekte Kinderwelt aus Sand und Klettergerüst. Hier ist alles so unkompliziert und ruhig, denn es ist niemand mehr da, die kleinen Kinder schlafen längst und die Erwachsenen interessieren sich nicht für Orte wie diesen.
Bill setzt sich auf eine der Schaukeln und bevor ich weiß, wie mir geschieht, schlingt er auch schon einen Arm um mich und zieht mich auf seinen Schoß. „So“, grinst er, als er meinen verdutzten Gesichtsausdruck sieht. Augenblicklich verspanne ich mich, seine direkte Nähe macht mich noch immer unsicher. „Spielplätze sind doch was Tolles“, murmelt er, ob er mit mir redet oder mit sich selbst, ist mir nicht ganz klar. „Hm…“, mache ich deshalb nur. „Findest du nicht? Ich meine, hier kann man einfach… Kind sein“ „Wie… kindisch“, grinse ich. Er lächelt auch, doch dann wird er plötzlich ernst und sagt leise: „Ja… aber manchmal muss das sein, verstehst du? Manchmal wächst mir einfach alles über den Kopf, ich muss immer so erwachsen sein… und das ist verdammt schwer“ Für einen Moment glaube ich, ein feuchtes Schimmern in seinen Augen zu sehen, doch dann blinzelt er und sieht wieder aus wie zuvor. Nur der Ausdruck seiner Augen hat sich verändert, in das freundliche Braun hat sich etwas Trauriges gemischt.
In diesem Augenblick wird irgendein Schalter in meinem Inneren umgelegt und ich kann einfach nicht anders, als meine Arme um ihn zu schlingen und ihn an mich zu drücken. Eine Weile lang lausche ich seinem Atem, dann höre ich, wie er leise schluchzt. Er weint. Vor mir. Er muss wirklich komplett verzweifelt sein. Ich hasse solche Situationen. Er tut mir so leid, aber ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich streichle zaghaft über seinen Rücken, ich kann es nicht ertragen, dass er unglücklich ist, aber ich will auch nicht aufdringlich sein. Er schnieft und nuschelt leise „Tut mir leid… ich wollte dir nicht das Ohr vollheulen“ Er löst sich von mir, wischt sich über die Augen und dreht den Kopf weg. Ich hätte ihm jetzt gerne gesagt, dass er sich nicht vor mir zu schämen braucht, doch ich will es ihm nicht noch schwerer machen. Also stehe ich auf, halte ihm meine Hand hin und sage leise „Gehen wir“ Er steht auf und folgt mir durch die Nacht.


Kapitel 10

„Horizon? Bist du schon wach?“ „Komm rein, ich hab nicht abgeschlossen!“, rufe ich in Richtung Tür, während ich meine Haare zusammenbinde. Als ich ins Hauptzimmer meines kleinen Reichs komme, wartet Bill schon auf mich. „Morgen“, begrüße ich ihn freundlich, er sieht irgendwie bedrückt aus. „Hey“ Er setzt sich aufs Bett, ich lasse mich neben ihn fallen.
„Was ist los?“ „Ach nichts… es ist nur wegen gestern… du erzählst es doch niemandem, oder?“ Er schaut mich erwartungsvoll an, ich bringe jedoch nur ein müdes Lächeln zustande. „Denkst du, du kannst mir nicht vertrauen?“ „Doch, ich hatte nur… Angst“ „Ich weiß“ Leise seufze ich auf. „Na los, gehen wir runter zu den anderen, ich brauch jetzt erstmal ein ordentliches Frühstück“ Ein solcher Satz klingt in dieser Situation zwar verdammt banal, aber es ist immer noch besser, als nichts zu sagen, und so machen wir uns gemeinsam auf den Weg nach unten.

***

Komm und hilf mir fliegen
Leih mir deine Flügel
Ich tausch sie gegen die Welt
Gegen alles was mich hält
Ich tausch sie heute Nacht


Ich singe leise mit, während ich den vier Jungs bei der Show zusehe. Noch ein Lied, das ich liebe. Ich weiß nicht, für oder über wen Bill es geschrieben hat, aber es ist wunderschön. In den letzten Wochen ging alles so schnell, dort draußen sind Tausende von Mädchen, die alles dafür geben würden, um auch nur 5 Minuten mit Tokio Hotel verbringen zu dürfen und ich wurde einfach so mit auf Tour genommen. Es ist mir noch immer schleierhaft, warum gerade ich dieses Privileg habe. Doch auch meine Tage mit den Jungs sind gezählt, denn bald ist die Tour zu Ende und was dann passiert, ist eigentlich klar. Ein Leben ohne Gustav, Georg, Tom und vor allem ohne Bill scheint unvorstellbar, aber was soll anderes sein? Es gibt für mich nur diese eine Möglichkeit, egal ob ich will oder nicht. Und genau das wird so langsam zu meinem Problem, denn seit dem Anfang habe ich nicht viel anderes getan, als ihn zu beobachten, ein Zaungast zu sein. Das wollte ich zwar immer so, aber jetzt will ich ihn um nichts in der Welt hergeben und falls ich nicht irgendetwas unternehme, um ihn an mich zu binden und ihm das Gefühl zu geben, dass ich wichtig für ihn bin, wird mir die mangelnde Zeit zum Verhängnis werden.

***

„Und, was macht ihr heute Abend noch?“ „Hm… ich glaub, ich geh heute mal früh schlafen“, nuschelt Tom schon leicht verpennt und auch Georg und Gustav sehen aus, als würden sie heute nicht mehr alt werden. Der einzige, der noch topfit scheint, ist Bill. Nach Auftritten ist er meist noch aufgedrehter als sonst, was aber eigentlich ganz lustig ist, denn ich bin abends auch nie müde. Jetzt schaut er mich abwartend an und als ich nicht sofort antworte, hakt er sofort nach: „Und du? Müde?“ „Nein“, entgegne ich, den Mund einmal mehr zu einem künstlichen Lächeln verzogen. „Kommst du noch mit zu mir?“ Sein Tonfall wirkt überraschend kindlich, sein Augenaufschlag mal wieder unwiderstehlich und ich fühle mich dazu gezwungen, zu nicken und mich von ihm mitziehen zu lassen.


Kapitel 11

„Und was machen wir jetzt?“ „Weiß nicht“ Bill lässt sich aufs Bett fallen, ich folge ihm und eine Weile lang schweigen wir uns an, bis ich schließlich die Stille nicht mehr ertrage. „Sollen wir nen Film schauen oder so?“ „Nee.. keine Lust“, nölt Bill und wirft mir einen Blick zu, den ich beim besten Willen nicht deuten kann. Ich will gerade zu einem neuen Vorschlag ansetzen, als er mir völlig unerwartet ins Wort fällt. „Weißt du was?“ „Hm?“ „Du könntest mir mal was über dich erzählen“ Ich schaue ihn etwas verwundert an, was will er hören? „Und was genau?“ Er lacht kurz auf „Woher soll ich das wissen?“ Er grinst und ich muss zugeben, dass er wieder einmal unglaublich gut aussieht, wie er da so liegt und zu mir aufschaut. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, aber ich lege mich einfach neben ihn und starre an die Decke. „Hm… über mich gibt’s nicht viel zu erzählen“ „Kann nicht sein“ Ich muss den Kopf nicht drehen, um zu wissen, dass er mich anschaut. So etwas spüre ich, vor allem bei ihm. Während der Tour habe ich ihn noch besser kennen gelernt, genau genommen kannte ich ihn davor überhaupt nicht, doch irgendwie kam es mir immer so vor. Und die Tatsache, dass ich jetzt weiß, wie er ungeschminkt aussieht und ihn schon einmal weinen sehen habe, ändert nichts an meiner Einstellung zu ihm. Er ist immer noch das schönste und wertvollste Wesen das ich kenne, und ich könnte ihm niemals wehtun, weder seelisch noch körperlich. Aber trotz allem ist er ein Rätsel für mich, ich verstehe ihn einfach nicht. Vor allem kann ich nicht verstehen, warum er sich überhaupt für mich interessiert. Wer bin ich schon für ihn? Ich bin doch nur einer von vielen Fans. Er kann nicht wissen, dass ich irgendwie anders bin. Aber ist es nicht das, was ich will? Dass er weiß, dass ich nicht wie alle anderen bin? Ich will nicht, dass er mich gehen lässt.
„Soll ich dir was sagen?“ Ich spüre erneut seinen Blick, ignoriere es jedoch gekonnt. „Erzähl“, fordert er mich leise auf. „Ich… ich bin nicht wie die anderen“ Kaum habe ich diese Worte ausgesprochen, weiß ich auch schon, wie bescheuert sie in seinen Ohren klingen müssen. „Ich weiß“ Wie bitte? Damit hätte ich jetzt absolut nicht gerechnet. Was genau weiß er denn? „Du weißt was?“ „Naja… weißt du, ich hab schon am Anfang gemerkt dass du anders bist als die meisten Menschen“ „Inwiefern?“ „Ich weiß nicht…“ Er wirkt auf einmal nachdenklich, scheint zu überlegen bevor er fortfährt: „Du zeigst kaum Gefühle, noch nicht einmal versehentlich… das ist mir einfach aufgefallen“ „Naja…“ Ich lächle bitter. „Das mag daran liegen, dass ich keine Gefühle habe, verstehst du?“ Er richtet sich auf und stützt seinen Kopf auf seiner Hand ab, um mich stirnrunzelnd anzusehen. „Ehrlich gesagt… nicht wirklich“ „Naja… ich…“ Instinktiv wende ich meinen Blick von ihm ab, ehe ich sage: „Ich glaube nicht, dass ich jemals etwas wie Liebe fühlen kann… auch andere Dinge wie Freude oder ein ehrliches Lachen… all das gibt es bei mir nicht“ Für einen Moment glaube ich, den Anflug eines Lächelns in seinen Zügen zu erkennen, doch dann ist es wieder verschwunden und er schüttelt leicht den Kopf und meint: „Das glaube ich nicht… ich denke, du musst dich nur für diese Gefühle öffnen“ „Und wie?“ „Das musst du schon selbst herausfinden, das kann ich dir nicht sagen…“ Irgendwie stellt mich diese Antwort überhaupt nicht zufrieden, aber ich muss sie wohl hinnehmen. Immerhin glaubt er, dass ich Gefühle haben kann, und das verspricht mehr, als ich erwartet habe. Ich habe mit Unverständnis oder sogar Spott gerechnet, hätte nie gedacht, dass er mich ernst nehmen würde. Ich bin ihm schon dankbar dafür, dass er sich nicht über mich lustig macht. Und vielleicht hat er ja sogar Recht und es gibt einen Weg, all das hinter mir zu lassen.
„Darf ich dir mal was zeigen?“, drängt sich seine Stimme in meine Gedanken. Etwas überrascht nicke ich, habe keine Ahnung, was er meint. Mir bleibt jedoch nicht viel Zeit, um darüber nachzudenken, denn im nächsten Moment hat er sich über mich gebeugt und beginnt erneut zu reden. „Du hast gesagt, du fühlst nichts… hast du dann auch kein Gefühl, wenn ich dich berühre?“ Er streckt seine Hand aus und streichelt vorsichtig über meine Wange. Für den Bruchteil einer Sekunde erschrecke ich, dann durchläuft ein warmes Gefühl meinen Körper. Was bedeutet das? Es fühlt sich gut an und doch verboten. Ich will mehr davon und gleichzeitig weiß ich, dass es mich abhängig macht. Leicht verwirrt beeile ich mich, zu sagen: „Ich… fühle nichts“ „Schließ die Augen“ Ich tue was er sagt und mit geschlossenen Augen scheint dieses Gefühl, das seine unablässigen und sanften Berührungen verursachen, noch intensiver. Ohne die Augen zu öffnen spüre ich, dass er näher kommt, ich kann schon seinen Atem auf meiner Haut fühlen, doch dann scheint sich der Schalter in meinem Kopf endlich umzulegen und ich sage schnell: „Immernoch nicht“ und öffne die Augen, woraufhin er sich beinahe fluchtartig zurückzieht. „Wirklich nicht?“ Kurz scheint er beinahe enttäuscht, dann verschwindet dieser Ausdruck wieder aus seinem Gesicht und er sieht wieder aus wie vor ein paar Minuten. „Vielleicht… musst du dich einfach verlieben“ „Wie denn, wenn ich noch nicht einmal weiß, wie sich Liebe anfühlt?“ Er mustert mich nachdenklich und meint dann: „Sowas kommt einfach, weißt du… du kannst es nicht kontrollieren… auch wenn du es gerne tun würdest“


Kapitel 12

Ich starre auf den nagelneuen Bildschirm des Fernsehers auf meinem Hotelzimmer, bekomme allerdings nicht viel mit. Ständig schweifen meine Gedanken ab, meistens zu Bill und dem Vorfall gestern Abend, es macht mich verrückt, nicht zu wissen, ob es richtig war, was ich getan habe. Hätte ich ihn einfach machen lassen sollen? Was wäre dann passiert? Ich wäre noch süchtiger nach seinen Berührungen geworden als ich es sowieso schon bin, aber ist das denn wirklich so falsch? Er hat selbst gesagt, ich soll mich für Gefühle öffnen. Bedeutet das dann auch, dass ich mich gegen kein Gefühl wehren darf, selbst wenn es falsch scheint? So langsam weiß ich wirklich gar nichts mehr.

Mit einem letzten Aufseufzen stehe ich auf und gehe nach unten zum Speisesaal, wo Tom, Georg und Gustav schon auf mich warten. Von Bill keine Spur. „Guten Morgen“, kommt es mir gutgelaunt entgegen und ich lasse mich leicht überrascht auf einen der freien Stühle fallen. „Na, hast du gut geschlafen?“, fragt Tom, sein vielsagender Unterton entgeht mir nicht. „Normal, würde ich sagen“, entgegne ich kühl. „Soso… Bill hat uns da aber was anderes erzählt“ Inzwischen versucht er nicht einmal mehr, sein triumphierendes Grinsen zu verbergen und ich fühle mich, als hätte mir jemand einen Schlag in die Magengrube verpasst. Was will er damit sagen? Was hat Bill ihnen erzählt? Ich ahne Schlimmes und in diesem Moment bin ich viel zu geschockt, um Gustavs Augenrollen oder Georgs warnenden Blick zu bemerken, stattdessen springe ich ruckartig auf und gehe entschlossenen Schrittes zum nächsten Fahrstuhl.

***

Wie kann er nur? Heuchelt Interesse, ist netter zu mir als es jemals jemand gewesen ist und dann sowas. Was hat er ihnen erzählt? Dass wir miteinander geschlafen haben? Warum? Nur Angeberei? Oder noch schlimmer - hat er ihnen die Wahrheit erzählt? Hat er ihnen erzählt, was ich ihm anvertraut habe? Oder wie er mich berührt hat? Vielleicht hat er ja bemerkt, dass ich ihn angelogen habe.
Ich kann es einfach nicht fassen, dass er so mein Vertrauen missbraucht. Wutschnaubend stoße ich die Tür zu seinem Zimmer auf, das er glücklicherweise nicht abgeschlossen hat.
Ich will gerade ansetzen, als ich sehe, dass er noch friedlich schlafend im Bett liegt. Er sieht so verdammt unschuldig aus, dass ich versucht bin, einfach wieder zu gehen und ihn in Ruhe zu lassen, doch dann reiße ich mich zusammen und gehe zum Bett. Mit einem Ruck ziehe ich ihm die Bettdecke weg und noch ehe er die Augen öffnet, fauche ich: „Was soll der Mist?“ Er öffnet die Augen und blinzelt ein paar Mal schläfrig und murmelt dann mit brüchiger Stimme: „Was ist los?“ „Was los ist? Das will ich von dir wissen!“ „Hä?“ Er richtet sich auf, räuspert sich und sieht mich stirnrunzelnd an. „Was hast du?“ Er streckt seine Hand nach mir aus, ich schlage sie jedoch sofort weg und funkle ihn weiterhin zornig an. „Was hast du ihnen erzählt?“ „Wem?“ Er wirkt von Sekunde zu Sekunde irritierter, doch das stört mich nicht im Geringsten. „Tom, Gustav, Georg! Keine Ahnung, wem sonst noch!“ „Ich weiß nicht, wovon du redest“ sagt er ruhig und fixiert mich mit seinem Blick. „Du bist so ein Idiot“, schnaube ich und gehe zur Tür. „Und du, mein Fräulein… du bist eine Zicke“, zischt er gefährlich leise, bevor ich das Zimmer verlasse und die Tür hinter mir zuwerfe.


Kapitel 13

Verdammt, und jetzt? Das wollte ich doch gar nicht. Aber ich weiß genau, dass ich selbst schuld bin. Ich war schließlich diejenige, die ihn einfach so verurteilt hat, was habe ich erwartet? Dass er es einfach hinnimmt und sich entschuldigt für etwas, das er vielleicht nicht einmal getan hat? Ich habe mir doch sogar gewünscht, dass er es abstreitet. Letztendlich hat er das ja auch getan, und tief in meinem Inneren habe ich ihm geglaubt. Wieso musste ich vorgeben, ihm nicht zu vertrauen? Es war doch klar, dass er darauf verletzt reagieren würde. Was soll ich jetzt nur machen? Ich habe meine Chance verspielt.

Den Rest des Vormittags verbringe ich damit, grübelnd auf meinem Bett zu liegen, selbst meine neue Lieblingsserie im Fernsehen kann mich nicht von der Realität ablenken. Wo er jetzt wohl ist? Macht es ihm genauso zu schaffen wie mir? Oder ist es unwichtig? Ich will ihn nicht verlieren, auch wenn nie etwas Großes zwischen uns war, für mich ist es das.
Es ist längst Zeit zum Mittagessen, aber ich habe ganz einfach nicht den Mut, mich in die Höhle des Löwen zu begeben, denn ich will nicht unter die Augen von Tom und den anderen treten, von Bill ganz zu schweigen. Ich schäme mich so. Aber alleine wird dieses Luxushotel mich verschlingen, und früher oder später bleibt mir sowieso nichts anderes übrig, als die Sache zu klären. Und es ist besser, wenn ich es sofort mache, ansonsten wird meine Unsicherheit nur noch größer. Leicht zögerlich stemme ich mich vom Bett hoch und mache mich auf den Weg nach unten. Als ich den Speisesaal betrete, spüre ich sofort, wie sich drei ganz bestimmte Augenpaare auf mich richten. Meine Hände zittern verdächtig, doch ich gehe betont lässig auf den Tisch zu, an dem Gustav, Georg und Tom sitzen und wieder einmal aussehen, als würden sie ein Wettessen veranstalten.
„Horizon!“, nuschelt Tom mit vollem Mund und fuchtelt wild in der Luft herum. „Setz dich“, lächelt Gustav mir aufmunternd zu. Kaum habe ich mich gesetzt, beginnt Tom zu reden. „Tut mir leid, man“ Was meint er? Was genau tut ihm leid? Ich sehe ihn nur abwartend an, ahne Schlimmes. „Wirklich… ich wusste nicht, dass du es glauben würdest, ich wollte dich nur ärgern“ Auf einmal wirkt er verdammt zerknirscht und mein Verdacht bestätigt sich nun endgültig. Gelogen. Alles nur gelogen. „Heißt das, Bill hat euch gar nichts erzählt?“ Ich kann ein erleichtertes Seufzen nicht unterdrücken, andererseits spüre ich, wie ich innerlich zu kochen beginne. Was meint dieser Kerl eigentlich? Er kann sich doch nicht alles erlauben, nur weil er ein Star ist. Eigentlich hätte ich jetzt auf ihn losgehen können oder etwas in der Art, aber ich weiß, dass das zwecklos ist, also zwinge ich mich dazu, ruhig zu atmen und nachzudenken. Wie soll ich das wieder gutmachen? Ich habe ihm nicht vertraut, obwohl ich genau weiß, dass er es andersrum bedingungslos tut. Und außerdem habe ich die ganze Zeit gewusst, wie unheimlich sensibel er ist. Allmählich weiß ich wirklich nicht mehr, was ich mir vorhin gedacht habe, denn schließlich hätte ich wissen können, dass Tom mich nur auf den Arm nehmen will. Habe ich durch meine eigene Dummheit alles zerstört? Das wollte ich doch nicht. Ich mache mir solche Vorwürfe.
„Horizon?“, dringt Gustavs Stimme von weit her in mein Ohr. Ich blicke auf. „Ich glaube, Bill ist ziemlich fertig wegen der ganzen Sache… vielleicht ist es besser, wenn du mit ihm redest. Er weiß, was passiert ist, es ist nur… ach ich weiß nicht, geh einfach zu ihm und klär das“ Passiert. Nette Umschreibung, wirklich. Ich will noch etwas sagen, entscheide mich allerdings dazu, es lieber zu lassen, und erhebe mich.

***

„Bill?“ Ich klopfe an seine Tür, einfach hineinzugehen wäre unhöflich gewesen, vor allem in meiner Situation. Keine Reaktion von der anderen Seite. Ich klopfe nochmal, diesmal fester. Noch immer nichts. Na schön, dann eben anders. „Bill? Ich komm jetzt rein, ich muss mit dir reden!“, rufe ich, ehe ich die Klinke herunterdrücke und das Zimmer betrete. Bill sitzt auf dem Bett, auf seinem Kopf sitzt ein überdimensionaler Kopfhörer und vor ihm liegt ein ganzer Haufen CDs verstreut. Ich kann nicht genau erkennen, wo er hinschaut, aber er scheint mich nicht zu bemerken. Erst als ich direkt vor dem Bett stehe, hebt er den Blick und nimmt den Kopfhörer ab. „Was ist?“ Die Ungeduld in seiner Stimme ist nicht zu überhören, aber ich lasse mich davon nicht irritieren und setze mich neben ihn, bevor ich anfange zu reden. „Also, was ich dir sagen wollte… es tut mir leid“ Ich beiße mir auf die Unterlippe, habe förmlich Angst vor seiner Antwort. „Meinst du das auch wirklich ernst?“ Er streift mich mit seinem Blick, um kurz darauf wieder zu Boden zu schauen. „Ja“ Eine Weile lang schweigen wir uns an, wissen nicht, was wir sagen sollen, wissen nicht, wie wir das, was wir fühlen, in Worte fassen sollen, aber schließlich halte ich es nicht mehr aus und durchbreche die Stille. „Bill? Schau mich mal an“ „Hm...?“, brummt er und schaut mich mit diesen wundervollen braunen Augen an, so dass ich am liebsten sofort aufhören würde zu reden und ihn einfach nur noch anstarren will. Doch das hier ist nicht der richtige Moment dafür, also nehme ich mich zusammen und sage: „Ich hab das ernst gemeint eben… ich hätte dir vertrauen sollen, weil du es auch tust… ich weiß nicht wieso ich so durchgedreht bin, es war einfach… zu viel“ Das erste Mal heute glaube ich, den Anflug eines Lächelns um seine Mundwinkel spielen zu sehen, und dann sagt er etwas, dass ich in der Situation wirklich überhaupt nicht erwartet hätte. „Ich weiß“ Und plötzlich fängt er an zu grinsen, nimmt meine Hand und zieht mich zu sich, ich rieche seinen Duft, als er mich in den Arm nimmt und seine Nase an meinem Hals vergräbt. „Schön, dich zurückzuhaben“

Kapitel 14

„Was dachtest du eigentlich, was ich ihnen erzählt habe?“, fragt Bill, während er gedankenverloren über meinen Arm streicht. Wir sitzen gemeinsam auf seinem Bett, den Rücken gegen das Kopfende gelehnt und er hat seinen Arm um meine Schultern gelegt. „Hm…“ Ich weiß nicht, was ich sagen soll, und vor allem nicht wie. „Ich hatte Angst, dass du ihnen erzählst, was ich dir gesagt habe… oder dass du etwas gemerkt hast“ Die letzten Worte kommen nur noch leise über meine Lippen, seinem Blick nach zu urteilen hat er es aber trotzdem gehört. „Wie meinst du das? Was soll ich gemerkt haben?“, fragt er ruhig, in seinem Blick liegt jedoch etwas beinahe Gehetztes, das mich irgendwie irritiert und innerlich noch mehr aufwühlt.
„Naja, weißt du… ich hab dich angelogen, als ich gesagt habe, dass ich nichts spüre“ Beschämt senke ich den Blick, fühle, wie meine Wangen zu glühen beginnen. Was denkt er jetzt von mir? „Wieso… was hast du gefühlt?“ Er schenkt mir ein unsicheres Lächeln. „Ich… ich weiß es nicht genau… aber es war irgendwie… schön“ Ich streife ihn kurz mit meinem Blick, will wieder wegschauen, aber irgendetwas in seinen Augen fesselt mich und ich bin gefangen zwischen Verlegenheit und Neugier. Meine Kehle scheint auf einmal wie ausgetrocknet und ich warte darauf, dass er etwas sagt, doch es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis er endlich antwortet. „Aber das… das ist doch nur menschlich, du darfst solche Gefühle haben, Horizon… warum willst du es dir selbst verbieten?“
Ich spüre seinen Blick, sehe förmlich vor mir, wie er schluckt und auf meine Antwort wartet. „Ich weiß es nicht“ Jetzt endlich kann ich ihm wieder in die Augen schauen, er blinzelt kurz und für einen Moment scheint die Luft zwischen uns förmlich zu knistern, doch dann schaut er an mir vorbei und legt seinen anderen Arm ebenfalls um meine Schulter, um mich an sich zu ziehen und mich einige Sekunden lang einfach nur festzuhalten. Und zum ersten Mal fühle ich mich vollkommen wohl in seinen Armen.
Nach einer Weile lösen wir uns wieder voneinander und er meint: „Was ich dich eigentlich noch fragen wollte… du weißt ja, dass die Tour in einer Woche zu Ende ist und ich wollte dich fragen, ob du vielleicht mitkommen willst zu Tom und mir?“ Er beißt sich auf die Unterlippe, scheint einen Moment zu zögern, ehe er fortfährt: „Ich meine, du musst nicht, wenn du nicht willst, aber ein richtiges Zuhause hast du ja auch nicht, oder? Und ohne dich langweile ich mich doch nur in den 6 Wochen Pause, die wir haben…“ „Wirklich?“ Insgeheim habe ich es zwar gehofft, aber jetzt überrumpelt mich sein Angebot völlig und ich kann es nicht fassen, dass er mich anscheinend wirklich vermissen würde. Dass ihm etwas daran liegt, mit mir zusammen zu sein. War es nicht das, was ich mir immer gewünscht habe? „Ja, wirklich“, lächelt er und spielt mit einer Haarsträhne, die mir ins Gesicht fällt. „Dann komme ich gerne mit“ erwidere ich drücke ihn kurz an mich.

***

„Habt ihr eure Sachen?“ „Jaha…“, antwortet Bill gedehnt und setzt seine Sonnenbrille auf. „Alles klar bei dir?“, fragt er in meine Richtung. „Was? Ähm… ja, ich war nur in Gedanken“ Morgen ist das letzte Konzert, die vier Jungs und ich stehen in der Eingangshalle eines der vielen Nobelhotels und sind bereit zur Abreise nach Paris, wo das Konzert stattfindet. Irgendwie freue ich mich auf die Zeit nach der Tour, Bill und Tom haben mir schon so viel von ihren Freunden und ihrer Familie erzählt, dass ich es kaum mehr erwarten kann, zu den beiden nach Hause zu gehen. Aber andererseits finde ich es auch furchtbar schade, dass die Tour nun zu Ende geht, denn auch wenn es nur ein paar Wochen waren, ich glaube sie haben mein Leben grundlegend verändert. Vor allem Bill… es ist nicht so, dass die anderen mir nicht auf ihre Art sympathisch sind, aber mein Gefühl, das mich zu Bill hingeführt hat, scheint mich zum Richtigen gebracht zu haben. Was für Gedanken. Ich schüttle kurz den Kopf und folge dann den anderen zum Tourbus.


Kapitel 15

Du wirst für mich immer heilig sein
Ich sterb’ für unsere Unsterblichkeit


Wenn ich diese Songzeilen höre, muss ich jedes Mal an ihn denken. Eigentlich muss ich das bei jedem Song, aber bei diesem ist es extrem. Irgendwie drückt er genau meine Gedanken und Gefühle aus, alles, was zwischen Bill und mir zu sein scheint. Manchmal macht es mir Angst, aber trotzdem will ich nicht mehr ohne seine Nähe leben, nie wieder ohne das Gefühl, ihn zu kennen und von ihm gekannt zu werden.
Ich mustere ihn, sehe zu, wie er auf der Bühne auf und ab läuft, singt, die Fans anstrahlt, einfach in seinem Element ist. Das alles kommt mir so unwirklich vor, wie er lacht, wie er redet als würde er nie etwas anderes tun, singt, als ob es für ihn nichts anderes geben würde. Hinter der Bühne ist er so anders, natürlich ist ihm die Musik wichtig, aber dort auf der Bühne ist er laut, der unangefochtene Anführer, während er hinter der Bühne eher nachdenklich ist, zuweilen sogar richtig still. Vermutlich ist es genau das, was mich an ihm anzieht. Dieses Stille, Geheimnisvolle, das doch nie langweilig wird. Zufrieden lehne ich mich zurück, um mir den Rest der Show anzusehen. Nach etwa einer halben Stunde beginnen die Jungs, das letzte Lied anzustimmen, und ich lehne noch immer an der Wand und sehe zu, unendlich viele Gedanken schwirren in meinem Kopf umher, Gedanken darüber, dass es nun zu Ende ist, und Gedanken darüber, was nun kommen mag. Das ist wie an Silvester, wenn man die Minuten zählt, bis das alte Jahr endet und das neue beginnt, krampfhaft darauf hoffend, dass das nächste Jahr nicht schlechter oder sogar besser wird als das davor.
Gedankenverloren starre ich die ganze Zeit zu ihm. Registriere nichts, sehe nur noch seinen Körper, den er im Takt der Musik bewegt. Doch plötzlich und zweifellos absichtlich dreht er sich um. Für die Fans mag es aussehen als drehe er sich zu Gustav, doch seine Augen verfangen sich in meinem starrenden Blick.

Ich find mich nicht auch wenn ich such'
Denn nach dir kommt nichts


Für den Bruchteil einer Sekunde scheint alles stillzustehen, ich sehe nur noch seine Augen. Sind die Scheinwerfer daran schuld, oder schimmern sie tatsächlich feucht? Ich schließe für einen Moment die Augen, will mich vergewissern, nicht zu träumen, doch als ich sie wieder öffne, hat Bill seinen Blick abgewandt. Habe ich jetzt schon Halluzinationen? Entschlossen schüttle ich den Kopf. Doch innerlich weiß ich, dass es keine Einbildung war, und mir ist auch klar, dass ich nicht mit ihm darüber reden werde, nicht über diesen Augenblick. Dieser Moment eben ist und bleibt unser stilles Geheimnis.

***

„Hey!“ Er kommt übers ganze Gesicht strahlend auf mich zu, drückt mich an sich und meint: „Wir haben’s geschafft! Das war’s!“ Ich glaube, ein bisschen Enttäuschung in seiner Stimme mitschwingen zu hören, aber ich weiß auch, dass das ganz normal ist, also erwidere ich seine Umarmung, dann umarme ich auch Tom, Gustav und Georg kurz. „Wer hat Lust auf eine kleine Abschlussparty bei mir?“, fragt Tom in die Runde, woraufhin von uns allen ein zustimmendes Murmeln folgt und wir uns keine fünf Minuten später auf dem Weg zu Toms Zimmer befinden.

***

„Gott, bin ich müde“, gähnt Bill. „Ich glaub, ich geh dann mal…“ Er steht auf, hebt kurz die Hand und murmelt: „Nacht…“, dann verschwindet er. Wie auf Kommando stehen auch Georg und Gustav auf. „Wir gehen dann auch“, meint Gustav etwas unbeholfen und schon sind er und Georg an der Tür, winken Tom und mir noch einmal zu und weg sind sie.
Ich will mich gerade ebenfalls erheben, als Tom mich zurückhält. „Bleib doch noch kurz… ich wollte dir noch was sagen“ Meine Müdigkeit wird schlagartig zu Neugier, gemischt mit etwas Verwirrung und Misstrauen. „Was denn?“ „Naja, also wegen Bill…“ Er hält kurz inne, scheint überprüfen zu wollen, ob er meine volle Aufmerksamkeit hat. „Was ist mit ihm?“ „Er scheint dich wirklich gern zu haben, Horizon… tu ihm nicht weh“ Ich stutze, bin erstaunt über seine Worte, und gleichzeitig finde ich es unheimlich schön, dass er sich so um seinen Bruder sorgt. Das ist dann wohl auch eine Form der Liebe. „Das könnte ich gar nicht“, sage ich leise, ehe ich ihn kurz an mich drücke und dann aufstehe, um in mein Zimmer zurückzugehen.
Was Tom wirklich gesagt hat, registriere ich erst später, als ich alleine in meinem Bett liege und meine Gedanken wieder einmal keinem anderen gehören als Bill.


Kapitel 16

Nervös nestle ich an meiner Jacke herum, überprüfe noch ein letztes Mal, ob alles sitzt. Gleich werden wir bei Tom und Bill ankommen und ich habe keine Ahnung, wie ich ihrer Mutter und ihrem Stiefvater gegenübertreten soll. Wie werden die beiden sein? Freundlich, die typischen Eltern? Oder etwa ganz anders? Ist es wirklich in Ordnung, dass ich bei ihnen wohne, wenn sie endlich ihre Söhne wiedersehen? Mache ich ihnen nicht die gemeinsame Zeit kaputt? Bill hat mir mehrmals versichert, dass es okay ist, doch ich bin mir da nach wie vor nicht sicher.
„Hey, komm schon… sie werden dich mögen!“, lächelt Bill und klingelt an der Tür, ich stehe ein Stück hinter ihm und Tom. Es dauert keine zehn Sekunden, dann geht auch schon die Tür auf und Bill und Tom fallen ihrer Mutter um den Hals. „Mum, hey!“, freut sich Tom und ich bin verblüfft, dass er seine sogenannte weiche Seite einfach zeigt, ich hätte damit gerechnet, dass er das nur tut, wenn er ganz alleine mit jemandem ist. Noch während sich die drei in den Armen liegen, taucht hinter ihnen ein Mann auf, der der Stiefvater von Bill und Tom sein muss. Er wirkt für einen Augenblick leicht verblüfft, dann drückt er sich einfach vorbei an dem Trio und hält mir seine Hand hin. „Hallo, du musst Horizon sein! Ich bin Gordon“ „Hallo“ Ich drücke kurz seine Hand, ehe er sich wieder abwendet, um die beiden Jungs nun ebenfalls in die Arme zu schließen. Diese Umarmung fällt jedoch um einiges kürzer und weniger rührselig aus, denn es ist schließlich eine Umarmung unter Männern. Die Mutter der Jungs kommt nun ebenfalls auf mich zu, sie belässt es jedoch nicht beim förmlichen Händedruck, sondern umarmt mich gleich überschwänglich und meint dann lächelnd: „Ich bin Simone!“ Ich habe kaum Zeit, mich zu wundern, denn sie schiebt mich schon fast ins Haus, die anderen folgen uns.

***

„So, setzt euch!“, fordert Simone uns auf und ich weiß zuerst nicht, wo ich mich jetzt hinsetzen soll, damit ich am wenigsten im Weg bin. Aber Bill nimmt mir die Entscheidung ab, indem er einfach meine Hand nimmt und mich neben sich aufs Sofa zieht, Tom setzt sich auf die andere Seite und Gordon und Simone lassen sich auf der kleineren Couch nieder. Irgendwie fühle ich mich so noch unbehaglicher, ganz als würde ich den Eltern etwas wegnehmen, während ich hier sitze und Bills Hand halte.
„Also Jungs… wie war die Tour?“, will Gordon wissen. „Erzählt mal was!“ Auf diese Aufforderung scheinen die beiden nahezu gewartet zu haben, denn sofort schnattern sie wild drauf los und Simone grinst mich nur vielsagend an. Ich lächle gezwungen zurück und bemühe mich dann, Tom und Bill anzusehen, die im Wechsel von den Ereignissen der Tour berichten. Natürlich haben sie auch oft mit ihren Eltern telefoniert, aber alles konnten sie eben nicht erzählen und das muss nun eben nachgeholt werden, was ich auch sehr gut verstehen kann. Im Moment bin ich sowieso froh, nicht allzu viel sagen zu müssen, es scheint einfach so unwirklich, dass ich jetzt hier sitze und ich komme mir immernoch vor wie ein Eindringling.

***

„Hey, was ist denn?“ „Was soll sein?“ „Weiß nicht, du siehst so abwesend aus“ Bill wirft mir ein Kissen zu und schaut mich fragend an. „Hm… ich weiß auch nicht… irgendwie ist es komisch, dass ich jetzt hier bin… versteh mich nicht falsch, aber ich komme mir vor, als würde ich euch stören“ „Schwachsinn“ sagt er bestimmt und kramt in seinem Koffer, den er noch nicht einmal ausgepackt hat. Kurz darauf steht er auf und meint: „So, ich geh jetzt ins Bad“ Anscheinend ist die Sache damit für ihn gegessen, was man von mir nicht wirklich behaupten kann. Aber vielleicht wird das ja noch.

Kapitel 17

„Morgen!“, ruft Simone uns fröhlich entgegen, als Bill und ich die Küche betreten. Tom sitzt schon am Frühstückstisch und scheint uns zuerst gar nicht zu bemerken, doch dann hebt er den Kopf und nickt uns kurz zu. Bill zuckt nur mit den Schultern und schaut mich an, es braucht keine Worte mehr, um zu wissen, was er im Moment denkt, denn schließlich ist Tom morgens generell total verschlafen. Wir setzen uns zu ihm an den Tisch und beginnen zu essen, während Simone immer noch schwer beschäftigt in der Küche herumwuselt.
„Ach so, was ich euch noch fragen wollte…“ Simone lässt sich auf einen der freien Stühle fallen und mustert ihre beiden Söhne eingehend. „Könnt ihr eine kleine Party für Dennis ausrichten?“ Dennis? Etwas verwirrt runzle ich die Stirn, während Bill und Tom gleichzeitig auf die Frage reagieren, jedoch schüttelt Tom den Kopf, während Bill nickt. Simone lacht und meint mit einem Seitenblick auf mich: „Siehst du, so sind die beiden… aber das hast du bestimmt auch schon mitbekommen“ Sie zwinkert und wendet sich mit abwartendem Blick wieder Tom zu. „Ich hab ne Verabredung“, beschwert dieser sich und zieht eine vorwurfsvolle Schnute. „Und dann bleibt das wieder alles an mir hängen oder was?“, motzt Bill und mein Blick wandert vom einen zum anderen, ehe ich mich beeile zu sagen: „Ich kann dir ja helfen“ „Na gut…“, schnaubt Bill. „Das soll heißen: danke“, grinst Simone und ich bemühe mich wieder einmal, zu lächeln. Wenn ich doch einmal ehrlich lachen könnte.

***

„Wer ist überhaupt Dennis?“ „Unser Cousin…“ „Und wie alt wird er?“, hake ich nach. „Elf… hast du eine Ahnung, was man an solchen Geburtstagen macht?“ „Nein, keinen Schimmer… was hast du damals gemacht?“ „Frag lieber nicht“, lacht Bill und lässt sich neben mir aufs Bett fallen. „Puh… ich weiß echt nicht, was wir da machen sollen... und die kommen schon heute Nachmittag!“ „Wir kriegen das schon hin“, versichere ich ihm, bin mir jedoch nicht sicher, ob ich dieses Versprechen einhalten kann.

***

„Spielt ihr mit?“ „Bei was denn?“, will Bill wissen. Der braunhaarige Junge grinst und meint dann: „Na beim Flaschendrehen!“ Spielt man sowas in dem Alter? Ich selbst habe bei solchen Dingen nie mitgemacht, war immer ein Außenseiter. Vielleicht war das auch besser so, denn wer weiß, was bei einem Spiel wie diesem alles schief laufen kann. Doch bevor ich mich wehren kann, stimmt Bill zu und zieht mich mit sich. Wir setzen uns zu den anderen, die einen Kreis gebildet haben, auf den Boden. Einer der Jungs dreht die Flasche, die in der Mitte liegt, sie zeigt auf ein zierliches blondes Mädchen. Sie muss rausgehen auf die Straße und irgendeinen dummen Spruch rufen, während die anderen etwas abseits stehen und albern kichern.
Mit diesen Dingen geht es noch eine ganze Weile weiter, doch dann wird es den Kids zu langweilig und sie beschließen, „Flaschendrehen mit Küssen“ zu spielen, Küsschen auf die Wange, Bussis auf den Mund und der ganze Kram. Es ist ganz niedlich anzusehen, doch als nach einer Weile Bill drankommt, finde ich es gar nicht mehr so komisch, denn es dauert nicht lange, bis sich meine Vorahnung bestätigt. „Du musst Horizon küssen!“, quietscht eines der Mädchen und ich fühle mich unerklärlicherweise ertappt. Verdammt. Es ist nicht so, dass ich mir nie ausgemalt habe, wie es wäre, ihn zu küssen, aber ich kann einfach nicht. Ich kann nicht locker sein, es kann mir nicht gleichgültig sein. Doch ich kann den Gedanken nicht zu Ende führen, denn schon kreischt einer der Gäste: „Aber mit Zunge!“ Und die anderen nicken ganz begeistert.
Na toll. Sowas passiert auch nur mir. Ich habe Angst, mich vor ihm zu blamieren, oder noch schlimmer - vor diesen kleinen Kindern. Jetzt ist es zu spät zu kneifen, alle Augen sind auf uns gerichtet, ihre Blicke durchbohren mich wie Speere und ich warte darauf, dass er den ersten Schritt macht, doch stattdessen murmelt er nur so leise, dass niemand außer mir es hören kann: „Du musst das nicht machen… wir können auch nur so tun, als ob“ Er sieht mich fest an und nach einer gefühlten Ewigkeit überwiegt mein Instinkt, eilig den Kopf zu schütteln. „Gut“ Ich habe keine Zeit, über dieses banale kleine Wort nachzudenken, denn im nächsten Moment ist sein Gesicht nur noch Zentimeter von meinem entfernt und ich sehe, wie er langsam die Augen schließt. Er sieht so verdammt gut aus dabei. Seine Lippen berühren meine und für einen Moment scheint mein Verstand wie ausgeschaltet, doch dann bin ich wieder voll da, fühle nichts außer ihm, und doch ist da nichts. Ich öffne die Lippen ein kleines Stück, hoffe, dass das Gefühl von eben zurückkehrt. Doch stattdessen fühle ich nur seine warme, weiche Zunge, die meine sanft stupst, dann zieht er sich wieder zurück und ich bin verwirrt wie noch nie. Die Stimmen und das aufdringliche Kichern der Kinder nehme ich kaum mehr wahr, denke nur noch an diesen einen Augenblick. Kurz hat mich dieses Gefühl durchströmt, das ich mir nicht erklären kann, doch dann habe ich förmlich gespürt, wie sich eine Art Mauer in mir errichtet hat, ich hatte Angst. Ich weiß nur nicht, wovor.


Kapitel 18

„Puh… geschafft!“ Ich lasse mich auf die Couch in Bills Zimmer fallen, er setzt sich neben mich und ich rutsche automatisch etwas weiter nach außen, kann seine Nähe im Moment nicht ertragen. Nicht nach dem, was vorhin war und wie ich mich dabei gefühlt habe. Er mustert mich einen Augenblick lang irritiert, doch dann übergeht er meine Aktion einfach und fragt: „Kommst du heute Abend noch mit?“ „Wohin?“ „Ein paar Freunde treffen…“ Ich schätze, es wäre unhöflich, wenn ich ablehnen würde und alleine zu Hause rumsitzen will ich auch nicht, allerdings fühle ich mich auch unwohl bei dem Gedanken, nahezu alleine unter völlig fremden Menschen zu sein. Mir ist jedoch auch klar, dass ich nicht ewig so bleiben kann, irgendetwas muss sich schleunigst ändern und so stimme ich schließlich doch zu. „Okay“ Bill wirft einen Blick auf die Uhr. „Du hast zwanzig Minuten“

***

Der Sound wummert in meinen Ohren, Bill schaut sich suchend um und zieht mich schließlich mit sich. Er steuert auf eine Sitzgruppe in der Ecke zu, an der einige Jugendliche sitzen. Ein Mädchen mit langem, blondem Haar und nettem Lächeln bemerkt uns zuerst, sie steht auf, drückt Bill kurz an sich und ruft mir durch den Lärm zu: „Hey, ich bin Denise!“ Ich lächle und entgegne „Horizon, hi“ Ich komme gar nicht erst dazu, mich den anderen vorzustellen, denn Denise zieht mich sofort mit sich und grinst: „Komm, setz dich zu uns, wir Mädels haben doch immer viel zu besprechen!“ Ich setze mich zu den anderen an den Tisch und lächle in die Runde, während Denise für mich das Wort ergreift. „Also Leute, das ist Horizon!“ Zu mir gewandt sagt sie freundlich: „Das sind Mel, Cady, Lisa und Caro!“ und deutet der Reihe nach auf die genannten Mädchen.
Ich fühle mich zwar immernoch etwas unsicher, aber gleichzeitig fällt mir auch auf, dass sie alle sehr nett zu sein scheinen, denn sie integrieren mich sofort in ihre kleine Gruppe und fragen mich über alles Mögliche aus, vor allem über die Tour. „Ist das nicht total nervig, so lange allein unter Jungs zu sein?“, hakt die schwarzhaarige Mel nach und fügt kichernd hinzu: „Vor allem bei den Vier, die sind ja manchmal so bescheuert!“ Ich lache, langsam beginne ich, es zu genießen, so im Mittelpunkt zu stehen. „Ach, das geht schon… man gewöhnt sich daran“ Plötzlich wird es ziemlich ruhig am Tisch, noch nicht einmal die laute Musik kann die Stille übertönen. Alle Augen scheinen auf mich gerichtet zu sein, jedes der Mädchen scheint dasselbe zu denken. „Sag mal… läuft da was zwischen dir und Bill?“ „Was? Äh… nein, natürlich nicht…“ Ich wende den Blick ab, lasse es zu, dass er wie automatisch zu Bill wandert, der sich gerade mit einem anderen Jungen unterhält, der zugegebenermaßen verdammt gut aussieht. Er ist groß, dunkelhaarig und gut gebaut und als er den Kopf dreht, sehe ich, dass er strahlend blaue Augen hat, was seine markanten Gesichtszüge noch besser zur Geltung bringt. Ich kann meinen Blick erst von ihm losreißen, als ich spüre, dass Bill mich ansieht. Ich schaue ihn an und hebe fragend die Augenbrauen, er zuckt nur mit den Schultern und ich klebe fest an seinem Blick, kann nicht mehr klar denken und Caros Stimme dringt nur wie durch Watte zu mir durch.
„Horizon, hörst du mir überhaupt zu?“ „Sorry, ich… war gerade irgendwie abwesend“ Sie grinst und meint: „Das hat man gesehen!“ „Ähm.. .ja. Kennst du den Typen, der mit Bill redet?“ „Klar, das ist Alex! Er gefällt dir, hm?“ Ich senke den Blick, weiß nicht was ich sagen soll. Er sieht verdammt gut aus, ja, aber was heißt das für mich? „Hey, ist doch kein Problem! Geh hin und rede mit ihm, du hast ja Bill als Vorwand“, grinst sie und ich erhebe mich wie automatisch. „Okay… bin gleich wieder da, Mädels!“ und damit steuere ich direkt auf Bill und Alex zu, die noch immer in ihr Gespräch vertieft sind. „Hey ihr beiden!“ „Hey!“ Bill strahlt mich an und meint dann zu Alex gewandt: „Das ist Horizon“ „Ich bin Alex“ Er lächelt mich offen an und ich drohe dahinzuschmelzen, so gut sieht er dabei aus. Seine Augen strahlen und seine Zähne sind ebenfalls makellos, ich kann mich kaum davon abhalten, ihn anzustarren. Schließlich schaffe ich es aber doch, mich ganz normal mit ihm zu unterhalten, und als Bill schließlich mit einem kleinen Augenzwinkern verschwindet, beginne ich, mich immer besser mit Alex zu verstehen.


Kapitel 19

„Bill?“, keife ich hysterisch. „Was denn?!“ „Was soll ich den nun anziehen?“ „Was hast du vor?“, fragt er irritiert. „Na das Date mit Alex, schon vergessen?“ „Ach so… nein, natürlich nicht“ Für den Bruchteil einer Sekunde glaube ich, Enttäuschung in seinem Tonfall wahrzunehmen, doch dann schiebe ich den Gedanken beiseite und widme mich wieder der Kleidungsfrage. Ich sehe zu, wie Bill die Schranktür öffnet und in dem Fach wühlt, das ich mir für die Zeit, in der ich hier bin, ausgeliehen habe. Nach einer Weile scheint er gefunden zu haben, was er sucht, denn er zieht etwas Schwarzes heraus und wirft es mir zu. Ein T-Shirt mit der Aufschrift ‚Handle with care’, wie ich bei genauerem Hinsehen feststelle.
„Das?!“, frage ich etwas skeptisch, doch nach seinem Blick zu urteilen ist es sein voller Ernst. „Jap. Genau das!“ Er steht auf und verlässt das Zimmer ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren. Seltsam. Er ist so anders seit vorgestern Abend in der Disco, so nachdenklich. Es ist nicht so, dass er unfreundlich wäre oder ähnliches, aber er wirkt auf einmal so distanziert und auch wenn ich es niemals zugeben würde, es verletzt mich, dass er sich jetzt so abweisend verhält. Allerdings bin ich auch überrascht von mir selbst, denn früher hätte ich niemals einfach zugestimmt, wenn mich ein Junge nach einem Date gefragt hätte, es wäre mir schwer gefallen, überhaupt normal mit ihm zu reden.

***

„Ehrlich?“ Er lacht, wird mir mit jedem Wort, das er sagt, sympathischer. Kein geschwollenes Gerede keine leeren Versprechen oder Floskeln. Er schafft es einfach, natürlich zu bleiben und dafür bewundere ich ihn.
„Und wie bist du dazu gekommen, mit der Band auf Tour zu gehen?“, fragt er neugierig und ich bin im ersten Moment ziemlich überrascht, dass er mich nach so etwas fragt, doch dann entgegne ich ausweichend: „Ach… das ist eine lange Geschichte“ „Ich höre sie mir gerne an“, lächelt Alex und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass nichts schief geht.

***

„Also dann… bye“, sagt er schlicht und drückt mich kurz an sich und fügt dann mit einem schelmischen Zwinkern hinzu: „Ich hoffe, wir sehen uns wieder“ Ich weiß nicht warum, aber in diesem Moment habe ich einfach das Gefühl, etwas tun zu müssen, etwas, das ihn dazu bewegt, bei mir zu bleiben, also schlinge ich einfach die Arme um seinen Hals und ziehe ihn zu mir, bis seine Lippen nur noch Millimeter entfernt sind und sich wie von selbst auf meine legen. Es fühlt sich nicht schlecht an, ich habe weder Angst noch unnatürliches Herzrasen, aber irgendetwas fehlt, es ist so leer um mich herum, die Welt scheint immernoch so klar, obwohl mir doch schon längst schwindlig sein müsste wie in einem dieser furchtbar schönen Kitschromane. Mitsamt der Berührung schiebe ich den Gedanken von mir, schüttle kurz irritiert den Kopf, murmle ein „Bis dann“ und gehe ins Haus. Warum mache ich mir überhaupt Gedanken, wenn doch alles in Ordnung scheint?


Kapitel 20

„Du magst ihn wirklich?“ „Ja“ „Warum bist du dann unsicher?“ „Ich weiß es nicht“ Wie von selbst greife ich nach Bills Hand, spüre für einen Moment, dass er sich verspannt, doch dann seufzt er leise und lässt es zu, dass ich mich an ihn lehne und die Augen schließe. Irgendwie ist jetzt alles so kompliziert, genau wie am Anfang, doch damals wusste ich wenigstens, warum. Für einen Augenblick gebe ich mich der trügerischen Stille hin, dann frage ich vorsichtig: „Bill?“ „Hm?“ „Warum ist das alles so schwierig?“ Ich sehe sein Lächeln förmlich vor mir, als er entgegnet: „So ist das Leben, Kleine“ und vorsichtig über meine Hand streicht. „Ja, ich weiß… aber ich kann so nicht weitermachen, verstehst du?“ „Nein, was meinst du?“ Er schaut mich an, nicht zum ersten Mal fesselt er mich mit seinem Blick und ich weiß, dass es nicht richtig ist, doch für einen Moment lasse ich das ruhige Gefühl zu, das sich vom Haaransatz bis zu den Zehenspitzen ausbreitet, dann erwidere ich leise: „Das alles… mein Leben, Alex… ich finde ihn wirklich toll, aber ich kann so nicht mit ihm zusammen sein“ „Und… wieso?“ Ein misstrauisches Flackern huscht durch Bills Augen, ich blinzle verwirrt. „Ich will es endlich wissen… das mit meinen Eltern, woher ich komme und warum ich so anders bin“ Ein kleines Lächeln huscht über sein Gesicht, ehe er fast flüstert: „Inzwischen glaube ich, dass du gar nicht so viel anders bist wie du glaubst…“ Er legt seine Hand an meine Seite, was schon wieder einen verboten scheinenden Schauer über meinen Rücken jagt und mich zum Frösteln bringt. „Aber… wenn es dir so viel bedeutet, dann helfe ich dir“ Eine Weile lang sitzen wir schweigend da, dann seufze ich leise auf. „Weißt du noch, das Buch von dem ich dir erzählt habe?“ „Denkst du, da steht was Wichtiges drin?“ Ich nicke langsam, es dauert nicht lange, dann steht Bill auf und zieht mich hinter sich her, wieder einmal sind keine Worte nötig, wir wissen beide, was zu tun ist.
In unserem Zimmer angekommen nehme ich das lederne Buch aus der hintersten Ecke meiner Reisetasche und lasse mich mit zitternden Händen auf dem Bett nieder, bedeute Bill, sich zu mir zu setzen. Etwas zögerlich öffne ich die große goldene Schnalle an der Seite und schlage das Buch auf, um auf dem Deckblatt den Schriftzug ‚Für Horizon’ zu erkennen. Was zur Hölle ist das? Der Verdacht, dass hier etwas nicht stimmt, verstärkt sich von Sekunde und ich höre mich unsicher sagen: „Ich… ich kann das nicht alleine“ „Okay“ Er nimmt meine Hand und legt seinen Kopf auf meine Schulter, während ich umblättere. Auf der Seite, die zum Vorschein kommt, steht in krakeliger Schrift eine Art Brief geschrieben, der eindeutig an mich ist. Ein Abschiedsbrief? So viele Gedanken schwirren durch meinen Kopf, ich kann sie kaum ordnen, aber ich muss diesen Schritt jetzt einfach machen und dass Bill ihn mit mir geht, beruhigt mich ungemein.

Horizon,
wenn du das hier liest, sind wir schon fort. Du darfst nicht denken, dass wir dich nicht lieben, denn das tun wir. Von ganzem Herzen. Es fällt uns nicht leicht, dich zu verlassen, doch wir sind dazu gezwungen. Dort oben warten noch andere, die unsere Hilfe benötigen.
Ja, du hast richtig gelesen. Wir sind Engel, Horizon. Genau wie du. Doch du warst nicht wie die anderen Engel, sie wollten dich nicht akzeptieren. Bitte verstehe das nicht falsch, du bist nicht weniger wert als sie. Der Unterschied ist nur, dass sie ein warmes Herz haben, deines dagegen ist neutral. Es ist weder gut noch böse, was dich nahezu unempfänglich macht für Gefühle. Das macht dich als Engel inakzeptabel, jedoch nicht als wunderbares Wesen. Für uns warst du trotz allem immer der schönste uns hellste Stern. Doch du bist dazu bestimmt, ein sterbliches Leben zu führen, während wir wieder in den Himmel müssen, um andere zu beschützen. Wir werden dich jedoch für immer lieben, vergiss das nie. Du bist ein wunderbares und einzigartiges Geschöpf, Horizon.
In ewiger Liebe,
deine Beschützer Lorena & Nathan


„Oh Gott, Bill“ Ich lasse den Brief sinken und schaue ihn an, fühle mich auf einmal so schwach. Das kann doch alles nicht sein. Das ist zu viel. Zu viele Informationen, die auf mich zuströmen, zu viele Gedanken, die sich in meinem Kopf verankern. Ich. Ein Engel. Ein schwarzer, missratener Engel. Eine Missgeburt. „Weißt du, vielleicht… vielleicht ist das nur eine Geschichte, um dir über die Trennung hinweg zu helfen… du warst damals noch ein Kind“ Ich sehe in seinen Augen, dass er das selbst nicht so ganz glauben kann. Niemals hätten sie einen Brief wie diesen an ein kleines Kind geschrieben, das hätte es gar nicht verstanden. Es war genauso geplant, wie es gekommen ist. „Nein Bill. Ich weiß, dass es stimmt. Ich spüre das“ Ich war schon immer anders. Und jetzt weiß ich auch, was es ist, das mich so von den anderen unterscheidet. Nur leider beruhigt es mich keineswegs. Aber ich glaube es, auch wenn das nicht gerade gewöhnlich oder in irgendwelcher Weise logisch ist. Ich weiß einfach, dass es die Wahrheit ist. Und Bill scheint es mir zu meiner Verwunderung auch einfach zu glauben, zumindest fragt er nicht weiter nach, sondern sagt nur: „Weißt du noch…? Ich habe dir schon am Anfang gesagt, dass ich dich für etwas Besonderes halte. Und das bist du.“ Ich lehne mich an die Wand, eine Träne bahnt sich den Weg meine Wange hinunter. Ich will und kann nicht akzeptieren, was hier passiert. Vergangenheit ist Vergangenheit, aber die Erinnerungen und Gewissheiten verblassen nicht. Niemals. „Ich fühl mich so alleine, Bill“, schluchze ich, kann die Tränen einfach nicht zurückhalten. Er streicht behutsam mit seinem Daumen über meine Wange, es tut gut, dass er da ist, doch andererseits wird mir dadurch noch mehr bewusst, wer ich wirklich bin. Ich mag vielleicht leben wie ein Mensch, aber ich bin keiner. Im Grunde genommen wusste ich es schon immer. Dass etwas mit mir nicht stimmt.
„Gib mir mal deine Hand“, fordert Bill leise, aber bestimmt. Er nimmt meine Hand und legt sie an seine Brust. Ich spüre seinen Herzschlag, ruhig und gleichmäßig. Er streckt den Arm aus und legt seine Hand auf meine linke Brusthälfte. Er sieht mir in die Augen und sagt sanft: „Siehst du… du bist genau wie ich“ Ich spüre, wie meine Unsicherheiten und Ängste langsam unwichtig werden, sie sterben nicht, aber ich kann sie für einen Moment beiseite schieben, sehe nur noch ihn. Er ist noch genauso schön wie an dem Tag, an dem ich ihn das erste Mal gesehen habe. Sein Blick ist so unergründlich tief, ich scheine nach und nach in ihm zu versinken. Unsere Gesichter kommen sich immer näher, meine Lippen prickeln erwartungsvoll und meine Sinne arbeiten auf Hochtouren.
Doch kurz bevor unsere Lippen sich berühren, zieht er sich plötzlich zurück. Verwirrt runzle ich die Stirn, ich fühle mich seltsam, fast schon enttäuscht. Doch dieses Gefühl verdränge ich schnell wieder, lasse es einfach zu, dass Bill mich an sich zieht und festhält. Ich rieche seinen Duft, er durchströmt mich und ich spüre, wie meine Anspannung langsam nachlässt. Eine Weile lang liege ich einfach nur in seinen Armen und höre seinen Atem, dann überrollt mich der Schlaf wie eine riesige Welle und eine unendliche Ruhe macht sich in mir breit.

***

Noch bevor ich die Augen aufschlage, weiß ich, wo ich bin. Ich rieche Bills Duft, spüre seine Hand in meiner und als ich die Augen öffne, blicke ich in sein Gesicht. Seine Augen sind geschlossen, er schläft noch. Er strahlt eine wunderbare Ruhe und Wärme aus, als ob nichts falsch laufen könnte. Als ob alles gut wäre. Aber das ist es nicht. Ich bin kein Mensch. Das alles ist so furchtbar, ich kann es noch immer nicht fassen. Warum ausgerechnet ich?
Leise seufze ich auf. Im Moment kann ich noch nicht einmal Bills Nähe ertragen, auch wenn ich mich bei ihm eigentlich wohl fühle. Wohler als bei Alex und allen anderen, auch wenn ich das noch gestern nicht wahr haben wollte. Ich brauche jetzt Zeit zum Nachdenken. Ich löse vorsichtig Bills Hand von meiner und stehe auf, gehe auf den Balkon. Leise schließe ich die Tür hinter mir.
Der Wind fährt mir unablässig durchs Haar, doch es stört mich nicht im Geringsten. Wie es wohl ist, ein richtiger Engel zu sein? Ein heller Engel? Wenn Engel ein warmes Herz haben und lieben können, dürfen sie dann auch Menschen lieben? Daran kann ich nicht glauben. Aber wie schaffen sie es dann, Schützlinge auf der Erde zu haben? Was passiert, wenn sie sich verlieben? Wenn ich so darüber nachdenke, will ich gar kein Engel sein. Aber ich will auch nicht dieses Wesen sein, das ich bin. Ich bin nichts weiter als eine Missgeburt. Ein Unglück. Wieso kann ich nicht einfach ganz normal sein? Dann würde es mir auch leichter fallen, zu lieben. Das ist doch das Einzige, das ich wirklich will. Das hier ist wie ein riesiger, wahnsinniger Alptraum, der mich gefangen hält.
Noch bevor er etwas sagt, spüre ich, dass er da ist. Kurz darauf fühle ich seine Hände an meinen Hüften und seinen Atem im Nacken, als er hinter mich tritt. Er schlingt seine Arme um mich und legt den Kopf auf meine Schulter. Ich atme tief ein, dann lehne ich mich an ihn und genieße den Augenblick. Der Wind pfeift noch immer unruhig um die Häuser, doch ich fühle mich für den Moment vollkommen entspannt. Ich glaube, er weiß einfach, was ich jetzt brauche.
„An was denkst du?“, fragt er leise. „Ich… ich weiß es nicht“ Ich fühle mich ertappt, auch wenn ich nicht genau weiß, warum. Es war doch nichts Verbotenes, an das ich gedacht habe. „Es macht mir Angst, weißt du?“ „Ja, ich weiß… aber es spielt doch keine Rolle, was du bist. Es ist doch nur wichtig, wer du bist“ Ich drehe mich zu ihm und als seine Lippen kurz mein Ohr streifen, durchläuft mich ein wohliger Schauer. „Und wer bin ich?“ Ich schaue ihm in die Augen, sein Blick scheint wieder einmal undurchdringlich. „Ich weiß es nicht… aber wir finden es zusammen heraus, okay?“ Ich lächle, das erste ehrliche Lächeln überhaupt. „Okay“ Er schließt wie in Zeitlupe die Augen, und ehe ich weiß, wie mir geschieht, hat er schon seine Lippen auf meine gelegt. Aber dieses Mal fühlt es sich nicht so schlecht an wie beim letzten Mal, und dort wo damals das bohrende Gefühl war, durchströmt mich jetzt ein warmes Kribbeln. Vorsichtig gebe ich Gegendruck, schmiege mich enger an ihn. Ich weiß nicht, wo das alles noch hinführen soll, aber im Moment ist es mir egal. Ich beginne, es zu genießen.

Kapitel 21

Nach einer gefühlten Ewigkeit lösen wir uns voneinander und für einen Moment sehe ich nur seine Augen, dann reiße ich mich von seinem Blick los. Eine Weile lang scheint die Luft zwischen uns zu erstarren, niemand weiß, was er sagen soll, doch schließlich räuspert Bill sich und meint: „Hey, du frierst ja“ Ich folge seinem Blick und betrachte meine Arme, die von einer feinen Gänsehaut überzogen sind. Woher diese genau kommt, ist mir nicht ganz klar, aber alles ist besser, als dumm rumzustehen, also folge ich Bill ins Zimmer.

***

„Frustshoppen?“ „Naja, Frust ist nicht das richtige Wort“, seufze ich. „Aber okay!“ Eigentlich habe ich kaum Lust auf Dinge wie Einkaufen, aber ich brauche etwas, das mich ablenkt von meinen wirren Gedanken, etwas, das mich irgendwie entspannt. „Gut“ grinst Bill. „Ich muss mich noch tarnen… du solltest das besser auch tun“ Er zwinkert und verschwindet in Richtung seinem Zimmer, um fünf Minuten später mitsamt Sonnenbrille und schwarzem Kapuzenpullover wieder zu kommen. Ich trage inzwischen ebenfalls eine Sonnenbrille, die Kapuze meines Pullovers verdeckt meine Haare nahezu komplett. „Und, wie seh ich aus?“ Bill dreht sich einmal um die eigene Achse und ich kann gar nicht anders, als zu sagen: „Perfekt“ Er lächelt kurz peinlich berührt, dann murmelt er: „Na los, gehen wir“

***

Wir laufen die Einkaufspassage entlang, ich lasse meinen Blick über die verschiedenen Schilder an den Läden schweifen, alles in dieser Straße fasziniert mich irgendwie. Früher habe ich auf solche Dinge nicht einmal geachtet, aber jetzt scheint es mir wichtig, ich will all das verstehen, alles was die Menschen so fasziniert, oder sie magisch anzieht. Bill läuft dicht neben mir, ich betrachte ihn aus dem Augenwinkel. Ich weiß nicht, wo er hinschaut, aber ich komme mir beobachtet vor, also senke ich den Blick wieder und gehe weiter. Einige Augenblicke später spüre ich, wie er seinen kleinen Finger mit meinem verhakt. Es macht mich unsicher, ich weiß nicht, wo ich hinschauen soll oder was ich sagen könnte, um die Stimmung aufzulockern, ich spüre seinen Blick, und doch schaffe ich es nicht, den Kopf zu drehen und ihn anzusehen. Er schiebt vorsichtig seine Hand in meine und für einen Moment kann ich mein Herz schon fast pochen hören, doch dann spüre ich, wie er meine Hand kurz drückt, mich anlächelt und ich kann gar nicht anders, als zurückzulächeln. Vielleicht wird ja doch noch alles gut.


Kapitel 22

Als ich am nächsten Morgen zum Frühstück komme, wird es plötzlich ganz still und alle Blicke richten sich auf mich. Etwas irritiert setze ich mich, plötzlich fangen alle wieder an zu reden, scheinen furchtbar vertieft in diverse Gespräche und ich komme mir noch dümmer vor. Ich tippe Bill an, in seinem Blick kann ich sehen, dass etwas nicht stimmt. „Was ist los?“ „Verdammt“, murmelt er beinahe unhörbar, dann sagt er: „Okay, ich muss es dir ja doch sagen“ Er greift nach einer Zeitung, die zusammengefaltet auf dem Tisch liegt, und breitet sie vor mir aus. Das erste, was ich geschockt registriere, ist ein riesiges Bild von Bill und mir, wie wir uns Händchen haltend anlächeln, eine Szene unseres Stadtbummels gestern. Darüber prangt eine dicke Schlagzeile.

TH-Bill - Wer ist die schöne Unbekannte an seiner Seite?


Ich höre Bill leise neben mir seufzen, kann für einige Sekunden nicht mehr klar denken, was ist hier nur passiert? Musste das sein? Gibt es eigentlich noch etwas in seinem Leben, das nicht sofort in die Presse kommt? Wie betäubt beginne ich, zu lesen.

Die Bildunterschrift lautet: Trotz Verkleidung erkannt - Bill von Tokio Hotel mit einer geheimnisvollen Unbekannten.

Darunter befindet sich ein scheinbar ewig langer Artikel.

Langes schwarzes Haar, volle Lippen, Sonnenbrille - wer ist dieses Mädchen, das gestern mit Bill von Tokio Hotel durch die Magdeburger Innenstadt schlenderte? Trotz aller Dementi des Managements sowie des Sängers persönlich scheint es nun endlich gefunkt zu haben - zumindest schienen die beiden sehr vertraut und das Lächeln, das sie ihm permanent schenkte, schien mehr als nur freundschaftlicher Natur. Was für ein schönes Paar - aber sehen das die überwiegend weiblichen Fans auch so?

An dieser Stelle höre ich auf, zu lesen, ich kann und will nicht wissen, was da noch steht, schon der Anfang klingt grausam und zynisch, wie kommen diese Leute nur auf solche Dinge? Nur weil ich seine Hand gehalten habe, bin ich seine Freundin? Und wie sie mich bezeichnen, ist noch viel schlimmer, das klingt so ironisch. Die schöne Unbekannte. Schon bei dem Gedanken daran fröstle ich, denkt Bill etwa auch so von mir? Ich bin zwar nicht unbekannt für ihn, aber schön? Irgendwie unheimlich.
Und was sollen wir jetzt machen? Er wird wohl dementieren müssen, dass ich seine Freundin bin, aber irgendwie beruhigt mich das kein bisschen. Und glauben wird es sowieso niemand. Seufzend erhebe ich mich, mir ist der Appetit vergangen. „Ich… ich geh hoch und leg mich nochmal hin“

***

„Hey“, murmelt er leise und setzt sich auf die Bettkante. Er wirkt niedergeschlagen, vermutlich fühlt er sich genauso wie ich und vielleicht ist es auch das, was uns jetzt so verbindet. Ich hebe die Bettdecke an, ich brauche seine Nähe jetzt, nur um zu wissen, dass ich nicht allein bin. Und er ist der einzige, bei dem ich mich wirklich wohl fühle und bei dem ich keine Angst davor habe, dass er mich auslacht oder sonst irgendwie komisch reagiert. Er legt sich neben mich, sieht mich an. Sein Blick ist warm, aber er wirkt auch unglaublich müde. Wir beide wissen, dass wir darüber reden müssen, aber nicht jetzt, nicht in diesem Moment. Ich kuschle mich an ihn, er legt einen Arm um mich und zieht mich noch etwas näher an sich, so dass ich mein Gesicht an seiner Halsbeuge vergraben kann. Ich atme seinen Duft, seine Wärme umhüllt mich und ich lasse mich von dem Gefühl leiten, dass alles in Ordnung ist.

Kapitel 23

x „Horizon? Hier ist Alex!“
x „Alex… hey!“
Etwas überrascht versuche ich, meine Gedanken zu sammeln. Ich habe Alex beinahe vergessen über den ganzen Stress und den Rummel mit dem Zeitungsartikel, von meiner persönlichen Katastrophe ganz zu schweigen.
x „Wie geht’s dir?“
x „Ganz gut, und dir?“
x „Mir auch, danke… hättest du Lust, heute Abend ins Kino zu gehen?“
x „Ja, klar… um wie viel Uhr?“
x „Ich hol dich um Sieben ab, okay?“
x „Okay, bis dann“
Ich lege das Telefon zurück auf Bills Schreibtisch und gehe nach unten, um etwas zu essen. Bill und Tom sitzen schon am Tisch, während Simone und Gordon beide arbeiten sind. Da sie möglichst viel Zeit mit ihren Söhnen verbringen wollen, haben sie sich jeweils ein paar Wochen Urlaub genommen, sechs Wochen lang war dies jedoch selbst im Ausnahmefall nicht möglich. „Morgen“, rufe ich den beiden zu, ehe ich mich zu ihnen setze und mich am Gespräch beteilige. Anfangs war so etwas eher peinlich für mich, aber inzwischen habe ich wirklich bemerkt, dass sie auch nur normale Jungs sind und da vor allem Bill mich so gut versteht, habe ich inzwischen keinerlei Probleme mehr damit, einfach ich selbst zu sein, auch wenn Tom mein kleines Geheimnis nicht kennt.
„Heute Abend gehe ich mit Alex ins Kino!“, verkünde ich, während ich mir einen weiteren Toast nehme. „Du… was?“, nuschelt Bill mit vollem Mund, woraufhin Tom ihm versucht unauffällig einen Stoß mit dem Ellbogen verpasst. „Ach so… ähm ja“, beeilt sich Bill zu sagen und Tom ergänzt: „Okay, ich glaube nämlich, ich muss mal mit meinem Brüderchen reden“ Er grinst und wirft Bill einen vielsagenden Blick zu, den ich beim besten Willen nicht deuten kann.

***

„Du siehst gut aus“ „Danke“ Ich lächle ihn etwas unsicher an, als er seinen Arm um mich legt und mich sanft zu seinem Auto schiebt. Er öffnet die Autotür und bedeutet mir, einzusteigen. Dann geht er auf die Fahrerseite und steigt selbst ein. Während der fahrt reden wir über belanglose Dinge, er ist nett zu mir, wie immer, doch ich frage mich so langsam, ob er es wirklich verdient hat, sich so um mich zu bemühen und letztendlich nicht viel zurückzubekommen. Aber er ist so lieb, und dieses Mal scheint es wirklich so, als ob alles gutgehen könnte. Ich sollte es einfach zulassen.

***

Er legt vorsichtig seine Hand auf meine und streicht liebevoll darüber, ganz als ob es sich um etwas Empfindliches handeln würde, das zerbricht, wenn man es zu fest berührt. Bei dem Gedanken daran muss ich unwillkürlich lächeln und vielleicht ist es auch richtig so. Vielleicht ist es einfach perfekt, wie seine Hand auf meiner ruht und wir uns zusammen diesen Film ansehen. Vielleicht fängt so Liebe an.


Kapitel 24

Als ich nach Hause komme, ist schon alles dunkel, die Jungs sind offenbar schon schlafen gegangen. Ich ziehe mich leise um und krabble ins Bett, für einen Moment glaube ich, dass Bill die Augen öffnet, aber dann sieht es wieder aus als würde er friedlich schlafen und ich verwerfe den Gedanken. Ich glaube wirklich, dass das mit Alex funktionieren könnte, und doch spüre ich einen kleinen Stich dabei, wenn ich an Bill denke und an die Wärme, die er mir gibt.

***

„Horizon?“ „Mhm...?“,. grummle ich, ehe ich die Augen öffne, um herauszufinden, von wo die Stimme in meinem Kopf kommt. Bill lehnt am Fenster und grinst mich an, vermutlich sehe ich ziemlich verschlafen aus. „Wir müssen reden“, jetzt klingt er wieder ernst und ich bin überrumpelt, doch einen Moment später wird mir klar, wovon er redet. Die Presse. Was will er ihnen sagen?
„Was sollen wir ihnen sagen?“ „Ich weiß es nicht…“ Ich weiß ja noch nicht einmal, was das zwischen uns genau ist, woher soll ich also wissen, was wir dieser sensationsgeilen Meute erzählen sollen? Eine Weile lang hängen wir beide unseren eigenen Gedanken nach, dann durchbricht er das Schweigen plötzlich. „Weißt du was? Eigentlich ist es mir egal, was sie denken“ „Wie meinst du das?“ „Naja… Hauptsache, wir wissen, was das ist… aber da ist ja auch noch Alex“ Er beißt sich auf die Unterlippe, ganz als ob er sich dafür bestrafen wollte, etwas Falsches gesagt zu haben. „Ja, Alex…“ denke ich laut nach. „Ich weiß nicht wie ich das erklären soll, aber mit Alex… da scheint einmal nichts schief zu laufen, ich habe keine Angst bei ihm“
Bill sieht mich kurz an, sein Mundwinkel zuckt und ich rechne mit einem Lächeln, aber dann dreht er den Kopf und schaut aus dem Fenster, um einige Augenblicke später beinahe unhörbar zu entgegnen: „Ich sage das jetzt nicht, um dich von ihm wegzubringen, aber es ist nicht schlimm wenn du Angst hast… das gehört dazu“ Bei den letzten Worten schaut er mir wieder in die Augen und mir fällt auf, dass irgendetwas anders ist, er hat sich verändert, etwas in seinem Blick, das ich nicht verstehe. „Ja, ich weiß…“, sage ich mehr zu mir selbst. „Und es stimmt wirklich, dass irgendetwas fehlt… aber ich mag ihn wirklich“ „Und… ist er der einzige, für den du etwas empfindest?“ Ein Blick, den ich bei ihm noch nie gesehen habe, ein eilig hervorgewürgtes „Ja“, mit einer Frage wie dieser hätte ich nie gerechnet. Es ist nicht so, dass ich nie darüber nachgedacht hätte, er hat mir so viel gegeben, so viel habe ich ihm anvertraut, er kennt mein ganzes Leben und meine innersten Gefühle. Alle, bis auf eines, das irgendwo tief drinnen vergraben liegt und nur darauf wartet, dass jemand es ausgräbt. Er lächelt kurz, ich senke den Kopf. „Und das glaubst du wirklich?“ Und damit dreht er sich um und lässt mich mit klopfendem Herzen zurück. Verdammt.


Kapitel 25 - end or beginning?

Verzweifelt bemühe ich mich, mein rasendes Herz wieder unter Kontrolle zu bekommen, noch nie hat mich etwas derart aus der Bahn geworfen wie das eben. Was sollte das? Er hat nicht Unrecht mit dem was er sagt, ich habe nur lange versucht, mich dagegen zu wehren. Ich will unsere Freundschaft nicht zerstören, das Band, das uns zusammenhält und das mir von Anfang an das Gefühl gegeben hat, dass er eine wichtige Rolle in meinem Leben spielt. Ich kann nicht einfach all das aufs Spiel setzen, denn wenn er in ein paar Wochen wieder gehen muss, wird es keine schöne Erinnerung sein, sollte ich mich auf irgendetwas einlassen. Aber stecke ich nicht schon zu tief drin? Ich kann jetzt nicht mehr zurück, dazu ist es längst zu spät. Und wenn ich es nicht wage, werde ich mir vielleicht ewig Vorwürfe machen.
Aber ist es auch so? Fühlt sich Liebe nicht anders an? Und was ist mit Alex? Es wäre nicht fair. Doch jetzt, da Bill es angesprochen hat, kann ich es nicht mehr einfach übergehen, ich muss mit ihm reden. Nur über was genau? Was soll ich ihm sagen? Er kennt mich viel zu gut, das hat er erst vorhin erneut unter Beweis gestellt, er durchschaut mich und jede auch noch so kleine Lüge, die über meine Lippen kommt. Ich könnte sagen, dass ich ihn nur als guten Freund will, aber würde ich mich damit nicht selbst betrügen? Wenn ich ehrlich bin, sehne ich mich doch nach seiner Nähe, seinen Umarmungen. Die Erinnerung an diesen einen Kuss verblasst viel zu schnell um sie noch aufzuhalten, ich will sie durch eine neue Erinnerung ersetzen, eine schönere. Aber kann ich das auch sagen?
Noch ehe ich den Gedanken zu Ende führen kann, höre ich, wie Bill das Zimmer betritt und ich lege die eben noch benutzte Haarbürste auf den Nachttisch, verzweifelt bemüht, das Zittern meiner Hände zu verbergen. Jetzt nur nicht ausrasten. Er setzt sich neben mich aufs Bett und ich kann mich gerade noch davon abhalten, aufzuspringen oder irgendetwas anderes vollkommen Abgedrehtes zu tun.
„Es tut mir Leid“, sagt er nach geraumer Zeit in die Stille hinein. „Ich weiß“, seufze ich. „Und du hast noch nicht einmal Unrecht“ Ich fühle seinen überraschten Blick, als er fragt: „Heißt das, du…?“ Ich spüre, wie mein Kopf wie von selbst auf und ab wippt und wieder einmal könnte ich mich dafür schlagen, dass ich so machtlos bin über meine Gefühle. Er lächelt, ich kann es nicht ertragen, dass ich diejenige bin, die dieses Lächeln in wenigen Sekunden zerstören wird.
„Ich… hör zu, es ist nicht so einfach… es stimmt wohl, dass ich etwas empfinde, aber ich weiß nicht was es ist und ich hab einfach das Gefühl, dass ich es nicht schaffe. Und Alex… ja, mit ihm fehlt etwas, aber… du weißt, dass ich deinen Erwartungen niemals gerecht werden kann“ „Du kannst doch gar nicht wissen, welche Erwartungen ich habe“ Es klingt nicht nach einem Vorwurf, eher nach einer simplen Feststellung und kurz muss ich schmunzeln, ehe ich antworte. „Ich kenne dich doch… du willst Liebe, Zuwendung und all das… ich weiß noch nicht mal genau was das ist“ Ich glaube, wir haben uns seit wir angefangen haben zu reden nicht ein einziges Mal angesehen, doch ich kann mir seinen Blick auch so vorstellen, und diese Vorstellung ist schlimm genug. „Aber warum glaubst du das?“ Er klingt müde, fast schwach. „Ich weiß so langsam nicht mehr was ich machen soll, Horizon… Du lässt mich nicht an dich ran, und das kannst du nicht nur auf deine Natur schieben“ „Wie gesagt, Bill, ich habe keine Ahnung was Liebe ist und deshalb kann ich sie dir auch nicht geben“ Inzwischen habe ich aufgehört zu zittern, was bleibt, ist Erschöpfung. „Nur wenn du nicht weißt, was Liebe ist, heißt das nicht, dass du es niemals erfahren wirst“, sagt er leise und ich wünschte, ihm wäre klar, wie sehr er mich damit durcheinander bringt.
Er hat doch Recht, er hat eigentlich immer Recht und meistens ist das auch gut so. Nur diesmal bin ich mir nicht ganz sicher ob das, was er sagt, uns wirklich weiterbringt. Vielleicht sollte ich es einfach versuchen, was kann jetzt noch kaputtgehen? Unsere Freundschaft steht sowieso schon auf der Kippe, so lange das zwischen uns steht. „Bill?“ „Mhm“, brummt er nur resigniert und es tut mir och mehr leid, ihn so hinhalten zu müssen, es ist unfair gegenüber ihm, aber ich muss es jetzt wissen.
„Küss mich, bitte“ „Was?“ Er schreckt hoch, schaut mich irritiert an. „Tu’s einfach, bitte… ich muss wissen, was ich für dich empfinde, und das geht so am besten“, erkläre ich und rutsche ein Stück zu ihm rüber, bemüht, meine Nervosität nicht zu zeigen. „Wenn es dir hilft, okay… aber tu das jetzt nicht mir zuliebe, das will ich nicht“ „Es ist nur für mich, versprochen“ Das Zittern in meiner Stimme lässt sich nur noch schwer verbergen und wenn er jetzt nicht gleich etwas tut, drehe ich vermutlich vollkommen durch.
Er streckt seine Hand aus und legt sie zögerlich in meinen Nacken, sein Gesicht kommt meinem immer näher, doch kurz bevor sich unsere Lippen berühren, sagt er plötzlich leise: „Ich hoffe du weißt, dass ich gerade verdammt nervös bin“ „Ich auch“, murmle ich und einen Augenblick später fühle ich seine weichen Lippen auf meinen, ein Kribbeln breitet sich in meinem ganzen Körper aus und mir wird schwindlig, und als seine Zunge zaghaft über meine Lippen streicht, glaube ich, jeden Moment den Verstand zu verlieren. Wie automatisch öffne ich meine Lippen einen Spalt breit, unsere Zungen spielen miteinander, jede einzelne Berührung ist wie ein elektrischer Schlag und als wir uns schließlich voneinander lösen, kann ich nicht anders, als zu lächeln. Er streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und küsst sanft meinen Mundwinkel, um sich kurz darauf zu räuspern und schnell zu sagen: „Tut mir leid“ Ich schüttle nur den Kopf und murmle: „Nicht aufhören“


Kapitel 26 - leaving the past

Einige scheue Küsse später meint er plötzlich ernst: „Und jetzt?“ „Ich weiß nicht… aber muss man Gefühle immer totreden?“ „Nein“ Er lächelt und zieht mich an sich, noch nie habe ich mich dabei glücklicher gefühlt als jetzt, doch es schwingt auch Unsicherheit mit und mein Gewissen versetzt mir einen kleinen Stich, wenn ich an Alex denke. Es wäre nicht fair, ihn einfach zu ignorieren, denn er hat sich sicher Hoffnungen gemacht, sonst hätte er schon nach dem ersten Treffen aufgegeben.
„An was denkst du?“ murmelt Bill leise. „Ich muss da noch was klären“ Diesmal muss er sich wohl mit der Halbwahrheit zufrieden geben. Aber er scheint auch so zu verstehen, denn er drückt mich noch einmal kurz an sich und steht dann auf, um zur Tür zu gehen und mit einem letzten „Ich bin unten, wenn du mich brauchst“ zu verschwinden.
Ich halte das Telefon in meiner Hand, wähle leicht zögerlich Alex’ Nummer. Hoffentlich mache ich das Richtige.

x „Ja?“
x „Hey Alex, ich bin’s“
x „Horizon? Wie geht’s dir?“
Ich kann das Lächeln in seinem Gesicht beinahe spüren, und umso mehr tut es mir leid, dass ich ihn enttäuschen muss. Er hat sich so bemüht und doch war es von Anfang an Bill.
x „Gut“
x „Was hast du heute vor?“
x „Nichts… und doch einiges, sozusagen… ich hab dich eigentlich angerufen, weil ich mit dir reden muss“ Ich schlucke, warte auf seine Antwort.
x „Okay… schieß los“
x „Nein, du hast das falsch verstanden… ich will mit dir persönlich sprechen“
x „Ähm… in Ordnung, gehen wir zusammen spazieren?“
x „Okay“, entgegne ich etwas überrascht.
x „Ich hol dich in einer halben Stunde ab“
x „Bis dann“
Ich warte noch auf eine Antwort, aber er hat schon aufgelegt.

Als ich nach unten komme, sehe ich Bill und Tom, die am Tisch sitzen und sich angeregt unterhalten. Ich betrete den Raum und plötzlich verstummen die beiden, was mich wiederum zum Schmunzeln bringt, auch wenn mir im Moment gar nicht danach zumute ist.
„Hallo!“, quietscht Tom mit diesem Unterton, den ich nur zu gut kenne und für den ich ihn am liebsten erschlagen hätte. Bill kann auch nie seine Klappe halten. Aber er hätte es ja sowieso bald erfahren, also ist es nicht einmal so schlimm. Ich lasse mich auf einen freien Stuhl Bill gegenüber fallen, beginne, zu essen, obwohl ich keinen Appetit habe. Nach einer Weile spüre ich, wie Bill seine Hand auf meine legt, doch ich ziehe mich zurück, kann das jetzt nicht. Ich muss dabei zu sehr an Alex und das bevorstehende Gespräch denken. Als ich aufblicke, sehe ich diesen Blick, die Verletztheit, die darin steckt. Ich hoffe immernoch sehr, dass ich keinen Fehler mache, denn wenn Gefühle so kompliziert sind und durch solch kleine Gesten Risse bekommen können, dann will ich nicht lieben.
Ich seufze leise und erhebe mich, drücke Bill einen kleinen Kuss auf die Wange und nuschle: „Ich bin dann mal weg, du weißt schon, mit Alex reden“ Sein Stirnrunzeln entgeht mir nicht, doch ich schließe schnell die Tür hinter mir und gebe vor, nichts bemerkt zu haben.

***

„Hey“ Alex umarmt mich kurz, ich fühle mich eingeengt und wie eine Verräterin, doch ich muss das jetzt hinter mich bringen. Eine Weile lang laufen wir schweigend nebeneinander her, ich weiß nicht einmal genau wohin, dann fragt er geradeheraus: „Über was wolltest du reden?“ „Ich…“ Ich bleibe kurz stehen, schaue ihm in die Augen. „Naja, wir haben uns schon ein paar Mal getroffen und ich dachte, es wäre unfair, es dir nicht zu sagen…“ Ein kleines, beinahe schwaches Lächeln umspielt seine Mundwinkel, als er sagt: „Du liebst ihn, hab ich Recht?“ Vollkommen überrascht von dieser Reaktion weiß ich nicht, was ich sagen soll, also nicke ich nur stumm und betrachte meine Fußspitzen. „Naja, ich weiß nicht wie ich es erklären soll…“, starte ich nach geraumer Zeit einen neuen Versuch, doch Alex fällt mir ins Wort. „Es ist okay, Horizon… wirklich. Ich hab’s die ganze Zeit über geahnt, und die Funken sind ja nicht wirklich geflogen zwischen uns, oder?“ Er grinst und drückt mich kurz an sich, ich bin völlig überrumpelt davon, wie locker er das alles sieht. Ich hoffe nur, dass Bill das auch tut.


Kapitel 27 - playing games is hot?

Als ich nach Hause komme, fühle ich eine ungewohnte Leichtigkeit, habe das Gefühl, dass mich jetzt nichts mehr so schnell aus der Bahn werfen kann. Bill scheint zwar noch etwas eingeschnappt, aber ich bin mir sicher, er kriegt sich wieder ein, schließlich habe ich nichts wirklich Schlimmes gemacht. „Ist alles klar wegen Alex?“, fragt er, nachdem wir eine Weile auf der Couch saßen und vor uns hingestarrt haben und ich bin froh, mit einem klaren „Ja“ antworten zu können. Ich lehne mich an ihn und spüre, wie die Anspannung von mir abfällt, die Last, die ich die ganzen letzten Tage gespürt habe. „Noch sauer wegen vorhin?“, hake ich vorsichtig nach, er legt seinen Arm um meinen Bauch und murmelt: „Nein“ Ich drehe den Kopf und lege meine Lippen auf seine, die mir schon bekannte Schar von Schmetterlingen bahnt sich ihren Weg durch meinen ganzen Körper und vor allem an den Stellen, an denen seine Haut meine berührt, scheint diese zu brennen.

***

„Hey ihr Turteltäubchen!“ Tom steckt grinsend den Kopf zur Tür herein, inzwischen ist es Abend und wir haben es uns auf dem Bett bequem gemacht. „Hey“, grinse ich zurück. „Habt ihr Lust auf DVD-Abend oder wollt ihr lieber alleine sein?“ Er hebt bedeutungsschwer die Augenbrauen und ich kann gar nicht anders, als zu lachen. „Red keinen Schwachsinn, komm lieber rein“ Er hüpft ins Zimmer wie ein glücklicher kleiner Junge und ich muss schon wieder lächeln, während er sich neben uns aufs Bett fallen lässt und mit Bill zu diskutieren anfängt, welchen Film wir denn nun anschauen sollen. Mir ist es so oder so egal, ich bin schon glücklich, während ich hier liege und Bills Arm um meine Schultern fühle.
Letztendlich entscheiden sich die beiden für irgendeine Komödie, doch ich bekomme von dem Film nicht allzu viel mit, bin viel zu beschäftigt damit, Bill zu beobachten, wie er konzentriert auf den Bildschirm schaut oder lacht, alles an ihm fasziniert mich noch genau wie am ersten Tag. Irgendwann und völlig unvermittelt meint Tom: „Ihr müsst euch nicht zurückhalten, weil ich da bin“ Er grinst dreckig und ich verpasse ihm einen Schlag gegen die Schulter, was ihn jedoch kein bisschen zu stören scheint. „Ach kommt schon, nur ein Kuss… ihr seid so toll zusammen!“, bettelt er immernoch breit grinsend. „Nein!“, quietsche ich halb empört, halb belustigt. „Und was, wenn ich’s zuerst tue?“ „Was?“ Irritiert runzle ich die Stirn, verstehe mal wieder gar nichts. „Naja, ich küsse Bill zuerst!“ Er lacht leise auf, als er meinen geschockten Gesichtsausdruck sieht, doch ich habe mich schnell wieder gefangen und grinse: „Das will ich sehen!“
„Okay...“ Er lehnt sich zu Bill, der von Sekunde zu Sekunde erschrockener schaut, sich jedoch nicht vom Fleck bewegt. War das etwa sein Ernst? Das kann er doch nicht machen! Tom liegt halb auf mir, aber auch das scheint ihn nicht zu irritieren, denn er legt einfach die Hand in Bills Nacken und legt seine Lippen auf seine, Bill reißt erschreckt die Augen auf und ich hätte beinahe gelacht, wäre ich nicht selbst so überrumpelt von dieser Aktion. Drehen die beiden nun völlig durch? Ich bin ja inzwischen einiges gewohnt, aber damit hätte ich nicht gerechnet. Eigentlich würde ich gerne einfach wegschauen, aber es ist wie ein Zwang, ich muss einfach zusehen. Und plötzlich sehe ich eine Veränderung in Bills Zügen, er grinst kurz in den Kuss hinein, dann sehe ich, wie er seine Zunge nach vorn schiebt und anfängt, mit Toms Zunge zu spielen, der ebenfalls grinst, sich aber darauf einlässt. Komischerweise fühle ich inzwischen keine Eifersucht mehr, im Grunde genommen wäre das ja auch albern, aber was die beiden da abziehen, ist nicht gewöhnlich. Doch wenn ich ehrlich bin, macht es mich sogar irgendwie an.
Nach ein paar Sekunden lösen sich die beiden wieder voneinander und ich bin noch immer ziemlich verwirrt, nicht einmal von ihnen hätte ich erwartet, so verrückt zu sein. Bill grinst und stellt trocken fest: „Also Horizon küsst besser“, woraufhin Tom frech entgegnet: „Und du küsst wie’n Mädchen!“ „Wirklich?“ Ich klimpere mit den Wimpern und fordere: „Zeig noch mal, das hab ich vorhin gar nicht bemerkt“ Das lässt er sich nicht zweimal sagen und ehe ich mich versehe, spüre ich auch schon seine Lippen, kurz darauf seine Zunge und vielleicht ist es Einbildung, doch dieser Kuss scheint viel inniger als zuvor.


Kapitel 28 - say you miss me, come and kiss me!

„Moah! Raus jetzt!“ Ich hüpfe aufs Bett, woraufhin Bill, der sich immernoch im Halbschlaf befindet, erschreckt aufquietscht. Ich lache und piekse ihn in die Seite, doch ehe ich reagieren kann, hat er schon nach einem Kissen gegriffen und es mir entgegengeschleudert. „Das kriegst du zurück!“, knurre ich gespielt böse und hole aus, um ihm das Kissen mitten ins Gesicht zu werfen, doch er ist schneller und weicht aus, um sich einen Augenblick später am Kopfende des Bettes zu stoßen. „Autsch!“ Er lässt sich zurück in die Kissen fallen und verzieht das Gesicht, ich kann in dem Moment nicht anders als mich über ihn zu beugen, ihm einen Kuss auf die Wange zu hauchen und zuzusehen, wie sich ein kleines Lächeln in sein Gesicht schleicht und er murmelt: „Hm. Mach das nochmal, ich glaube das hilft“ Ich grinse, er legt seine Hand um meine Hüfte und zieht mich wieder zu sich. „Hey, glaub ja nicht dass du mich weich kriegst! Ich steh jetzt auf“, sage ich bestimmt und entwinde mich seinem Griff.
Dann stehe ich auf und gehe auf den Balkon, um erstmal frische Luft zu bekommen. Nach einer Weile höre ich, wie die Balkontür geöffnet wird. „Ist dir nicht kalt hier draußen?“ „Hm… doch“ Er kommt wortlos näher und legt seine Arme um mich, ich stelle mich auf die Zehenspitzen und schlinge meine Arme um seinen Hals, um ihn zu mir zu ziehen. Ich vergrabe mein Gesicht an seiner Halsbeuge und atme seinen Duft ein, genieße den Augenblick.
„Sag mal…“ „Hm?“ „Macht ihr sowas wie gestern öfter?“ Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, ehe er erwidert: „Nein, also wir haben uns noch nie geküsst oder so, falls du das meinst…“ „Mhm“ Ich drücke mich noch enger an ihn, bin irgendwie erleichtert, dass er nicht völlig verrückt oder seltsam ist. „Naja, weißt du…“, fährt er fort, „Ich denke, es war mehr oder weniger unsere Absicht, dich anzumachen“ Und plötzlich grinst er und schaut mich an, ich lege meine Lippen auf seine, fühle seine Zunge, die zärtlich und doch irgendwie auffordernd mit meiner spielt. Ich fühle mich sicher in seinen Armen, als wären wir schon Jahre lang zusammen, nicht erst seit gestern. Eigentlich weiß ich nicht einmal, woher dieses Vertrauen kommt, aber im Moment ist es mir auch vollkommen egal, es zählt nur noch der Augenblick und das ziehende Gefühl in der Magengegend. Das erste Mal fühle ich sein Zungenpiercing, bin überrascht, wie gut es sich anfühlt. Ich halte kurz inne, warte ab.
Für einen Moment scheint die Welt einfach stillzustehen, dann löst er sich von mir und fragt leise: „Was ist?“ „Nichts… dein Piercing…“ Er lächelt „Magst du es?“ Seine Stimme klingt heiser, sein Blick bringt mich zum Glühen und als ich leise „Ja“ sage, klingt meine Stimme fast so rau wie seine. Er senkt seine Lippen erneut auf meine, ein warmer Schauer läuft meinen Rücken hinab und ich habe das Bedürfnis, ihn zu berühren, strecke meine Hand aus und schiebe sie vorsichtig unter sein Shirt. Ich spüre, wie er die Bauchmuskeln anspannt, jedoch weiterhin unablässig kleine Küsse auf meinem Hals verteilt. Ich streiche behutsam auf und ab, was ihm ein leises Seufzen entlockt. Schließlich lösen wir uns wieder voneinander und ich lächle ihn kurz an, dann ziehe ich ihn hinter mir her zurück in das Zimmer, das wir uns teilen, so lange ich da bin. Wer weiß, wie lange ich das noch kann.


Kapitel 29 - innocent hearts

- 1 Woche später -

„Gib mir mal bitte die Decke, mir ist kalt“ Er krabbelt zum Fußende und wirft mir die rote Flanelldecke zu, in die ich mich sofort einwickle. „Hey, mir ist auch kalt“, motzt Bill und zieht an einem Ende, um sich einen Teil der Decke zu sichern. Er rutscht zu mir und legt seinen Arm um meine Hüfte, während er mit der anderen Hand nach der Fernbedienung greift und den Fernseher einschaltet. Er zappt durch die Programme und schließlich entscheiden wir uns für einen etwas älteren Film mit zwei etwas verrückten Frauen, die als sie noch jung waren, irgendwelchen Rockbands als Groupies hinterher gereist sind. Wenn ich darüber nachdenke, bin ich nicht gar nicht so viel anders, nur die Tatsache, dass es mir nie um Sex ging, unterscheidet mich grundlegend von diesen Frauen. Und eben dieser eine, riesige Unterschied, der mir sagt, dass ich nicht menschlich bin. Auch wenn ich inzwischen mehrmals festgestellt habe, dass ich nicht viel anders fühle und denke wie die anderen, doch ein wenig Zweifel bleibt natürlich immer. Aber ich bin dankbar dafür, dass ich Bill habe, denn er zeigt mir immer wieder aufs Neue, was es heißt, richtige Gefühle für jemanden zu haben.

„Hey, lass das!“, protestiere ich halbherzig, als er plötzlich anfängt, seine Lippen über meinen Hals gleiten zu lassen. „Nö“, antwortet er schlicht und macht einfach weiter, die Gänsehaut, die sich auf meinem Körper ausbreitet, ignoriere ich gekonnt. „Ich will jetzt aber den Film sehen“ Ich bemühe mich, nicht zu grinsen, als ich sein Gesicht sehe, doch dann meint er einfach „Gut“ und ich bin fast ein wenig enttäuscht.

***

Ich lache, betrachte die schräge Szene im Film amüsiert. „Ich hatte seit zehn Jahren keinen Sex mehr“, lässt der Mann schließlich verlauten und der Gesichtsausdruck der Frau lässt mich noch mehr grinsen, ehe ich bemerke: „Mh… das ist ganz schön lange“ „Hm…“, brummt Bill wenig überzeugt. „Bei mir ist’s länger“ Was? Für einen Moment bin ich etwas schockiert, doch dann fange ich mich wieder und schaue ihn an, er senkt ein wenig verlegen den Blick. „Heißt das, du…?“ Er nickt noch ehe ich den Satz zu Ende führen kann und irgendwie könnte ich ihn im Moment knuddeln, so niedlich ist er dabei. Als ob es mir etwas ausmachen würde. Ich bin zwar selbst noch Jungfrau, von daher wäre es fast ein Vorteil, wenn er mehr Erfahrung hätte, aber irgendwie finde ich es ungemein beruhigend, obwohl ich es schon geahnt habe. „Schlimm?“, nuschelt er schließlich leise und ich kann nicht anders, als zu lächeln. Er küsst schüchtern meinen Mundwinkel und meint: „Ich hoffe, das ist ein Nein“ Ich muss schmunzeln, er wirkt im Moment so unsicher wie ein kleiner Junge am ersten Schultag. „Ist es“ Ich lege die Hand an seine Wange, er legt seine darauf und lehnt sich mir entgegen. Ich lege meine Lippen auf seine, lasse mich einfach fallen, Sekunden später bin ich völlig versunken in meiner Welt, unserem Traum.
Als wir uns wieder voneinander lösen, fühle ich mich ungewohnterweise müde, erschöpft. Ich lasse mich neben Bill in die Kissen fallen und eine Weile lang sagt keiner etwas, doch die Stille ist angenehm, vertraut. Schließlich schaltet er wortlos den Fernseher aus und ich lösche das Licht im Zimmer, fühle Bills Wärme und als ich leise in die Stille sage: „Weißt du was? Ich find’s toll“ fühle ich mich einfach nur noch vollkommen zufrieden und geborgen.


Kapitel 30 - stories about the past

Die Luft im Club ist stickig, die Musik so laut, dass man beinahe brüllen muss, um sich zu verständigen. Seit einer halben Stunde sind wir hier, ich habe schon jetzt Kopfschmerzen, doch ich bin froh, hier zu sein. Außer Bill, Tom und mir sind einige Freunde der beiden gekommen, die eigentlich recht nett zu sein scheinen, Cady und Caro kenne ich ja schon vom letzten Mal. Das Einzige, was mich beunruhigt, ist die Tatsache, dass auch Alex da ist. Er verhält sich zwar als wäre nie etwas gewesen, aber mir entgeht nicht, dass Bill ihm immer wieder böse Blicke zuwirft. Erst als ich mich auf seinen Schoß setze und ihn vor Alex’ Augen küsse, entspannt er sich sichtlich.
Allerdings habe ich nicht daran gedacht, dass die anderen offiziell noch gar nichts von unserer Beziehung wissen, und so dauert es keine fünf Minuten, bis Caro und Cady mich auffordern, mal eben mit ihnen nach draußen zu gehen. „Kommst du kurz mit, eine rauchen?“
Ich grinse und erhebe mich, folge den beiden nach draußen. Hier ist es angenehm still, doch ich kann es nicht lange genießen, denn Cady fängt bereits an, mich zu löchern. „Ihr seid doch zusammen?“, quietscht sie und ich nuschle ein „Ja“, woraufhin beide losquietschen und Caro mich in die Seite knufft als wären wir schon ewig befreundet.
Grundsätzlich finde ich es wirklich toll, dass sie mich so aufnehmen, aber im Moment weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. Was halten sie davon? Ich weiß ja nicht einmal, in welchem Verhältnis sie zu ihm stehen. „Das hat ja auch lange genug gedauert“, grinst Cady und streicht sich das Haar aus ihrem Gesicht. „Was meinst du?“, hake ich etwas irritiert nach. „Naja, Bill… ich glaube, er hatte seit zwei Jahren oder so keine Freundin mehr“ „Wirklich?“ Irgendwie erstaunt es mich und obwohl ich ihn inzwischen gut genug kenne, um zu wissen, dass er sich nicht jedem öffnet, hätte ich doch erwartet, dass es das eine oder andere Mädchen gab in den letzten Jahren. „Ja, wirklich“, lächelt Cady und Caro fügt hinzu: „Aber wir freuen uns für euch beide“ „Danke“, murmle ich etwas verlegen. „Na los, gehen wir wieder rein!“, lacht Cady. „Ich dachte, ihr wolltet eine rauchen?“ „Quatsch, wir wollten dich nur ausfragen“ Ich lache kurz auf und folge den beiden in den überfüllten Club.

***

„Stimmt es, dass du seit zwei Jahren keine Freundin mehr hattest?“ Überrascht sieht er auf, dann sagt er schlicht: „Ja“ „Hm… wieso?“ Reflexartig beiße ich auf meine Unterlippe, musste das sein? Es geht mich eigentlich gar nichts an. Aber er scheint mir nicht böse zu sein, stattdessen antwortet er: „Hm… ich weiß nicht… nicht die Richtige“ Ich lächle, es ist irgendwie süß von ihm, dass er so offen darüber redet und dass er in den letzten Jahren nicht die Richtige gefunden hat, deutet ja eigentlich nur darauf hin, dass er mich als etwas in der Art sieht. Genau wie ich ihn.
Er setzt sich aufs Bett und streckt seine Hand aus, ich ergreife sie und lasse zu, dass er mich auf seinen Schoß zieht. Ich schaue ihm in die Augen, bin gespannt, was jetzt kommt. Er lächelt kurz, dann haucht er mir einen Kuss auf die Lippen und sagt leise: „Das mit dir… es ist mir wirklich ernst“ Einen Moment lang scheint meine Welt stillzustehen, Worte wie diese haben zu viel Bedeutung, um sie innerhalb von Sekunden zu verstehen. „Mir auch“, entgegne ich schließlich und schlinge meine Arme um ihn, genieße die Stille, die uns gefangen hält.


Kapitel 31 - silent tears & inner fears

Als ich am nächsten Morgen aufwache, vernehme ich Bills Atem neben mir. Seine Augen sind geschlossen und seine Finger sind mit meinen verkreuzt. Einen Augenblick genieße ich seinen warmen Atem an meinem Hals, denke an gestern Abend. Ich fühle immernoch seine Hände, der süße Geschmack seiner Haut haftet an meinen Lippen und sein Geruch umhüllt mich.
Er hat gesagt, dass ich ihm wichtig bin und dass er es ernst meint, aber was passiert, wenn er wieder gehen muss? Meint er es ernst genug, um mir treu zu bleiben? Oder reicht seine Zuneigung nur für ein paar Wochen? Wahrscheinlich weiß er das selbst nicht sicher. Vielleicht hat er vor, mich mitzunehmen, aber ich weiß genau, dass das keinen Sinn hat. Ich würde die Freundin sein, von der niemand etwas mitbekommen durfte, das Mädchen im Hintergrund. Ich würde den ganzen Tag irgendwo sitzen und auf ihn warten, und wenn er dann endlich fünf Minuten Zeit hätte, würde er viel zu erschöpft sein, um irgendetwas zu tun, und sei es nur Reden. Vielleicht ist es egoistisch, so zu denken, aber ich würde das nicht aushalten, nicht mehr.
Ich habe gelernt, was es heißt verliebt zu sein und ich bereue keine Sekunde, doch ich weiß, dass Liebe auch ein Fluch sein kann. Ich weiß einfach nicht, was ich ohne ihn tun soll, ein Leben ohne seine Nähe scheint unvorstellbar, und doch ist mir klar, dass die Zeitbombe unter uns unablässig tickt.
Ich spüre, wie eine einzelne Träne sich den Weg meine Wange hinab bahnt, fühle mich schon jetzt so einsam, allein gelassen. Ich darf nicht daran denken, wie es sein wird, allein aufzuwachen, nicht mehr in seine Augen schauen zu können, ihn vielleicht nie wieder zu sehen. In diesem Moment kann ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten, sie rollen unablässig meine Wangen hinunter und ich schniefe leise. Etwas neben mir regt sich, ich versuche hastig, die Tränen wegzuwischen, doch es gelingt mir nicht rechtzeitig.
Bill beugt sich über mich und fragt leise: „Hey, was ist denn los?“ „Nichts“, beeile ich mich zu sagen, er runzelt leicht die Stirn und entgegnet: „Danach sieht es aber nicht aus“ Ich lächle matt, weiß nicht, was ich sagen soll. „Ist es wegen gestern?“, hakt er vorsichtig nach und ich hätte beinahe gelächelt, würde ich mich nicht so schlecht fühlen. „Nein… gestern war schön“ Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. „Was hast du dann?“ „Das hier… ich will es nicht vermissen“ „Das musst du nicht“ Er schaut mich verständnislos an, legt seine Hand an meine Wange und wischt die Tränen weg, die noch zurückgeblieben sind.
„Doch, spätestens in ein paar Wochen, wenn du wieder weg musst“ „Ich nehm dich mit“ „Das geht nicht…“, entgegne ich müde. „Warum nicht?“ „Ich…“ Ich beiße mir auf die Unterlippe. „Ich kann das nicht. Ich kann nicht die Freundin sein, von der niemand etwas erfahren darf“, sage ich ruhig und bin mir doch im Klaren darüber, dass es klingen muss wie eine Forderung. „Dann sag ich’s der Öffentlichkeit einfach“ Genau damit habe ich gerechnet und es macht mir das Herz noch schwerer. Er bemüht sich so und ich enttäusche ihn. Aber es geht nicht. „Damit ich Morddrohungen von irgendwelchen kranken Möchtegern-Fans bekomme? Ich weiß, du meinst es nur lieb, aber es geht nicht“, entgegne ich matt. „Ich weiß“, seufzt er unerwartet und drückt sanft seine Lippen auf meine, er schmeckt noch genauso süß wie am ersten Tag und für diesen einen Moment ist mir die Zukunft vollkommen egal.


Kapitel 32 - sweet love

„Und, ist unsere Prinzessin mal wieder im Bad?“, Tom steckt den Kopf zur Tür herein und grinst. „Ja, was dachtest du denn?“ Ich zwinkere und erwidere sein Lächeln, er macht die Tür ganz auf und fragt: „Kommst du mit, Frühstücken?“ „Klar“ Ich springe auf und folge ihm nach unten, um im nächsten Moment überrascht nach Luft zu schnappen.
„Wow, hast du das alles gemacht?“ Ich betrachte staunend den Frühstückstisch mit den frischen Brötchen, dem dampfenden Kaffee und den gekochten Eiern. „Mhm..“, nuschelt er immernoch lächelnd. „Was ist denn mit dir los?!“, necke ich ihn. „Tja“ Er tut geheimnisvoll, kann sich das Grinsen jedoch nicht verkneifen. „Sag mal, bist du verliebt?!“, kichere ich verwundert. „Mhm“, murmelt er verträumt und fängt an zu strahlen, woraufhin ich aufquietsche und ihn an mich drücke, so knuddelig und Tom-untypisch ist er im Moment. Noch vor ein paar Wochen schleppt er eine nach der anderen ab und jetzt das. Er erwidert meine Umarmung und ich murmle an seiner Schulter: „Freut mich für dich“
„Mhm… und das mit Bill und dir, das ist schon was Festes, oder?“ „Hmja“, lächle ich und löse mich wieder von ihm. Tom hebt eine Augenbraue, dann grinst er plötzlich. „Und, habt ihr schon…?“ Er pfeift kurz durch die Zähne und ich verpasse ihm einen Schlag gegen den Oberarm. Doch er lässt sich davon nicht beeindrucken, sondern bohrt unbeirrt weiter: „Na los, sag schon“ Er grinst noch immer breit. „Ja oder nein?“ Ich seufze geschlagen. „Hm… nein, nicht richtig“, entgegne ich lahm und wünsche mich sonstwohin, nur nicht hier in diese Küche mit Tom. „Hey, doch nicht so wild… ich meine, besser als wenn er dich flachgelegt hätte, ohne dass du es wolltest“ Überrascht ziehe ich die Augenbrauen hoch. „Das sind ja ganz neue Töne“, bemerke ich trocken. „Hmja. Weiß nicht.“ Ich schmunzle, aus dem Augenwinkel sehe ich wie Bill zur Tür reinkommt.
Ich wende mich ihm zu und nachdem er mir einen kurzen Kuss auf die Lippen gedrückt hat, erkläre ich: „Dein Bruder wurde gezähmt“ und grinse frech in Toms Richtung, der, inzwischen am Tisch sitzend und mit vollem Mund, wild gestikuliert und eindeutig nicht begeistert von meinem Ausspruch. „Hm… von einer Frau? Die will ich kennen lernen!“, meint Bill verdutzt und ignoriert seinen Bruder absichtlich, ehe er sich zu ihm setzt. „Kannst du! Sie kommt nämlich heute Abend vorbei, ich hab ihr gesagt wir gucken alle zusammen DVD“ „Oh“, macht Bill nur und ich muss grinsen, schon jetzt freue ich mich auf diese Begegnung.

***

Nadja ist ganz anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Ich habe ein vollbusiges Teufelsweib erwartet, aber als ich die Tür geöffnet habe, stand da ein zwar recht hübsches, aber doch unauffälliges braunhaariges Mädchen, nicht größer als 1,65 mit einer nicht allzu üppigen Figur. Ich mag ihre Ausstrahlung. Sie hat so etwas Freundliches und Aufgeschlossenes an sich, das ich so nicht erwartet hätte. Und doch frage ich mich, ob sie nicht bald langweilig wird für einen Typen wie Tom.
Im Moment liegt sie dicht an ihn gekuschelt auf dem Sofa, gelegentlich werfen die beiden sich verliebte Blicke zu oder küssen sich, und ich finde, dass diese Zuneigung einfach wunderschön ist. Bei dem Gedanken daran, dass Bill und ich wahrscheinlich genauso wirken, schlägt mein Herz sofort schneller und dass er neben mir sitzt und gedankenverloren meine Seite streichelt, macht es nicht gerade besser. Ich vergrabe mein Gesicht an seinem Schlüsselbein, das durch das ausgeschnittene Hemd freiliegt, und fahre mit den Lippen an seinem Hals entlang, woraufhin er hörbar ausatmet und du Augen schließt. Er schiebt seine Hand vorsichtig unter meine Bluse und fährt behutsam mit den Fingernägeln an meiner Seite auf und ab, was mir ein leises Seufzen entlockt.
Ich bin gerade dabei, die Welt um mich herum völlig zu vergessen, als ich Toms Stimme vernehme: „Hey, wenn ihr weitermachen wollt, geht auf euer Zimmer!“ Er grinst dreckig und Nadja sagt: „Du musst ja auch immer die Stimmung verderben!“ Doch sie sagt es nicht vorwurfsvoll, aus ihrem Mund klingt es liebevoll und in diesem Moment wird mir klar, warum Tom sich in sie verliebt hat.


Kapitel 33 - just as long as you stand by me

Irgendwann löse ich mich aus Bills Umarmung und tapse in die Küche, um mir etwas zu Trinken zu holen. Ich öffne den Kühlschrank, nehme eine Dose RedBull heraus und noch ehe ich mich wieder umdrehe, weiß ich, dass er hinter mir steht. Ich stelle die Dose auf der Arbeitsfläche ab und lehne mich an ihn, er legt seine Arme um mich und fragt überrascht: „Woher hast du das gewusst?“ „Ich weiß nicht“, lächle ich. „Ich habe es gespürt“ Er seufzt kurz und ich bin froh dass er nicht weiter nachfragt. Dann fühle ich seinen Atem an meiner Wange und keine Sekunde später knabbert er sanft an meinem Ohrläppchen. Ich lehne mich mit geschlossenen Augen nach hinten und lasse meine Hände in die Gesäßtaschen seiner Jeans verschwinden. Seine Lippen wandern seitlich an meinem Hals entlang, seine Hand schiebt sich wie von selbst unter meine Bluse. Ich seufze leise, drehe mich zu ihm um. Ich kann die Lust in seinen Augen förmlich sehen, als er seine Lippen auf meine senkt, keiner von uns schließt die Augen und die Glut in seinen Augen scheint mich zu verbrennen.
Doch der Moment ist viel zu schnell vorbei und er grinst entschuldigend: „Tut mir leid, ich kann meine Finger heute nicht von dir lassen“ „Das war viel zu gut, um sich dafür zu entschuldigen“ Ich lege meine Hand in seinen Nacken und ziehe ihn an mich, um meine Lippen auf seine zu legen. Dieses Mal bleibt der Kuss zärtlich und ich bin wieder einmal erstaunt, wie er vom einen Moment zum anderen von feurig zu liebevoll wechseln kann.
„Mh… wir sollten wieder rübergehen“, nuschelt er in mein Haar und löst sich aus meinem Griff. Etwas enttäuscht folge ich ihm ins Wohnzimmer, um kurz darauf festzustellen, dass es leer ist. „Oh“, höre ich Bill neben mir und muss augenblicklich schmunzeln. Vermutlich sind die beiden auf Toms Zimmer gegangen. „Naja, dann machen wir halt alleine Party“, grinse ich und schmeiße mich auf die Couch. „Hm, schauen wir noch ’nen Film?“ „Okay“ Er legt irgendeine DVD ein und setzt sich ans andere Ende des Sofas. Ich kann mich ungefähr fünf Minuten auf den Film konzentrieren, dann bleibt mein Blick immer öfter an ihm hängen. Er sitzt da, seine Beine sind nach vorn ausgestreckt, so dass seine Hüfte beinahe waagrecht auf dem Polster des Sofas liegt, der oberste Knopf seines ohnehin schon ausgeschnittenen weißen Hemdes ist offen und ich sehe, wie sich sein Brustkorb langsam hebt und senkt. Er ist noch genauso faszinierend wie damals, als ich ihn nicht kannte und mich doch von ihm angezogen fühlte, damals, als ich noch nicht wusste, warum.
Irgendwann schaut er mich aus dem Augenwinkel an und streckt seine Hand aus, ich nehme sie und lege meinen Kopf in seinen Schoß. Mit der einen Hand spielt er gedankenverloren mit meinen Haaren, während er mit der anderen immernoch meine umschlossen hält und in diesem Moment hätte ich am liebsten die Zeit angehalten. Im Hintergrund höre ich, wie die Leute in diesem Film irgendetwas sagen, aber ich nehme es kaum wahr, genieße einfach die Ruhe.
Plötzlich meint Bill leise: „Was die wohl da oben machen?“ „Hm… ich kann’s mir vorstellen“ Ich grinse, er legt die Hand an meine Wange und scheint kurz nachzudenken, dann sagt er unvermittelt: „Wir lassen uns Zeit, okay?“ Ich blinzle überrascht, ich mag es, dass er so nicht typisch Mann eingestellt ist, und doch bleibt da immernoch eine Frage. „Aber wie viel Zeit bleibt uns noch?“ „Komm mal her“, fordert er leise und ich richte mich auf, um mich von ihm in seine Arme ziehen zu lassen. „Ich muss in zwei Wochen ins Studio“ In diesem Augenblick kommt es mir vor, als würden die Wände des Zimmers immer näher kommen, mich einquetschen, mich zerstören und ich muss mich bemühen, mich nicht einfach in diese andere Welt zu flüchten, die Welt, in der ich nur noch ihn fühle, nur noch seine Berührungen und seine Wärme. Natürlich habe ich es gewusst, aber erst jetzt wird mir bewusst, wie leer es ohne ihn sein wird. Er haucht mir einen Kuss auf die Wange, vergräbt sein Gesicht an meinem Hals und streicht behutsam über meinen Rücken, ich fühle mich wohl, das Einzige, das mich quält, sind diese Gedanken.
„Hey, aber nur weil ich für zwei Monate nach Hamburg muss, heißt das doch nicht, dass wir uns komplett trennen müssen“ „Wie meinst du das?“ Wie will er das anstellen? Ist das wirklich möglich? Ich habe solche Angst, vollkommen zu verzweifeln ohne ihn. „Naja, wir sind nicht immer zusammen, aber du kannst doch mal kommen am Wochenende und wir bekommen ja auch ein oder zweimal Pause… und danach sind wir wieder eine Weile zuhause“ Noch eine Weile, wieder eine bestimmte Zeit, ein begrenzter Zeitraum. Doch ich kann es nicht ändern und ich kann diese Beziehung auch nicht früher beenden als es unbedingt sein muss.


Kapitel 34 - if tomorrow never comes…

Ich blinzle verwirrt, das plötzlich einfallende Licht ist viel zu grell und ich habe keine Ahnung, wo ich bin und was ich hier mache. Alles, was ich spüre sind zwei Arme, die um meinen Nacken liegen und das gleichmäßige Atmen der Person neben mir. Allmählich kehrt die Erinnerung an gestern Abend zurück und ich frage mich, wann ich wohl eingeschlafen bin, dass wir immernoch hier auf der Couch liegen.
Vorsichtig befreie ich mich aus seiner Umarmung und gehe leise in Richtung Küche, um Frühstück zu machen. Ich habe jedoch gerade erst die Teller hingestellt, als Tom und Nadja die Küche betreten. Nadja kichert und streicht sich das Haar aus dem Gesicht, Tom murmelt verschlafen: „Morgen“ und ich muss unwillkürlich lächeln, nichts scheint im Augenblick schief gehen zu können.

***

Kaum sind wir fertig mit Frühstücken, macht sich Bill schon auf den Weg nach oben, um sich dort gleich wieder ins Bett zu legen. „Nee, oder?“, schnaube ich entrüstet über so viel Faulheit, muss jedoch aufpassen, nicht gleichzeitig loszulachen, weil er mich so schuldbewusst angrinst. Ich werfe mich neben ihm aufs Bett, doch auch das scheint ihn nicht zu stören, stattdessen schlingt er seinen Arm um meine Hüfte und zieht mich an sich. „Wie kann ich dich dazu überreden, noch ne halbe Stunde liegen zu bleiben?“, nuschelt er verschlafen und küsst kurz meinen Nacken. „Hm, also mir fällt da so einiges ein“, grinse ich und drehe mich zu ihm, für den Bruchteil einer Sekunde tritt ein Ausdruck in seine Augen, den ich beim besten Willen nicht deuten kann, unsere Blicke kleben aneinander und ich bin gefangen. Dann fühle ich plötzlich seine Lippen auf meinen, seine Hand legt sich wie von selbst in meinen Nacken und seine warme Zunge erkundet meinen Mund. Es fühlt sich vertraut an, und gleichzeitig spüre ich, dass heute irgendetwas anders ist. Er scheint es auch zu spüren, denn er lächelt mich kurz an, dann intensiviert er seinen Kuss und zieht mich gleichzeitig auf sich, so dass sein Körper unter meinem begraben liegt und ich deutlich spüre, wie sich sein Brustkorb langsam hebt und senkt.
Er legt seine Hände in meinen Rücken und streichelt langsam auf und ab, ich verteile Küsse auf seinem Kinn und seinem Hals, bis er leise zu seufzen beginnt, dann dreht sich auf einmal meine Welt und er drückt mich in die Kissen. Er presst seine Hüfte gegen meine und senkt seinen Blick in meinen, seine Augen blitzen gefährlich und als er mich abermals küsst, nehme ich sein Zungenpiercing stärker wahr denn je. Ich lasse meine Hände unter sein Shirt wandern und fahre langsam mit den Fingernägeln an seinem Rücken entlang, er grinst kurz an meinem Mund und hebt den Kopf, ich kann nicht anders, als ihn anzustarren.
Seine langen schwarzen Haare sind verstrubbelt, seine sonst so warmen Augen wirken unergründlich tief und seine Lippen zittern leicht. Er ist einfach wunderschön. Und in diesem Moment weiß ich es. Auch wenn wir es nicht so geplant haben, ich muss nicht mehr warten, um zu wissen, was ich wirklich will. „Bill?“ „Hm?“ Er zieht leicht die Augenbrauen zusammen und ich muss lächeln bei dem Anblick. „Ich brauche keine Zeit mehr“ Ich schaue ihm tief in die Augen, er erwidert meinen Blick und legt für einen Augenblick seine Lippen auf meine, ehe er antwortet: „Und… du willst es wirklich?“ „Nur wenn du es auch willst“ Er lächelt und es ist das schönste Lächeln, das ich je gesehen habe. Dann legt er seine Hände an meine Hüften und lässt sie schließlich unter mein Shirt gleiten, er tastet sich langsam vor und das Kribbeln, das meinen Körper durchströmt, wird mit jeder Berührung stärker.
Ich schiebe sein Shirt langsam nach oben, er richtet sich kurz auf und zieht es sich über den Kopf, mein Blick hängt an seinem eigentlich viel zu schmalen Oberkörper, der doch so perfekt scheint. Ich lege vorsichtig meine Hand an seinen Bauch und er schnurrt leise, als er sich wieder über mich beugt und anfängt, an meinem Ohrläppchen zu knabbern. Seine Haare bedecken mein Gesicht, ich muss kurz grinsen, weil sie mich kitzeln. Er fragt irritiert: „Was?“ und ich nutze seine Verwirrung aus, um ihn von mir runterzuschubsen. „Hey, was wird denn das jetzt?“ Ich kichere leise über den enttäuschten Unterton in seiner Stimme. „Bleib einfach liegen und lass mich machen“
Er pustet sich die Haare aus dem Gesicht und ich glaube, den Anflug eines Lächelns in seinen Zügen zu erkennen, dann beginne ich zaghaft, seinen Hals zu küssen, lasse meine Lippen über sein Schlüsselbein zu seiner Brust wandern , bis ich schließlich an seinem Hosenbund angekommen bin. Ich will gerade anfangen, seine Hose zu öffnen, als er mich unerwarteterweise nach oben zieht und in einen innigen Kuss zwingt. Meine Hände verirren sich wie von selbst wieder zu seiner Hose und es dauert nicht allzu lange, bis er sie schließlich los ist. Seine Küsse werden immer hungriger und ich kann seine Erregung förmlich spüren, doch auch ich finde Gefallen an der aufgeheizten Situation und dem Ausdruck in seinen Augen.
Kurze Zeit später fährt er aufreizend langsam mit den Fingernägeln an meiner Seite entlang, um schließlich mit einem beinahe schüchternen Blick meine Hose zu öffnen und sie vorsichtig abzustreifen. Er küsst mich weiterhin zärtlich und ich genieße seine Berührungen auf meiner nackten Haut, immer wieder werfen wir uns Blicke zu, mal zärtlich, mal glühend, doch stets verliebt. Ich lasse meine Lippen abermals seinen Hals hinabwandern, sauge mich hier und da leicht fest und höre zu, wie sein Atem schneller wird. Er schnauft vernehmlich und krallt seine Hände in meinen Rücken, dann fasst er nach oben, um meinen BH zu öffnen, was ihm überraschend schnell gelingt und mir ein kleines Lächeln entlockt. Betont langsam befreie ich ihn schließlich von seinem letzten Kleidungsstück. „Du machst mich völlig verrückt, weißt du das?“, murmelt er heiser und legt seine Hände an meine Hüfte, um meinen Slip vorsichtig herunterzuziehen.
Es folgen noch unzählige wunderbare Berührungen und schließlich schlafen wir miteinander. Ich fühle mich sicher in seinen Armen, er ist liebevoll und heiß zugleich und mir wird klar, dass ich es nicht besser treffen können hätte.
Er vergräbt sein Gesicht an meiner Halsbeuge wie ein nach Schutz suchendes Kind und ich muss ihn beinahe schubsen, damit er unwillig murrend von mir herunterrollt. Einige Sekunden später legt er schweigend einen Arm um mich und zieht mich an sich. „Ich brauche dich“, nuschle ich leise, es ist der erste halbwegs vernünftige Gedanke den ich zustande bringe. Zur Antwort küsst er mich nur zärtlich in den Nacken und Sekunden später höre ich, wie er langsam und ruhig atmet. Ich drehe mich vorsichtig zu ihm um und betrachte ihn, sein Haar klebt verschwitzt an seiner Stirn und seine Augen sind geschlossen. Er schläft friedlich, doch dank der rötlichen Farbe seiner Wangen kann man erahnen, was eben war. Er ist wunderschön, trotz allem wirkt er so unschuldig und rein damals, als ich noch so weit entfernt von ihm war. In diesem Moment wird mir zum ersten Mal richtig bewusst, dass ich mich ernsthaft in ihn verliebt habe und dass meine Gefühle für ihn ständig intensiver werden.

Is the love I gave her in the past
gonna be enough to last
if tomorrow never comes...?



Kapitel 35 - Womens’ Talk

Ich fühle, wie etwas meine Nase kitzelt und als ich unwillig die Augen aufschlage, schaue ich in ein Paar schokoladenbraune Augen. Er hat sich über mich gebeugt und lächelt leicht, während er mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht streicht. „Hey“ Er berührt mit seinen Lippen kurz meine Wange, dann erhebt er sich schwungvoll und beginnt, sich anzuziehen. Ich sehe ihm eine Weile lang zu, bevor ich mich selbst anziehe und schließlich machen wir uns auf den Weg nach unten.
Nadja ist nicht mehr da, dafür scheint Tom umso hyperaktiver zu sein, denn kaum ist Bill mal eben weg, fängt er auch schon an rumzuhibbeln und breit zu grinsen. „Was ist denn jetzt schon wieder?“, frage ich verwundert und es klingt misstrauischer als ich beabsichtigt habe. „Du strahlst so“, grinst er. Die pure Ironie, wer grinst denn hier die ganze Zeit wie ein Honigkuchenpferd? „Jaah, das sagt der Richtige!“ „Und??“, bohrt er weiter, ohne auf meine Bemerkung einzugehen. „Gibt’s nen bestimmten Grund dafür?“ „Nein“, nuschle ich in meinen nicht vorhandenen Bart, woraufhin Tom nur noch mehr grinst und trocken feststellt: „Aha. Daher also deine gute Laune und die zwanzig Knutschflecken am Hals“ Inzwischen ist er sichtlich bemüht, sich das Lachen zu verkneifen und ich werfe eines der Brötchen, die noch im Brotkorb liegen, nach ihm, nicht ohne vorher skeptisch an mir herunterzuschauen. Er lacht los und meint: „Erwischt!“ „Hm“, grummle ich scheinbar beleidigt, kann mir aber selbst ein Lächeln nicht verkneifen.

***

„Sag mal, hättest du Lust, mitzukommen zum Shoppen?“, schlägt Simone vor, als wir zusammen zu Mittag essen. Ich bin zwar überrascht, stimme aber dennoch zu. Wir haben uns während der Wochen, in denen ich hier war, immer sehr gut verstanden, aber so richtig kennen gelernt haben wir uns nie und wenn ich darüber nachdenke, bereue ich das fast. „Nur wir beide?“, hakt sie zwinkernd nach und ich nicke bestätigend, ohne auf das Protestieren von Bill zu achten. „Spielverderber!“, grinst Simone und mir fällt wieder einmal auf, dass sie ihren Sohn mehr wie einen Freund behandelt.
Eine halbe Stunde später sitzen wir gemeinsam im Zug und reden über Dies und Das, ein paar Mal fällt das Thema auf Bill, was mir zu Anfang eher unangenehm ist, aber mit der Zeit wird es besser und als Simone erzählt, wie er noch vor wenigen Jahren nackt im See geplanscht hat, muss ich sogar richtig lachen.
Plötzlich schmunzelt auch sie und ihre Augen funkeln belustigt. „Was ist?“ „Ach nichts, ich musste nur eben an was denken“, meint sie betont beiläufig und versucht krampfhaft, sich das Lachen zu verbeißen. „Ach komm, jetzt hast du angefangen, das musst du mir schon erzählen!“, dränge ich sie. „Hm na gut…“, grinst sie. „Aber du hast das nicht von mir, klar?“ „Klar“, bestätige ich. „Naja, das ist noch gar nicht so lange her… vielleicht drei Jahre oder so.“ Sie schaut kurz gedankenverloren aus dem Fenster, ehe sie fortfährt: „Wir waren alle zusammen schwimmen, Gordon, Tom, Bill und ich… es war Hauptsaison auf dieser Insel, der Strand war voll von Touristen…“ Sie grinst und hält kurz inne. „Jedenfalls kam Bill irgendwann aus dem Wasser und naja, ich war leicht überrascht…“ Sie kichert verhalten. „Und ich hab ihn gefragt, ob er nicht was vergessen hat… und er schaut an sich runter und bemerkt, dass er irgendwie seine Badehose verloren hat“ Das schelmische Funkeln in ihren Augen kehrt zurück und dieses Mal ist sie nicht die einzige, die loslacht. Die Vorstellung ist einfach zu göttlich und ich habe Mühe, nicht fünf Minuten nach ihrer Erzählung noch albern zu kichern.
Die Zugfahrt vergeht viel schneller als gedacht und wir machen uns fröhlich schwatzend auf den Weg, um in einige Läden zu gehen. Es ist hauptsächlich Simone, die irgendwelche Sachen anprobiert, ich stehe meist nur daneben und berate sie, aber irgendwie ist das ganz nett so und ich fühle mich so menschlich und normal wie nie. Als wir schließlich gemütlich in einem kleinen Café am Stadtrand sitzen, meint sie aus heiterem Himmel: „Horizon? Ich bin echt froh, dass du es bist, die… naja, Bills Herz erobert hat“ Sie lächelt kurz über die Floskel, dann fährt sie fort. „Weißt du, er lässt nicht jeden an sich ran… sogar vor mir verschließt er sich manchmal.“ Ein kurzer, traurig wirkender Blick nach unten, ein kleines Lächeln. „Und ich mag dich“, sagt sie schlicht und lächelt ihr offenes Lächeln. In diesem Moment glaube ich, dass alles glatt läuft. Ich bin einfach nur froh, dass ich mich so gut mit seiner Mutter verstehe. Doch ich weiß auch, dass nicht alles so bleiben kann wie es ist, egal, wie sehr ich es mir wünsche. Ich wünschte, alles könnte so bleiben wie letzte Nacht, als wir uns in den Armen lagen und einfach nur füreinander da waren. Wenn ich daran denke, dass das bald nicht mehr so sein kann, zieht sich mein Magen zusammen und mit ihm mein Herz. „Horizon?“ Simone schaut mich fragend an. „Tut mir leid, ich war in Gedanken“ „Das hab ich gemerkt… an was hast du gedacht, wenn ich fragen darf?“ „Ich habe Angst“ Überrascht stelle ich fest, wie schnell diese Worte über meine Lippen kamen, anscheinend schafft sie es irgendwie, dass ich mich ihr öffne, auch wenn ich sie noch nicht lange kenne. „Ich weiß“ Sie legt ihre Hand auf meine und lächelt mich an, ein warmes Funkeln liegt ihren Augen und für einen Moment erinnert sie mich ein bisschen an Bill. „Du hast Angst, ihn zu verlieren, hab ich Recht?“ Ich kann nur nicken, bin erstaunt, dass sie mich zu verstehen scheint. „Ich kann das gut nachvollziehen, glaub mir… aber du musst keine Angst haben“ Sie lächelt flüchtig. „Bill ist nicht derjenige, der einfach die Person verlässt, die er liebt“

Kapitel 36 - walking on sunshine…

„Kommst du jetzt noch mit in den Park?“, fragt Bill mit hoffnungsvollem Blick, als wir nachmittags nach Hause kommen. „Und wie willst du das machen, ohne erkannt zu werden?“ Er lacht kurz auf, dann winkt er ab und meint: „Ach, da sind immer nur Senioren… da passiert gar nichts… wir müssen nur aufpassen, dass wir ungesehen aus dem Haus kommen, der Rest ist nicht so wild“ „Okay“, lächle ich etwas zögerlich und werfe meine Jacke aufs Bett, die Tasche stelle ich ebenfalls ab und will mich gerade auf den Weg machen, als er mich zurückhält. „Es wäre besser, wenn du vorgehst… ich komm in ein paar Minuten nach, wir treffen uns an der Kreuzung drüben am Wald“ „Okay“, antworte ich widerstrebend, ich weiß jedoch, dass es so am Besten ist.
Einige Minuten später stehe ich an der Waldkreuzung und warte. Es dauert nicht lange, dann kommt Bill den Weg entlang geschlendert, er trägt zwar eine Sonnenbrille, ist sonst jedoch vollkommen normal gekleidet, Streifenpulli und Jeans. Er nimmt meine Hand in seine und eine Weile lang laufen wir schweigend nebeneinander her, bis wir schließlich zu einem kleinen, grünen Park kommen. Außer einigen älteren Leuten ist tatsächlich niemand hier, und Bill behält auch mit dem Rest seiner Aussage Recht. Es gibt keine Zwischenfälle, außer einer Oma, die für ihren fünfjährigen Enkelsohn ein Autogramm will.
Schließlich liegen wir ausgestreckt auf der Wiese, die Sonne wärmt uns und sein Kopf liegt ruhig auf meiner Brust, während er mit seinen Fingern über meinen Handrücken streicht. Ich lege meine Hand in seinen Nacken und fahre mit den Fingerspitzen durch sein Haar, was er mit einem zufriedenen Seufzen quittiert. Eine halbe Ewigkeit liegen wir einfach nur da und genießen die Stille, die uns umfängt. Es ist eine wunderbare Stille, die nur gelegentlich durch das Zwitschern eines einzelnen Vogels durchbrochen wird, es ist warm und das wohlige Gefühl, das ich auch am Morgen in dem kleinen Café hatte, kehrt in verstärkter Weise zurück. Irgendwann finden sich unsere Lippen und als ich zwischen zwei Küssen murmle: „Und wenn uns jetzt jemand fotografiert?“ lacht er nur leise und entgegnet: „So halten die mich doch sowieso alle für ein Mädchen“ Ich muss unwillkürlich grinsen, küsse kurz seine Nasenspitze und schließe dann die Augen, um mich erneut der Stille hinzugeben.
Doch wider meiner Erwartungen fühle ich erneut seine Lippen auf meinen, ein überraschter Laut entweicht meiner Kehle und ich höre, wie er leise kichert, ehe er seine Lippen weiter fordernd auf meinen bewegt. Doch ich habe nicht vor, es ihm leicht zu machen, stattdessen presse ich meine Lippen fest zusammen und lasse ihn zappeln. Er murrt unwillig und streicht mit der Zunge über meinen Mund, ich schlage die Augen auf und bin kurz davor, zu lächeln, doch im letzten Moment halte ich mich davon ab. Er zieht die Augenbrauen zusammen und runzelt die Stirn, ich beiße ihm spielerisch in die Unterlippe, um gleich darauf wieder den Kopf wegzudrehen. Er scheint sich meiner Absichten klar zu werden, aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sich ein raubtierartiges Funkeln in seinen Blick schleicht und er beginnt, meinen Hals zu küssen.
Langsam und überzeugend saugt er sich fest und ich muss aufpassen, nicht laut zu seufzen. Er fährt mit den Lippen an meinem Hals entlang und küsst meine Halsbeuge, bevor er nuschelt: „Und du willst wirklich nicht?“ Am liebsten würde ich sofort den Kopf schütteln, doch ich beherrsche mich und murmle: „Mhm…“, woraufhin er einen kleinen Kuss auf mein Kinn platziert und haucht: „Sicher?“ „Ja“ Zu meinem Erstaunen habe ich meine Stimme wieder gefunden, und sie zittert noch nicht einmal. Er legt seine Lippen an meinen Mundwinkel und ich bin kurz davor, wahnsinnig zu werden, er schmeckt einfach viel zu süß und innerlich weiß ich, dass ich dieses Spiel schon längst verloren habe, dass er es ist, der die Fäden zieht, ich bin seine Marionette. Nichtsdestotrotz will ich nicht nachgeben, als er mit einem hinterlistigen Funkeln in den Augen fragt: „Immernoch?“ Und so nicke ich heftig, etwas zu heftig vielleicht.
Er grinst nur wissend und legt seine warmen, weichen Lippen auf meine, den Bruchteil einer Sekunde später hat er mich, ich bin wehrlos und klammere mich wie eine Ertrinkende an ihn, flehend, er solle mich doch endlich richtig küssen. Fordernd fahre ich mit der Zunge über seinen Mund, als er mir endlich Einlass gewährt, presse ich gierig meine Lippen auf seine und spiele kampflustig mit seiner Zunge. Eine Weile lang spielt er mit, dann hält er plötzlich inne und ich bin schon fast enttäuscht, doch im nächsten Moment wird mir klar, was er vorhat. Ich erkunde weiterhin seinen Mund, wie erwartet wehrt er sich nicht, seufzt nur gelegentlich wohlig und lässt mich machen. Nach einer halben Ewigkeit habe ich halbwegs genug und gebe ihn frei, er lächelt mich an. Wenige Augenblicke später beugt er sich über mich und haucht an meinem Ohr: „Halt still“
Kurz darauf begräbt er meinen Körper unter seinem und drückt seine Lippen auf meine, stupst bedächtig meine Zunge mit seiner an und beginnt, mich quälend langsam zu küssen. Seine Hand streicht über meine Wange und ich bin versucht, seinen Kuss einfach zu erwidern, doch das wäre gegen die Abmachung und außerdem nicht halb so spannend gewesen, also lasse ich mich einfach fallen und gebe mich seinen Berührungen hin. Mit jeder Bewegung, mit jedem Streifen seiner warmen Zunge wird das Kribbeln in meinem Bauch intensiver, mein Herz schlägt schneller und auch wenn ich versuche, mich zu entspannen, fällt es mir sichtlich schwer. Sein Kuss wird fordernder, intensiver, er presst seine Lippen hart auf meine und sein Piercing drückt sich in meine Zunge, während er meine Hände nimmt und sie über meinem Kopf ins Gras drückt. Ich fühle seinen Atem auf meiner Haut, die feinen Härchen in meinem Nacken haben sich längst aufgerichtet und obwohl ich vorher nie so leidenschaftlich geküsst wurde, finde ich immer mehr Gefallen daran.
Schweratmend lässt er schließlich von mir ab und schnauft: „So, jetzt weißt du, wie verrückt du mich immer machst“ Erstaunt über seine Worte und immernoch atemlos schaue ich ihn an, er erwidert kurz meinen Blick, dann umschließt er meine Hand wieder mit seiner und legt seinen Kopf auf meinen Bauch, um die wenigen übrig gebliebenen Sonnenstrahlen zu genießen.


Kapitel 37 - something strange

Ich schiebe ihn mit sanfter Gewalt rückwärts zum Bett, drücke ihn nach hinten und bedecke seinen Körper mit meinem. Seine Hände wandern wie von selbst unter mein Shirt und ich seufze leise in den Kuss, den wir austauschen. „So stürmisch heute?“, nuschelt er an meinem Mund und ich grinse kurz, dann drücke ich meine Lippen erneut auf seine, um ihn zum Schweigen zu bringen. Seine Augenlider flattern für einen Moment überrascht, doch im nächsten Augenblick fängt er sich wieder und schließt die Augen, ich folge seinem Beispiel. Er gibt sanft Gegendruck, ein warmer Schauer rieselt mein Rückgrat hinunter und sein Geruch strömt auf mich ein, ohne dass ich mich wehren kann. Er knabbert zögerlich an meiner Unterlippe und zieht mich an der Hüfte noch näher an seinen Körper. Ich spüre seinen warmen Atem an meinem Mund und in diesem Moment brennt irgendeine Sicherung in meinem Gehirn durch, ich sehe nur noch seine Lippen und den Ausdruck in seinen Augen und es bringt mich um den Verstand. „Ich will dich“, hauche ich mit heiserer Stimme und nehme kaum wahr, wie er grinst. „Schon wieder?“, fragt er mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. „Nein, immer noch“ „Mhm“, brummt er und legt seine Lippen ein weiteres Mal auf meine, um mir ein weiteres Mal das Gefühl zu geben, geliebt und gebraucht zu werden.

***

Auch wenn wir gestern Abend noch um einiges stürmischer waren - jetzt liegen wir zusammengekuschelt im Bett, mein Kopf liegt an seiner nackten Brust und ich lausche mit geschlossenen Augen seinem gleichmäßigen Atem. Plötzlich, als ich eigentlich davon ausgehe, dass er längst eingeschlafen ist, sagt er unvermittelt: „Weißt du, manchmal denke ich wirklich daran, alles hinzuschmeißen“ Verwundert blicke ich auf, direkt in seine wundervollen Augen. „Wieso?“, hake ich nach, obwohl ich glaube, die Antwort bereits zu kennen. Er streicht unablässig mit den Fingernägeln an meiner Seite entlang, während er fortfährt: „Naja, zuerst ist da dieser ganze Druck, ich muss immer perfekt sein… ich muss lächeln, auch wenn ich am liebsten heulen würde, weil ich mich bedrängt und gleichzeitig allein fühle… je größer das Hotelbett, desto einsamer fühlt man sich… weißt du, was ich meine?“ Zum ersten Mal in seinem Monolog schaut er mich an, ich nicke und warte darauf, dass er noch etwas sagt, doch er lässt sich Zeit. Schließlich murmelt er beinahe unhörbar: „Und dann bist da noch du…“ Er senkt für einen Moment den Blick, ich will ihn gerade küssen, doch wir werden von Tom unterbrochen, der ins Zimmer platzt.
„Oh“, macht er überrascht, doch dann grinst er nur breit und bleibt einfach im Türrahmen stehen, die Tatsache, dass wir beide nackt sind, übergeht er geflissentlich. Ich ziehe die Bettdecke enger um meinen Körper, Bill knurrt verärgert: „Hau ab, Tom“ Dieser grinst noch breiter und legt zwei Finger an seine übergroße Hoppercap, um sich dann umzudrehen und gemütlich aus dem Zimmer zu schlendern.
„Toll, jetzt ist die Stimmung hin!“, mault Bill und schält sich aus der Bettdecke, ich schmunzle nur und schaue zu, wie er ins Bad verschwindet. Als er zehn Minuten später wieder ins Zimmer kommt, liege ich immernoch im Bett, er wirft mir einen giftigen Blick zu und ich bin beinahe geschockt. Was habe ich ihm getan? Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verlässt er den Raum und knallt die Tür hinter sich zu. Kopfschüttelnd stehe ich auf und springe unter die Dusche und auch wenn ich innerlich aufgewühlt bin, beruhigt mich das Prasseln des warmen Wassers auf meiner Haut ungemein. Beim Föhnen meiner Haare und beim Schminken lasse ich mir absichtlich Zeit, nur um ihm zu zeigen, dass ich mich genauso gut ohne ihn beschäftigen kann.
Nach einer Weile gehe ich zurück ins Schlafzimmer und treffe dort wider Erwarten auf Bill. „Hey“, nuschelt er, als ich mich auf die Couch setze, er selbst sitzt auf dem Bett. „Tut mir leid wegen vorhin“, sagt er schließlich leise und ich murmle verhalten: „Ist okay“, obwohl ich mich überhaupt nicht so fühle, ich verstehe noch immer nicht, was das sollte. „Hör zu, das war nicht persönlich gemeint… eigentlich war ich nur sauer wegen Tom und naja, weil das grad so gemütlich war und der perfekte Zeitpunkt, um… ach, vergiss es“, seufzt er und streckt seine Hand nach mir aus, ich gehe zum Bett und lasse mich neben ihn fallen. Er nimmt meine Hand in seine, küsst mich kurz auf die Stirn und zieht mich dann an sich. Ich weiß, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, um danach zu fragen, aber irgendwann will ich wissen, was er meinte, als er sagte, es sei der richtige Zeitpunkt gewesen.


Kapitel 38 - blood and coffee

Gemeinsam betreten wir die Küche und setzen uns zu Tom, der komplett damit beschäftigt ist, riesige Mengen von Rührei zu vernichten. Ich nehme mir eines der frischen Brötchen und beginne, es aufzuschneiden, doch ungeschickt wie ich manchmal bin, schneide ich mir in den Finger. „Au“, quietsche ich, betrachte meinen Finger und erblicke einen kleinen, aber schmerzhaften Schnitt. „Oh“, macht Bill neben mir, dann greift er kurzerhand nach meinem Arm und legt meinen Finger an seine Lippen, um das Blut wegzuküssen. Ich lächle, bin überrascht. Das hätte ich nicht erwartet, und doch kann ich nicht leugnen, dass ich es irgendwie niedlich finde. Ich sehe, wie Tom nur verständnislos die Augenbrauen hebt und lache leise in mich hinein, wer weiß, was er gerade denkt.
„Hm, wisst ihr was?“ „Gleich weiß ich’s“, grinst Tom frech. „Ich will mal was an mir verändern“, sage ich schlicht und habe damit die ungeteilte Aufmerksamkeit der beiden. „Und was?“, fragt Bill erstaunt. „Weiß nicht, meine Frisur zum Beispiel… die ist langweilig“ Verwirrtes Stirnrunzeln von beiden Seiten, ein vielsagendes Austauschen von Blicken und schließlich ein: „Naja, wenn du meinst…“ von Bill. „Ja… ich glaube, ich geh gleich nachher zum Friseur“, grinse ich einer Eingebung zufolge und springe auf. Ich hauche ihm noch einen flüchtigen Kuss auf den Mund, er schmeckt zweifellos und doch wunderbar nach Kaffee, dann verschwinde ich in unser gemeinsames Zimmer, um einen Termin beim Friseur zu machen. Mir ist zwar noch nicht ganz klar, was ich mit meinen Haaren machen lassen will, aber ich habe eine ungefähre Vorstellung und das muss reichen.

***

Zufrieden betrachte ich mein langes, schwarzes Haar in einem spiegelnden Schaufenster, das durch die Stufen viel voller wirkt als zuvor. Der Pony verbirgt meine hohe Stirn ein wenig und ich finde, ich sehe so viel besser aus. Als ich nach Hause komme - etwas anderes ist dieses Haus inzwischen nicht mehr -, zögere ich kurz, doch dann betrete ich den Hausflur und gehe die Treppe hoch in das Zimmer, das ich inzwischen in- und auswendig kenne. Bill liegt ausgestreckt auf dem Bett und schaut angestrengt auf den Fernseher. Erst als ich mich räuspere hebt er den Kopf und schaut mich einige Sekunden prüfend an, dann setzt er sich auf und streckt seine Hand nach mir aus, um mich auf seinen Schoß zu ziehen. Und im nächsten Moment sagt er etwas, das ich irgendwie gar nicht erwartet hätte. „Ich hab dich vermisst“, nuschelt er in mein Ohr, dann streicht er mir das Haar aus dem Gesicht und vergräbt seine Lippen an meinem Hals, um dort zärtlich zu knabbern. „Was denn, nach so kurzer Zeit?“, frage ich halb belustigt, halb geschmeichelt. „Mhm“, murmelt er nur und macht weiter, wo er aufgehört hat.
Es dauert nicht allzu lange und mein Körper ist unter seinem gefangen, seine Lippen haben noch immer nicht meine berührt, stattdessen haucht er weiterhin kleine Küsse auf meinen Hals und an mein Schlüsselbein, ich rolle mich auf der Seite zusammen und genieße seine Berührungen. Er legt seine Hände an meine Hüfte und fährt mit den Lippen an meinem Bauch entlang, hinterlässt eine heiße Spur auf meiner Haut. Ich seufze leise und schließe die Augen, lasse es zu, dass seine Hände auf Wanderschaft gehen und mich beinahe spielerisch necken, so als hätten wir ewig Zeit. Und obwohl ich weiß, dass das nicht der Fall ist, fühle ich mich vollkommen wohl.

Die folgenden Tage verbringen wir hauptsächlich im Zimmer, die Zeitbombe unter uns tickt immer lauter und manchmal droht mein Herz zu bersten, meistens in den Momenten, in denen wir uns besonders nahe sind. Doch er ist immer da, wenn ich unsicher werde, seine Nähe gibt mir Kraft. Sie tröstet mich auf seltsame Weise und das beruht hoffentlich auf Gegenseitigkeit.
Es mag vielleicht kitschig klingen, doch oft bleiben wir nächtelang wach, nur um unsere Liebe zu spüren und uns sicher zu sein, dass wir einander nicht so schnell verlieren können wie wir zuerst dachten.


Kapitel 39 - give me a shot to remember

Die letzten beiden Tage vergehen wie im Flug und doch quälend langsam. Es geht zu schnell, um ihn gehen zu lassen, und zu langsam, um nicht zu sehr darüber nachzudenken, um nicht an dem Gedanken zu verzweifeln. Es sind ja nur zwei Monate, sagt er immer. Doch wir beide wissen, dass sich das schlagartig ändern kann, dass er länger in Hamburg bleiben muss oder dass etwas anderes dazwischen kommt, von dem Knick, den unsere Beziehung unter Umständen bekommen kann, ganz zu schweigen. Es tut so weh, zu wissen, dass man hilflos ist, dass man nur warten kann und es nicht gewiss ist, ob der andere, dem man sein ganzes Leben schenken würde, zurückkommt. Und selbst wenn ich Bill blind vertraue, auch er ist nicht geschützt vor plötzlichen Hindernissen oder vor Gefühlen. Auch wenn ich krampfhaft versuche, es vor mir selbst zu verbergen - ich habe Angst, ihn zu verlieren.
Leise seufzend lasse ich mich auf einen der Liegestühle sinken, auf der Veranda ist es zwar fürchterlich kalt, aber das stört mich nicht im Mindesten. Ich brauche die frische Luft, um klarer denken zu können und meine Gefühle, die von Sekunde zu Sekunde mehr überschäumen, unter Kontrolle zu bekommen. „Schatz, was machst du denn?“ Seine Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Schatz. Das Wort hallt in meinem Kopf wieder wie das Echo in einer Höhle, einem leeren Raum. Genauso leer wie ich mich fühlen werde, wenn er weg ist. Genauso leer wie damals.
Das nächste, das ich fühle, sind seine warmen Hände und eine Wolldecke. Er will sich den anderen Stuhl holen, doch ich greife nach seiner Hand und ziehe ihn neben mich, um die Decke über uns beiden auszubreiten. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, legt er seine Arme um mich und zieht noch näher an sich, soweit das noch möglich ist. Es mag absurd klingen, aber wir wissen beide, dass jetzt jedes Wort überflüssig ist, jeder Satz wie eine dumme Floskel klingt und jedes Versprechen nur noch mehr wehtut. Irgendwann beginnt er, sanft mein Gesicht zu küssen, seine Lippen berühren jeden Zentimeter meiner Haut und ich spüre, wie der Kloß in meinem Hals noch größer wird, er droht mich zu ersticken, und doch will ich, dass er niemals damit aufhört. Eine vereinzelte Träne bahnt sich den Weg meine Wange hinab, er küsst sie weg bevor sie zu Boden fällt. „Nicht weinen“, sagt er leise und seine Stimme klingt so weich wie die eines wahrhaftigen Engels.
Er lächelt sanft, dann legt er seinen Kopf an meine Schulter und beginnt zu erzählen. Von sich, von seinem Leben und dem Musik-Business. Ich sauge jedes noch so kleine Detail begierig auf, um mich an möglichst viel zu erinnern, wenn ich nicht mehr bei ihm sein kann. Ich drücke mich noch enger an ihn, obwohl er so zerbrechlich wirkt, will so viel von seinem Geruch aufnehmen, wie ich nur kann, so oft und intensiv seine Lippen spüren wie möglich.

Die Nacht ist sternenklar und während wir reden, betrachte ich den Himmel, denn ich könnte es nicht ertragen, ihn jetzt anzusehen. Jetzt sein Gesicht zu sehen, würde mich umbringen, der Ausdruck in seinen Augen würde mich noch schwächer machen, als ich es sowieso schon bin. Mein Kopf liegt an seiner Brust, er atmet ruhig, nur gelegentlich glaube ich, seine Stimme leicht schwanken zu hören. Doch dann drückt er mich einfach für ein paar viel zu kurze Sekunden an sich, um schließlich weiter zu reden. Irgendwann hält er inne, in der Stille zwischen uns liegt etwas, das ich nicht zu greifen wage, nicht jetzt und hier. Er legt seine Hand an meinen Kopf, seine Lippen ruhen auf meiner Stirn.
Eine Weile lang verharren wir so, dann fordert er leise: „Horizon? Schau mich mal an“ Ich hebe den Kopf, nicht sein liebevoller Tonfall irritiert mich, sondern der drängende Unterton, die Wichtigkeit, die in seinen Worten zu stecken scheint. Er legt seine Hand an meine Wange und schenkt mir einen dieser Blicke aus seinen wunderbaren Augen, in denen ich am liebsten versinken würde. „Das hier ist das Romantischste und gleichzeitig Traurigste, das ich je getan habe“, sagt er schließlich beinahe nachdenklich und das, was er als nächstes sagt, lässt meinen Atem stocken. „Ich liebe dich“
Es sind die drei Worte, die zuvor noch nie gefallen sind, und dass er es gerade jetzt, in dieser Nacht, ausspricht, macht es mir noch schwerer, an den nächsten Morgen zu denken. Doch gegen dieses berauschende Glücksgefühl kommt selbst mein Verstand nicht an und dieses Mal lasse ich es zu, dass ich in seinen Augen versinke. Unsere Lippen treffen sich, es fühlt sich vertraut an und doch neu, wunderschön und doch beängstigend. „Ich liebe dich auch“, ist das Letzte, das ich über die Lippen bringe, ehe ich mein Gesicht wieder an seiner Halsbeuge vergrabe, um seinen Geruch auf mich einströmen zu lassen und nicht daran denken zu müssen, was morgen sein wird.
„Mein Angebot steht, du kannst es dir immernoch überlegen“ Der Schimmer von Hoffnung in seiner Stimme gibt mir den Rest und ich beiße mir krampfhaft auf die Unterlippe, um nicht alles noch schlimmer zu machen. „Es geht nicht“ Ich spüre, wie meine Stimme versagt und bin dankbar dafür, dass er nicht weiter nachfragt, sondern mein Gesicht in seine Hände nimmt und mich küsst. Es ist ein unschuldiger Kuss, zaghaft wie am ersten Tag und rein wie das Licht, das er ausstrahlt. In dieser Nacht bin ich mir sicher, dass die Engel im Himmel weinen, dass sowohl sie als auch wir ein Herz haben, und selbst das leise Knarren des Liegestuhls, auf dem wir uns ein letztes Mal lieben, scheint verzweifelt.

Mitten in der Nacht beginne ich zu frieren, schmiege mich automatisch noch enger an seinen nackten Oberkörper und lasse das warme Gefühl zu, das auf mich gewissermaßen tröstend wirkt. Das vielleicht letzte Mal sehe ich ihm beim Schlafen zu, sehe, wie er ruhig atmet, sein Haar ist verstrubbelt und trotzdem könnte sein Anblick nicht perfekter sein. Ich will mich auf die andere Seite drehen, doch er murrt nur und zieht mich wieder an sich, um sein Gesicht an meinem Schlüsselbein zu vergraben und weiterzuschlafen. Und als der Schlaf auch mich übermannt, lächle ich.

Am Morgen ist alles ganz anders. Die melancholische Stimmung vom Vortag ist fast restlos verschwunden, das Toben der Gefühle hat sich gelegt, was jetzt herrscht, ist stille Gelassenheit. Nichts kann sein Fortgehen noch verhindern, die Geschichte ist längst geschrieben und seltsamerweise kommt keine Panik mehr auf, wenn ich an den Abschied denke. Vielleicht war es die Art, wie er mich letzte Nacht gehalten hat oder vielleicht ist es die Tatsache, dass wir uns wieder sehen werden. Vielleicht habe ich aber auch noch gar nicht begriffen, dass er wirklich gehen muss.
Leise stehe ich auf und streife mir meine Hose über, ich will gerade mein Shirt anziehen, doch dann fällt mir etwas ein. Als er aufwacht, betrachtet er kurz irritiert sein Shirt an meinem Körper, doch dann lächelt er und greift nach meinem Oberteil, das unbeachtet am Boden liegt. Es ist seltsam, wie eine Erinnerung, an der man krampfhaft festhält, und doch ist es irgendwie tröstlich.
Ein leises Klopfen an der Tür reißt mich aus meinen Gedanken, einen Augenblick später betritt Simone die Veranda und sagt leise: „Der Wagen ist da“ Mir entgeht der traurige Unterton in ihrer Stimme nicht und in diesem Moment fühle ich mich mehr mit ihr verbunden denn je. „Sag ihnen, meine Sachen sind oben… ich brauche noch ein paar Minuten“ Er klingt wie ein Roboter und ich kann mich nicht dagegen wehren, dass die Traurigkeit von gestern zurückkehrt, jetzt, da wir nur noch so wenig Zeit haben. „Okay“ Und damit dreht sie sich um und lässt uns alleine.
„Komm mal her“ Dieses Mal bin ich es, die die Hand ausstreckt, er lässt es zu, dass ich ihn an mich ziehe und mein Gesicht in seinem Haar vergrabe. Sein warmer Atem wirbelt über meinen Hals, und mir wird klar, wie sehr ich das vermissen werde. Seine Nähe, seine Wärme und seine Liebe.
Er hebt den Kopf und senkt seinen Blick in meinen, sein Gesicht kommt immer näher und schließlich drückt er seine Lippen auf meine, fordernd und gleichzeitig hilflos wie ein Ertrinkender. Ich schließe die Augen und lasse ihn gewähren, seine Zunge sucht nach meiner, sein Piercing bildet einen Kontrast zu seinen weichen Lippen und mein Herz schlägt schneller als jemals zuvor. Meine Hand liegt in seinem Nacken und am liebsten würde ich ihn ewig so festhalten, denn so fühlt sich alles richtig an. Nach viel zu kurzer Zeit löst er sich wieder von mir, sieht mir ein letztes Mal tief in die Augen und sagt leise: „Wir sehen uns, bald“ Das Letzte, das ich fühle, ist sein letzter Kuss auf meiner Stirn, dann sehe ich, wie er durch die Tür geht, ohne sich noch einmal umzudrehen. Ich könnte ihm folgen, könnte zusehen, wie er wegfährt, doch ich bringe weder die Kraft noch den Mut auf und vielleicht ist es besser so.

Wenn ich darüber nachdenke, sollte ich eigentlich nicht traurig sein. Er hat mir so viel gegeben, so viel ist passiert in den letzten Wochen und nur durch ihn weiß ich, wer ich wirklich bin und dafür bin ich ihm dankbar. Ich würde mein Leben für ihn geben, obwohl ich noch immer nicht weiß, warum ich mich damals ausgerechnet zu ihm hingezogen gefühlt habe. Vielleicht war es Schicksal, das mich zu ihm geführt hat, vielleicht aber auch die leitende Hand einer höheren Macht, ich weiß es nicht. Ich hoffe nur, dass sie mich auch wieder zu ihm zurückbringen wird. Irgendwann.

.Ende.

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